Syrien Rebellen werfen Assads Armee weiteres Massaker an Zivilisten vor

Mehr als 200 Menschen sollen getötet, Hunderte verletzt worden sein: Syrische Regimegegner machen die Armee des Machthabers Assad erneut für ein Blutbad an Zivilisten verantwortlich. Laut der Regierung töteten "terroristische Banden" die Dorfbewohner in der Provinz Hama.


Hamburg - Syrische Regierungstruppen sollen nach Angaben von Aktivisten in dem Dorf Tremseh in der Provinz Hama ein Massaker verübt haben. "Mehr als 220 Menschen wurden getötet und rund 300 weitere verletzt", sagte Abu Omar, der örtliche Kommandeur der oppositionellen Freien Syrischen Armee, der Nachrichtenagentur dpa in der Nacht zum Freitag.

Bei den Opfern handele es sich vor allem um Zivilisten. Das syrische Fernsehen berichtete hingegen, dass "terroristische Gruppen" für das Massaker verantwortlich seien. Auch drei Angehörige der Sicherheitskräfte seien bei den Kämpfen ums Leben gekommen. Eine unabhängige Überprüfung der Angaben ist nicht möglich.

Syrischer Militärhubschrauber (während eines Manövers am 10. Juli 2012): Rebellen werfen der Regierung vor, Kampfhubschrauber gegen die Bevölkerung einzusetzen
AFP/ SANA

Syrischer Militärhubschrauber (während eines Manövers am 10. Juli 2012): Rebellen werfen der Regierung vor, Kampfhubschrauber gegen die Bevölkerung einzusetzen

Die Allgemeine Kommission für die Syrische Revolution erklärte, die Armee habe das Dorf am Donnerstag erst belagert und unter Beschuss genommen. Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge kamen dabei Kampfhubschrauber und Panzer zum Einsatz. Dann seien Milizionäre des Regimes aus umliegenden Dörfern in den Ort gekommen, um die Menschen in ihren Häusern zu töten. Die Suche nach den Opfern habe bis in die Nacht gedauert. 150 Leichen seien in die Moschee des Dorfes gebracht worden.

Aufruf zum Generalstreik

Ein aus dem Dorf geflohener Bewohner berichtete dem Nachrichtensender al-Dschasira, dass es sich bei den Milizionären um Alawiten gehandelt habe, die dem Clan von Präsident Baschar al-Assad treu ergeben seien. Sie seien über das Dorf hergefallen, nachdem sich die Rebellen aus der Gegend zurückgezogen hätten. Sämtliche Gebäude seien in Brand gesteckt worden.

Sollten sich die Angaben der Oppositionsgruppen bewahrheiten, wäre es das schlimmste Massaker an Zivilisten seit Beginn der Proteste gegen das Assad-Regime im März vergangenen Jahres. Ende Mai waren in der Ortschaft Hula 108 Männer, Frauen und Kinder getötet worden. Der Chef der Freien Syrischen Armee rief die Bewohner des Landes für Freitag zu einem Generalstreik auf, um gegen das Massaker zu protestieren.

Russland versagt Zustimmung zu Uno-Resolutionsentwurf

Ungeachtet des Blutvergießens ist der Uno-Sicherheitsrat noch weit von einer Resolution zum Syrien-Konflikt entfernt. Das mächtigste Gremium der Vereinten Nationen verhandelte zwar am Donnerstag (Ortszeit) über einen Entwurf, der auch die deutsche Handschrift trägt. Nach wie vor gibt es aber Widerstand Russlands, weil das Papier die Drohung von Sanktionen enthält, wenn sich die Parteien nicht an die Beschlüsse des Sicherheitsrats halten.

Teilnehmer sagten anschließend, dass die Mehrheit der Mitglieder in der Strafandrohung eine notwendige und sinnvolle Unterstützung des Friedensplanes von Sondervermittler Kofi Annan sehe. Russland lehne aber nach wie vor jeden Bezug auf Kapitel VII der Uno-Charta ab. Darin ist die Durchsetzung von Resolutionen geregelt, notfalls auch mit militärischen Mitteln. Der Entwurf beschränkt sich jedoch ausdrücklich auf Wirtschaftssanktionen und Reiseverbote und schließt militärische Mittel aus.

"Wir hatten eine gute, ruhige und konzentrierte Diskussion", sagte Deutschlands Uno-Botschafter Peter Wittig. "Aber da gibt es immer noch eine Kluft, und dabei geht es um Kapitel VII. Aber wir werden im konstruktiven Geiste weitermachen." Nach Angaben von Diplomaten sollen die Verhandlungen am Freitag fortgesetzt werden.

