Syrischer Colonel Hassan Assads "Tiger" zieht in die Schlacht

Er gilt als charismatisch und skrupellos: Assads Anhänger verehren Suhail al-Hassan als besten Kommandeur der syrischen Armee. Jetzt hat der Colonel, der die Fassbombenkampagne in Aleppo geplant haben soll, einen neuen Auftrag.

Umkämpfte Stadt Dschisr al-Schughur (im April): Rebellenkämpfer fahren mit einem Panzer durch die Stadt
AFP

Umkämpfte Stadt Dschisr al-Schughur (im April): Rebellenkämpfer fahren mit einem Panzer durch die Stadt


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Im letzten Moment gibt es doch noch Hoffnung für die Männer und Frauen im nationalen Krankenhaus von Dschisr al-Schughur, einer kleinen Stadt in Nordsyrien. Seit zwei Wochen haben sie sich dort vor islamistischen Rebellen verschanzt, belagert von allen Seiten. Immer wieder schlagen Geschosse in dem Gebäudekomplex ein.

Das Krankenhaus ist die einzig verbliebene Bastion der Anhänger von Baschar al-Assad in Dschisr al-Schughur, nachdem Rebellen die Stadt im April überrannten. Die recht zuverlässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte vermutet in dem Gebäude noch:

  • zwischen 100 und 200 Assad-treue Soldaten
  • rund hundert Zivilisten - syrische Beamte und ihre Angehörigen

Die Belagerten hoffen auf einen Mann: Colonel Suhail al-Hassan, genannt Tiger, rückt von Süden mit seinen Männern vor. Die Soldaten nennen sich "die Kräfte des Tigers" und verstehen sich als Eliteeinheit - diszipliniert, rücksichtslos, siegesgewiss. Aus der Luft werden sie von Syriens Kampfjets unterstützt.

Für den "Tiger" geht es in Dschisr al-Schughur auch um Rache. Im April musste er sich mit seinen Männern zurückziehen und die Stadt ihrem Schicksal überlassen - vorerst. Es ist der bisher einzige Makel in seiner militärischen Bilanz.

Der "Tiger" ist der neue Held der Assad-Anhänger

Suhail al-Hassan gilt als aufsteigender Star der syrischen Armee: ein Charismatiker mit sonnengebräuntem Gesicht und dunklem Schnauzer. Der 44-Jährige gehört wie Staatschef Assad der Minderheitskonfession der Alawiten an. Das hat seine Karriere beflügelt.

Mit seinen Siegen stieg Hassan in der Gunst von Diktator Assad. Er gilt als der Mann, dem die schwierigsten Missionen gelingen: Blitzschnell erobert er Gebiete zurück, die das syrische Regime schon verloren glaubt. Bisher war Staatschef Assad in Syrien der einzige, um den ein fanatischer Personenkult betrieben wurde. Assad bedeutet Löwe. Nun bekommt er mit dem "Tiger" einen Rivalen.

Dessen Rezept? Disziplin, Taktik und Brutalität: Hassan gilt als Planer der Fassbombenkampagne gegen Aleppo, die bereits Tausende Zivilisten das Leben kostete. Die Organisation Human Rights Watch bezeichnet die Bombardierungen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Aus Sicht des syrischen Regimes jedoch erfüllen die Bomben ihren Zweck. Die Belagerung der Assad-Truppen in Aleppo wurde gesprengt. Teile der Stadt sind weiterhin fest in der Hand der Regime-Getreuen.

Für Assad steht in Dschisr al-Schughur viel auf dem Spiel:

  • strategisch: Dschisr al-Schughur liegt auf der Verbindungsstraße zwischen den wichtigen Städten Aleppo und Latakia, an einem Taleingang. Von dort ist der Weg in die Küstenregion frei, wo viele Unterstützer Assads leben. Syriens Regime versuchte schon früh, mit Härte an der Stadt festzuhalten. Nahezu die gesamte Bevölkerung der Stadt wurde 2011 von Syriens Militär vertrieben. Das Regime misstraute den Einwohnern zutiefst: In der Stadt kam es schon in den Achtzigerjahren während des letzten großen Konflikts zu Protesten.

  • symbolisch: Die Belagerung des Krankenhauses weckt bei den Assad-Anhängern schlimmste Erinnerungen. 2014 hatte der "Islamische Staat" (IS) rund 250 syrische Soldaten auf dem Luftwaffenstützpunkt von Tabka eingekesselt. Es gelang dem IS, den Stützpunkt zu stürmen. Die Assad-treuen Soldaten wurden exekutiert und Videos davon im Internet verbreitet. Viele Assad-Anhänger waren schockiert und wütend. In sozialen Netzwerken schimpften sie, Assad habe ihre Angehörigen in Tabka im Stich gelassen. Einen ähnlichen Eindruck will Assad im Kampf mit den Rebellen um Dschisr al-Schughur unbedingt vermeiden.

