Kampf um Ost-Ghuta Der Hass der anderen

Während der Westen mit Sorge auf die katastrophale Lage in Ost-Ghuta blickt, bejubeln die Anhänger Assads das Vorrücken der Armee. Im Netz verhöhnen sie Opfer und Überlebende.

Verletzte Kinder in Ost-Ghuta
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Verletzte Kinder in Ost-Ghuta

Von Tarek Khello


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Jeden Tag rücken syrisches Militär und verbündete Milizen weiter auf Ost-Ghuta vor. Jeden Tag fallen Bomben auf das Rebellengebiet am Rande von Damaskus. Hunderte Menschen sind seit Beginn der Offensive getötet worden, Tausende weitere wurden verletzt.

Während die Eingeschlossenen in Ost-Ghuta auf humanitäre Hilfe hoffen, fordert ein Teil ihrer eigenen Landsleute unnachgiebig ihre vollständige Vernichtung.

Da ist Mamun Rahma, Imam der Umajjaden-Moschee im Herzen der Hauptstadt. "In ein paar Tagen werden wir euch vernichten. Wir werden eure Revolution unter den Füßen der syrischen Armee begraben", schrie der Geistliche der größten und bedeutendsten Moschee Syriens bereits Ende Februar.

Adopt a Revolution

"Wir werden sagen: Haut ab ihr Schweine, ihr Mörder, haut ab ihr amerikanisch-israelischen Agenten. Dann werden wir die syrische Flagge in Ghuta hissen". Während seiner Rede hielt Rahma eine syrische Fahne in die Höhe. Am Ende seiner Hasspredigt betete er für die syrische Armee und die libanesische Hisbollah-Miliz, die an der Seite der Regierungstruppen kämpft.

Rahmas Predigt (Arabisch) auf YouTube

Doch nicht nur in den Moscheen, die unter Kontrolle des Regimes stehen, wird gegen die rund 400.000 eingeschlossenen Zivilisten gehetzt. Anhänger von Diktator Baschar al-Assad bejubeln auch auf Facebook und Twitter die Angriffe auf Ost-Ghuta.

Sie verlangen die Auslöschung der Vororte von Damaskus und den Tod aller dort lebenden Menschen. Assads Unterstützer verbreiten stolz Videos der rücksichtslosen Bombardierungen, die zehntausendfach geteilt werden. Aus den Kommentaren spricht der blanke Hass, mitfühlende Worte sind nicht zu lesen.

Ein Mann namens Ibrahim Habib hat etwa ein Video auf seiner Facebook-Seite gepostet, das zeigt, wie Retter der Zivilschutzorganisation Weißhelme versuchen, Menschen zu retten. Dazu schreibt er: "Zur Hölle mit euch, Gott verbrennt eure Seelen. Ghuta wird mit allen seinen Einwohnern ausgelöscht." Daneben postet Habib drei lächelnde Smileys. Yasmin, Lama, Ahlam und Lina und viele andere kommentieren das Video. Sie wünschen sich auch, dass die Menschen in Ost-Ghuta "zur Hölle fahren".

Die Anhänger des Assad-Regimes sehen in den Angriffen auf Ost-Ghuta einen "Befreiungskampf". User wie Ibrahim H. und vielen andere bitten deshalb in ihren Posts um göttlichen Beistand bei den Angriffen der syrischen Armee unter General Suhail al-Hassan auf Ost-Ghuta. Die Assad-Anhänger lieben den Mann mit dem Kampfnamen Tiger: "Oh Gott, beschütze den Tiger und die Männer des Tigers", posten in diesen Wochen viele Syrer in den sozialen Netzwerken.

Die sogenannten Tiger-Kräfte, die Spezialeinheiten unter Hassans Kommando, sind selbst in den sozialen Medien sehr aktiv. Sie posten Videos und Fotos von ihrem Vormarsch, die dann schnell und massenhaft verbreitet werden. Manches Video mit dem Hashtag "Ghuta muss vernichtet werden" sammelt rasch mehr als 9000 Likes.

Für die Uno-Resolution 2401, die eine sofortige Waffenruhe nicht nur in Ost-Ghuta, sondern im ganzen Land fordert, haben die Regimeanhänger nur Hohn und Spott übrig. Sie schreiben unter anderem: "Der militärische Prozess geht weiter und wir sagen schöne Grüße an die Waffenruhe!"

Dabei bekommen die Syrer in Damaskus und anderswo das Leid der Menschen in Ost-Ghuta durchaus mit - aber vielen ist es einfach egal. Adis Dermenjian schreibt: "Jemand sagte zu mir: 'Vergiss nicht, dass es Zivilisten gibt.' Ich sagte zu ihm: 'Ich weiß. Scheiß drauf'". Dieser Post wurde mehr als 1700 Mal geliked.