pad/dpa/Reuters/AFP

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Ottokar 13.07.2012
1. Aufruf zum Generalstreik
Der Chef der Freien Syrischen Armee rief die Bewohner des Landes für Freitag zu einem Generalstreik auf, um gegen das Massaker zu protestieren. Für die Leser die es nicht wissen, der Freitag ist in Syrien, wie in anderen moslemischen Ländern, wie der Sonntag in Deutschland. Da gehen die Leute in die Moschee wie bei uns eventuell in die Kirche. Dieser Satz in dem Artikel zeigt einmal mehr wie inkompetent die Berichterstattung über Syrien ist. Wie sagt man im Forum? 6 Setzen.
!!# 13.07.2012
2. Das Massaker in Hula wurde bis heute nicht geklärt
Zitat von sysopREUTERSMehr als 200 Menschen sollen getötet, Hunderte verletzt worden sein: Syrische Regimegegner machen die Armee des Machthabers Assad erneut für ein Blutbad an Zivilisten verantwortlich. Laut der Regierung töteten "terroristische Banden" die Dorfbewohner in der Provinz Hama. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,844160,00.html
Die Rebellen sagen, dass es die Regierung war. Die Regierung sagt, dass es die Rebellen waren. Kann es sein, dass wir eine ähnliche Situation im Dorf Tremseh haben?
homerlein 13.07.2012
3. Massaker an Zivilisten
Was in Syrien passiert nennt man ethnische Säuberung. Leider ist nicht nur UNO gespalten und nicht in der Lage etwas dagegen zu unternehmen. Auch hier, im Form, warten wir auf die Komentare, die uns erklären, warum das nicht stimmt und was eine "gut recherchierte" Berichterstattung auszeichnet. Arme Menschen! Und die hoffen immer noch, dass jemand sie retten wird!
schuldig_bei_verdacht 13.07.2012
4. Danke Anan
Und Herr Anan gibt immer noch Ultimatum. Verhanelt mit Verbrechern über möglichen Frieden. Wie kann man mit Kindermörder nach wiederholten Massakern in einem Tisch sitzen? Er hat ja zugeggeben daß die Regierung alle Punkte nicht gehalten hat!! Habe gerade Bilder und ein Video von diesem Massaker gesehen, jetzt kommen Russland-und-Kindermörder-Freunde und beschuldigen "Terroristische Banden". Ich bin Syrer und weiß besser wovon ich rede; die uns regieren sind Verbrecher und machen es weiter, weil die ganze Welt einfach zuschaut. Danke
j.f. Sebastian 13.07.2012
5. dreckige Taktik
Zitat von sysopREUTERSMehr als 200 Menschen sollen getötet, Hunderte verletzt worden sein: Syrische Regimegegner machen die Armee des Machthabers Assad erneut für ein Blutbad an Zivilisten verantwortlich. Laut der Regierung töteten "terroristische Banden" die Dorfbewohner in der Provinz Hama. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,844160,00.html
Diese sogenannten "Freiheitskämpfer" rekrutieren sich nichtzuletzt auch aus religiösen Fanatikern und gewalttätigen Spinnern, die als Richter und Henker selbstlegitimiert durch die Strassen ziehen. In Lybien haben solche "Freiheitskämpfer" unvorstellbare Grausamkeiten im Zuge der kriegerischen Auseinandersetzungen an schwarzafrikanischen Minderheiten und alten Rivalen verübt, sogar Friedhöfe wurden geschändet. Beim letzten Massaker in Hula/Syrien, das man Assad anhängen wollte, ergibt sich inzwischen ein differenziertes Bild... ----- "Auch Dschibril (Name geändert) ist jetzt hier. "Von ihm wussten wir als aller erste, dass das Massaker nicht von der syrischen Armee begangen wurde, sondern von den Rebellen", sagt Schwester Agnès-Mariam. Er habe die Gräuel miterlebt und das Kloster noch am gleichen Tag informiert. Dschibril ist die Nervosität deutlich anzumerken. Sollte nur eine Information nach draußen dringen, die auf seine Identität schließen ließe, wäre er ein toter Mann. Trotzdem erzählt er, langsam und mit bedachten Worten, seine Version des 25. Mai in Taldu. "Die Kämpfe begannen um die Mittagszeit, als die Rebellen aus ar-Rastan und Saan kommend, die Checkpoints der Armee um Hula angriffen", erzählt der Mann Ende dreißig. Die Stellung am Ortseingang, unweit des Krankenhauses wurde als erstes überrannt. Die Soldaten flohen und die Rebellen gingen ins Krankenhaus und töten dort Patienten. Warum weiß er nicht und genauso wenige, wie viele Menschen getötet wurden. Dann seien verschiedene Trupps gezielt in ausgewählte Häuser gegangen und hätten angefangen all ihre Bewohner zu erschießen. "Den Nachbarn taten sie nichts", erinnert sich Dschibril. Von den zwei getöteten Familien kannte er die Sajids persönlich. "Sie waren Sunniten, wie alle bei uns", versichert er. "Man hat sie umgebracht, weil sie bei der Revolution nicht mitmachen wollte." Auf die Frage, ob die regimetreuen Milizen der Shabiha die Menschen massakrierten, hebt Dschibril nur den Kopf und schnalzt landesüblich mit der Zunge: "Vollkommener Quatsch", sagt er." Syrien: Das Grauen von Hula und seine Zeugen - Nachrichten Politik - Ausland - WELT ONLINE (http://www.welt.de/politik/ausland/article107245065/Das-Grauen-von-Hula-und-seine-Zeugen.html) ----- Der "arabische Frühling" ist kein Sommermärchen der rosaroten Flower-Power-Revolution, sondern ein blutiger Machtkampf zwischen ideologischen Parteien, deren Gewaltdogmen und Menschenverachtung einander ebenbürtig sind.
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