Flüchtlinge im Libanon: Syriens Christen geraten zwischen die Fronten

Aus Zahlé berichtet

Für christliche Flüchtlinge aus Syrien ist die Lage besonders prekär: Aus Angst, als Verräter zu gelten, trauen sich die wenigsten, Hilfe anzunehmen. Manche von ihnen fürchten sowohl das Assad-Regime als auch die Rebellen.

Aufstand gegen Assad: Christen flüchten aus Syrien Fotos
REUTERS

Dschamal lebt in ständiger Angst. Wenn der schmächtige 22-Jährige mit rotblondem Stoppelbart den öffentlichen Bus von Beirut nach Zahlé im Bekaa-Tal nimmt, schweigt er während der ganzen Fahrt. Er fürchtet, mit seinem Akzent gegenüber den libanesischen Mitfahrern als Syrer aufzufallen. Das Bekaa-Tal gilt als Hochburg der Hisbollah, die mit dem syrischen Regime verbündet ist. In den vergangenen Monaten wurden in Hisbollah-dominierten Regionen immer wieder Syrer entführt.

Dschamal fürchtet sich auch davor, Hilfe anzunehmen. Im Libanon gibt es für die Syrer keine Flüchtlingslager. Um Pakete mit Decken, Essen oder Shampoo zu bekommen, müsste er sich bei einer der Hilfsorganisationen registrieren oder dem Uno-Flüchtlingswerk UNHCR. "Wenn ich mich irgendwo als Flüchtling melde, geben sie meinen Namen an die libanesischen Behörden weiter und die an die syrischen", glaubt er.

Zwar sind die meisten syrischen Flüchtlinge im Libanon vorsichtig, was den Kontakt mit Hilfsorganisationen angeht. Der Libanon galt lange als Hinterhof von Damaskus. Obwohl viele Organisationen versichern, sie würden keine Namenslisten weitergeben, trauen sich viele Flüchtlinge nicht zu ihnen. Doch für Christen ist die Situation besonders prekär.

Christen fürchten, als Verräter zu gelten

"Die syrische Regierung erwartet, dass die christliche Minderheit auf ihrer Seite steht", sagt Mira Shalghanian, die am Caritas-Flüchtlingszentrum in Zahlé für die syrischen Flüchtlinge zuständig ist. "Die Christen haben Angst, als Verräter zu gelten und nicht zurückkehren zu können, wenn der Regierung bekannt wird, dass sie geflohen sind."

Einer katholischen Organisation wie der Caritas oder den Kirchen vertrauen die christlichen Syrer noch am ehesten. Bei der Caritas in Zahlé sind rund 180 christliche Familien aus Syrien registriert, bei der griechisch-orthodoxen Kirche von Zahlé rund 340 Familien - 3330 Personen, die meisten von ihnen Christen. Manche Familien sind sowohl bei der Caritas als auch bei der Kirche registriert. "So gut wie keine Christen haben sich beim UNHCR gemeldet", sagt Shalghanian.

Wie die Flüchtlinge zu Regime und Rebellen stehen, hängt von ihren jeweiligen Umständen ab. Dschamal stammt aus Sahnaja, einem Vorort von Damaskus, in dem es noch relativ sicher ist. Hauptsächlich Christen und die Minderheit der Drusen leben dort. Dschamal ist im wehrdienstpflichtigen Alter und wie viele seiner Freunde desertiert. "Ich bin für die Freie Syrische Armee", sagt er über die bewaffneten Rebellen. "Ich kenne sie, einige meiner Freunde sind bei ihnen."

"Wir sind für Ordnung statt Chaos"

Es gibt jedoch auch Christen aus Sahnaja, die sich den Assad-treuen "populären Volkskomittees" angeschlossen haben. Diese "Volkskomittees" wurden vielerorts in Minderheitengegenden gegründet, um sich gegen die Rebellen zu verteidigen. Ihre Waffen erhalten sie vom syrischen Regime und mancherorts machen sie mit den Assad-Milizen gemeinsame Sache gegen sunnitische Zivilisten. "Im populären Volkskomitee von Sahnaja sind keine Christen, nur Drusen", behauptet Dschamal.

Über die anderen syrischen Christen, die jetzt in Zahlé gelandet sind, sagt er: "Sie sind alle auf Seiten des Regimes." Ganz so klar ist jedoch auch die Haltung dieser Flüchtlinge nicht. "Wir sind nicht für das Regime, sondern für den Staat - für Ordnung statt Chaos", präzisiert Abu Elias, einer von ihnen.

Fast alle syrischen Christen in Zahlé stammen aus Kusair, einer Stadt nahe Homs. Es ist die einzige, aus der systematische Drohungen und Übergriffe einer Rebellengruppe gegen Christen gemeldet wurden.

Abu Elias ist mit seiner Familie vor einem halben Jahr aus Kusair geflohen. Die Rebellen haben ihm gesagt, sie würden sie alle umbringen, wenn er nicht in einer halben Stunde sein Haus räume. Er sei ein Ungläubiger. Abu Elias packte seine Sachen, seine Frau und die zwei Kinder und verschwand.