Andere schreiben: "Es gibt nur Schlampen. Gott verflucht jeden Zivilisten dort, alle müssen verbrannt werden, das ist Pflicht. Wir wünschen, dass kein Stein und kein Mensch dort bleibt." Unter dem Hashtag "Fassbomben der Gnade" schreibt Ola J.: "Manche Menschen in Ghuta hoffen, Gott zu treffen. Die syrische Armee wird ihre Wünsche erfüllen!" Ihr Profilfoto zeigt eine junge, freundliche Frau, die viel Spaß am Leben zu haben scheint.

Nicht zum ersten Mal ergötzen sich Assads Anhänger am Leid ihrer Landsleute. Vor einem Jahr bejubelten sie den Sieg des Regimes über die Aufständischen in Aleppo. Nach dem Ende der Schlacht zogen manche sofort los, um Selfies auf den Trümmern der Häuser der Opfer zu machen.

Die Perspektive der Assad-Anhänger auf die Geschehnisse zeigt, wie tief der Hass nach sieben Jahren Krieg in Syrien sitzt und wie schwer es werden wird, die Menschen irgendwann einmal wieder miteinander zu versöhnen.


Zusammengefasst: In Syrien bekämpft das Assad-Regime seine Gegner auf den Schlachtfeldern seit sieben Jahren. Die Anhänger des Diktators von Damaskus feuern das Militär dabei in den sozialen Netzwerken an und wünschen ihren Landsleuten Vertreibung und Tod. Der Hass ist grenzenlos - und wird tausendfach geliked und geteilt.



insgesamt 36 Beiträge
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miklo.velca 09.03.2018
1. Ebenso auch Erdogan und seine Anhänger
Im Gegensatz zum Massenmörder und Kriegsverbrecher Assad, genießt der türkische Führer Erdogan weltweiten Beistand bei seinem Völkermord an den Kurden. Sogar mit dem Segen des Papstes. Erdogans Imame weltweit beten auch für die Vernichtung der Kurden. Ein Großteil seiner Bevölkerung, auch hier in DE steht voll hinter ihm und bejubelt noch seinen Mord-Raub-Feldzug. Erdogan und sein Regime lobpreisen dabei noch die Waffenruhe, die für ganz Syrien gilt. Und dann noch die Verhöhung der Opfer, wie immer wieder von Gabriels warmen Freund Cavusoglu: "0 zu schaden gekommene Zivilsten" oder vom Vizepremier Bekir Bozdag:"Nicht ein Zivilist hat Nasenbluten". Merkel und der Rest der Welt schweigt noch immer. Stattdessen gibt es Annäherung und Neuanfang. Katastrophe!
bokrause 09.03.2018
2. Die Rebellen
in Ost-Ghuta haben zuvor jahrelang das Zentrum von Damaskus beschossen. Außerdem werden sie von den sunnitischen Extremisten unterstützt welche von Anfang an die Auslöschung aller Andersgläubiger gefordert haben und immer noch praktizieren sobald sie ein Gebiet erobern. Insofern muss man sich schon wundern dass diese Leute als arme Unterdrückte dargestellt werden, obwohl sie genauso grausam wie Assad's Truppen agieren unddas auf religiöser Grundlage. Eine ganz andere Frage ist, ob uns das Ergebnis des Krieges egal sein kann, schließlich wird entweder Al Qaida und Co gestärkt (wenn die Rebellen gewinnen) oder die Alawiten und die Hisbollah. Wobei die letzteren uns bisher wenigstens in Ruhe lassen.
dliblegeips 09.03.2018
3. Unverständlich
Die Rebellen dort sind genauso übel und haben mit ihren Angriffen Zivilisten in Damaskus getötet und verletzt und missbrauchen die Zivilisten in Ost Guhta als lebende Schutzschilder. Ihr Kampf ist aussichtslos. Anstelle gegen freies Geleit zu kapitulieren wird sinnlos weiter gekämpft. Es wird sicher einige Generationen brauchen, bis sich die Leute versöhnt haben siehe Libanon.
enzio 09.03.2018
4. Dschihadisten sind ausgenommen
Wenn es auch schwerfällt, es immer wieder zu betonen, Dschihadisten wie die von der Al-Nusra Front oder von Al-Quaida sind von der Waffenruhe ausdrücklich ausgenommen. Und das ist auch gut so! Russland ist diesen Rebellen mit dem Angebot zum freien Abzug und mit der Öffnung von Hilfskorridoren für die Zivilbevölkerung weit entgegen gekommen. Jetzt kann man nur hoffen, dass die Kämpfe in Ost-Ghuta schnell und siegreich beendet werden.
Ignorationsunwürdiger 09.03.2018
5. Ost-Ghuta
müsste nicht leiden, wenn nur die Islamisten das Feld räumen würden. Genau diese Rebellengruppe ist verantwortlich für die Opfer, die nicht sein müssten, zögen sie sich zurück. Aber sie wollen schändlicherweise die Bevölkerung als Schutzschild mißbrauchen....
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