Ein Rebellenkämpfer triumphiert: Im April haben die Rebellen Dschisr al-Schughur bis auf das Krankenhaus erobert
AFP

Ein Rebellenkämpfer triumphiert: Im April haben die Rebellen Dschisr al-Schughur bis auf das Krankenhaus erobert

Der Staatschef steht unter Zugzwang. Kurz nach dem Fall von Dschisr al-Schughur im April machte in Syrien ein Video die Runde. Es zeigte den "Tiger" im Kreise seiner Männer, stramm stehend mit Handy am Ohr. Am anderen Ende der Leitung: Assad. In dem Telefonat bat der Oberstleutnant dringend um Nachschub, die Munition sei ihm ausgegangen. Das Video hinterließ den Eindruck, Assad habe schon wieder die eigenen Männer im Stich gelassen. Den "Tiger" dagegen entlastete es: Er hätte ja weiter gekämpft, wenn man ihn nur gelassen hätte.

Assad stimmt seine Anhänger auf weitere Niederlagen ein

Ob es Suhail al-Hassan gelingt, die Belagerung um das Krankenhaus zu durchbrechen, bleibt abzuwarten. Assad selbst scheint skeptisch: Er nutzte einen seiner selten gewordenen öffentlichen Auftritte im Mai dazu, um seine Anhänger behutsam auf weitere Hiobsbotschaften vorzubereiten. "Syrien kämpft einen Krieg, nicht nur eine einzige Schlacht", sagte er in Damaskus.

Baschar al-Assad: Im Mai hielt er in Damaskus eine Rede zu Ehren der "Märtyrer"
REUTERS/ SANA

Baschar al-Assad: Im Mai hielt er in Damaskus eine Rede zu Ehren der "Märtyrer"

"Der Märtyrertod in Verteidigung des Vaterlandes ist der edelste", sagte Assad. "Wir müssen uns hüten vor Niedergeschlagenheit und vor denjenigen, die sie verbreiten", appellierte Assad.

Der 49-Jährige weiß, warum er warnt. Im fünften Jahr des brutalen Krieges sind seine Anhänger erschöpft, ihre Reihen ausgezehrt. Doch ein Ende der Kämpfe ist nicht in Sicht. Nun hofft er auf die Stunde des "Tigers".

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Zusammengefasst: Das syrische Regime will Dschisr al-Schughur zurückerobern. Die Stadt ist strategisch und symbolisch wichtig. Baschar al-Assad schickt den charismatischen Oberstleutnant Suhail al-Hassan, genannt "Tiger", vor. Für ihn geht es auch um Rache: Hassan will in Dschisr al-Schughur den bisher einzigen Makel in seiner militärischen Bilanz beseitigen.



insgesamt 103 Beiträge
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Seite 1
jenstw 13.05.2015
1. Erfolg!
wünsche ich dem Tiger im Kampf gegen Islamisten. Es ist eine Schande das wir die gewählte syrische Regierung nicht unterstützen, sie kämpft auch für unsere Interessen.
der_rookie 13.05.2015
2. Hm
Nach solchen Berichten sieht man innenpolitische Diskussionen mit anderen Augen...
ththt 13.05.2015
3. Hinweis
Sorry, aber die Syrien-Karte stimmt leider gar nicht. Der IS verfügt keinesfalls über so viel Territorium wie auf der Karte dargestellt. Bitte neu informieren und nachbessern!
Alacer 13.05.2015
4.
Ich weiß, er ist ein Diktator, trotzdem hoffe ich, dass seine Truppen das Krankenhaus befreien. Die Islamisten sind nicht besser und wenn diese siegen, dürfte es anschließend Massaker an den Alawiten geben. Kann man nicht Syrien aufteilen in ein Gebiet für die Alaviten und alle anderen, die dort bleiben wollen und ein weiteren Teil, den erst einmal unter UN Kontrolle steht? Dort könnten türkische Truppen mit UN Mandat für Ruhe sorgen, um zu verhindern, dass der IS sich dort festsetzt. Späte kann man durch eine Abstimmung klären, wie dessen Zukunft aussieht. Ich glaube, ich reiche das mal bei den UN ein ;-)
Bueckstueck 13.05.2015
5. Pest gegen Cholera
Zitat von jenstwwünsche ich dem Tiger im Kampf gegen Islamisten. Es ist eine Schande das wir die gewählte syrische Regierung nicht unterstützen, sie kämpft auch für unsere Interessen.
Interessant, dass du Giftgas und Fassbomben gegen Zivilisten als "deine Interessen" siehst. Assad ist nicht weniger schrecklich als Islamisten. Dort kämpft Pest gegen Cholera. Die einzig richtige Lösung wäre beide Seiten zu bekämpfen und zu besiegen. Dazu wird es aber nicht kommen.
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