Niemand weiß, wer die Rebellen sind

"Wer sind diese Bewaffneten?", fragt Abu Elias. Er erzählt, dass er vor eineinhalb Jahren ebenfalls an den Demonstrationen gegen das Regime teilnahm. "Ich dachte, vielleicht würde sich endlich etwas verbessern. Wir wollen mehr Freiheit, günstigere Lebensmittel und bessere Stromversorgung." In Kusair habe es nie Probleme zwischen den einheimischen Christen und Muslimen gegeben. Seit über tausend Jahren leben in Syrien Christen und Muslime zusammen, worauf man immer besonders stolz war. Die konfessionelle Konfliktlinie verlief in dem Land verstärkt durch die Assad-Herrschaft eher zwischen Sunniten und Alawiten. "Dann kamen diese Männer, die wir noch nie zuvor gesehen hatten, und nannten uns Ungläubige", sagt Abu Elias.

Keiner der geflohenen Christen aus Kusair kann den Namen der Rebellengruppe nennen, die dort operiert. Für sie ist es einfach nur die "Freie Syrische Armee", wie sich der Dachverband der syrischen Rebellen nennt. Ob es sich dabei um eine radikale syrische Gruppe handelt, oder eine, die ausländische Extremisten in ihren Reihen zählt, ist unklar. Je länger der Krieg in Syrien andauert, desto größer ist die Sorge, dass solche Gruppen, wie sie in Kusair bereits herrschen, sich ausbreiten.

Aus Aleppo gibt es Berichte, dass auch dort Extremisten anfangen sollen, gezielt Christen ins Visier zu nehmen. Auch dort bewaffnen sich Christen, um die Rebellen fernzuhalten, die sie als Invasion einer ungebildeten Landbevölkerung ins Stadtzentrum wahrnehmen. Diese Sicht dürften sie mit vielen der sunnitischen Einwohner Aleppos teilen.

Trotz dieser Befürchtungen hält der Deserteur Dschamal fest zu den Rebellen. Natürlich habe er Angst, "dass wir am Ende von Islamisten regiert werden", sagt er. "Aber das Regime ist schlimmer. Wenn sie mich finden, bin ich tot."

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insgesamt 66 Beiträge
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    Seite 1    
1. Schlimmer wirds immer
leser008 23.09.2012
Dummsein tut ja nicht weh. Nach der xx-ten Revolte kann jeder Esel wissen, dass nachher der Izlam-Scharia Staat kommt. Und da hat man als Christ, Abweichler, Dackelfan, Youtubegucker, Warmduscher, Schattenparker und weissnichtwas gaanz schlechte Karten. Die werden ihrem Assad noch so nachweinen wie wir dem Adenauer. Auf den hat man damals auch viel geschimpft. Merke: Schlimmer wirds immer.
2.
johann3333 23.09.2012
"Aber das Regime ist schlimmer. Wenn sie mich finden, bin ich tot." Tja, selber Schuld, wenn Sie gegen einen Staat mit Waffengewalt vorgehen.. In jedem anderen Land, inclusive der "demokratischen Westen" würden Sie ebenso verfolgt und eliminiert...
3. Appeaser vor!
muffpotter 23.09.2012
Zitat von leser008Dummsein tut ja nicht weh. Nach der xx-ten Revolte kann jeder Esel wissen, dass nachher der Izlam-Scharia Staat kommt. Und da hat man als Christ, Abweichler, Dackelfan, Youtubegucker, Warmduscher, Schattenparker und weissnichtwas gaanz schlechte Karten. Die werden ihrem Assad noch so nachweinen wie wir dem Adenauer. Auf den hat man damals auch viel geschimpft. Merke: Schlimmer wirds immer.
Dieser Artikel ist kontraproduktiv. Moslems könnten beleidigt sein, wenn man ihnen vorhält, Christen unmenschlich zu behandeln!
4. Total unglaubwürdig
teredonavalis 23.09.2012
Zitat von sysopFür christliche Flüchtlinge aus Syrien ist die Lage besonders prekär: Aus Angst, als Verräter zu gelten, trauen sich die wenigsten, Hilfe anzunehmen. Manche von ihnen fürchten sowohl das Assad-Regime als auch die Rebellen. Syrien: Christen zwischen Regime und Rebellen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,855827,00.html)
Aus eigener Erfahrung: die Christen unterstützen das Assad-Regime, weil es ihnen hilft. Sie haben Höllenangst vor den Alqaida-Kämpfern, die total gnadenlos sind. Die Behauptung in der Überschrift, dass die Christen Angst vor dem Assad-Regime haben sollen, ist total unglaubwürdig.
5. Danke für den Hinweis
leser008 23.09.2012
Zitat von muffpotterDieser Artikel ist kontraproduktiv. Moslems könnten beleidigt sein, wenn man ihnen vorhält, Christen unmenschlich zu behandeln!
Auwei, Sie haben recht. Da hab ich bestimmt wieder welche beleidigt. Die wechseln dann direkt von Normal/ Dauerbeleidigtsein zu Extrembeleidigtsein. Strafschärfend (falls das überhaupt geht) ist bestimmt, dass ich an einem Sonntag beleidigt habe. Gehe mich vorsichtshalber nachher im Wald verstecken.
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