Foltergefängnis in Syrien Die Hölle von Sednaja

Ein Amnesty-Bericht schildert, wie das Assad-Regime Häftlinge zu Tode quält. Zentrum der Folter ist das Militärgefängnis von Sednaja. Dort saß auch der Deutsche Mohammed Haydar Zammar ein.

Amnesty International/ Forensic Architecture

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Sednaja ist ein Ort der Einkehr und des Friedens. Seit fast 1500 Jahren pilgern Menschen in den Bergort rund 30 Kilometer nördlich von Damaskus ins Kloster Unserer Lieben Frau von Sednaja, eines der ältesten Klöster der Welt. Muslime und Christen hoffen gleichermaßen, dass die Marienikone des Klosters sie von ihren Leiden erlöst.

Kloster Unserer Lieben Frau von Sednaja
AP

Kloster Unserer Lieben Frau von Sednaja

Sednaja ist aber auch ein Ort der Folter und des Todes. Denn nur drei Kilometer vom Kloster entfernt befindet sich eines der schlimmsten und größten Foltergefängnisse des syrischen Assad-Regimes. Mehrere Männer, die das Militärgefängnis überlebt haben, schildern in einem aktuellen Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) die verheerenden Zustände in der Haftanstalt. Mithilfe ihrer Aussagen haben Spezialisten in forensischer Architektur ein dreidimensionales Modell des Gefängnisses nachgebaut.

Modell des Gefängnisses von Sednaja
Amnesty International/ Forensic Architecture

Modell des Gefängnisses von Sednaja

Das Militärgefängnis von Sednaja ist ein Ort, in den das Regime seit Jahrzehnten mutmaßliche Islamisten einsperrt. Von Qaida-Kämpfern, über Anhänger der Muslimbrüder, bis zu Jugendlichen, die mit Tonkassetten einer Predigt gefasst wurden. Nach der US-geführten Invasion des Irak machte das Assad-Regime einem Teil der Insassen ein Angebot: Sie durften das Gefängnis verlassen, erhielten eine kurze militärische Ausbildung und wurden dann in den Irak geschickt, um dort für al-Qaida gegen die US-Armee zu kämpfen.

Mahir al-Assad schlug Revolte in Sednaja nieder

Ein Teil der Ex-Insassen wurde nie wieder gesehen, doch viele Islamisten wurden nach ihrer Rückkehr nach Syrien verhaftet und landeten wieder in Sednaja. Sie fühlten sich betrogen und zettelten 2008 eine Revolte an. Erst nach Monaten stürmten die Republikanischen Garden das Gefängnis und schlugen den Aufstand nieder. Dutzende Insassen wurden getötet. Mahir al-Assad persönlich befehligte die Operation. Auf Videoaufnahmen ist zu sehen, wie der jüngere Bruder des Präsidenten mit seinem Handy Fotos von den verstümmelten Leichen der Opfer macht.

Mahir al-Assad in Sednaja
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Mahir al-Assad in Sednaja

Auch ein Deutsch-Syrer saß jahrelang in Sednaja ein - mit Billigung der Bundesregierung. Mohammed Haydar Zammar war nach dem 11. September 2001 von der deutschen Polizei wegen seiner Verbindungen zu Osama Bin Laden überwacht, dann auf einer Reise nach Marokko von der CIA entführt und dann nach Syrien überstellt worden. 2013 ließ ihn das Regime im Zuge eines Gefangenenaustauschs mit islamistischen Aufständischen frei, inzwischen hat er sich offenbar der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) angeschlossen.

"Es ist völlig dunkel, es gibt kein Licht."

Die Haftbedingungen in Sednaja waren schon immer verheerend, seit Beginn des Aufstands gegen Assad vor fünf Jahren haben sie sich laut ehemaligen Insassen noch weiter verschärft. Die meisten Häftlinge werden nach Sednaja gebracht, nachdem sie zuvor bereits Monate oder Jahre von einem der rund 15 verschiedenen Geheimdienste in Syrien festgehalten wurden. Viele Insassen haben nie einen Richter gesehen, andere wurden innerhalb weniger Minuten von Militärtribunalen abgeurteilt. Ohne Rechtsbeistand, ohne Möglichkeit, Einspruch einzulegen.

Folterungen sind in Sednaja an der Tagesordnung - nicht etwa, um Geständnisse zu erpressen, sondern einfach nur, um die Insassen zu brechen, so schildern es Überlebende. Viele Insassen überleben die Misshandlungen nicht, Todesfälle sind an der Tagesordnung. "In Sednaja fühlte es sich an, als sollte die Folter eine Art der natürlichen Selektion erreichen - als wollte man die Schwachen loswerden, sobald sie eintrafen", erzählt Omar S. in dem Amnesty-Bericht. Er saß von Mitte 2013 bis Juni 2015 in Sednaja ein. Wärter prügelten einen seiner Freunde vor seinen Augen zu Tode, weil er zugegeben hatte, asthmakrank zu sein.

Nach ihrer Ankunft in dem Militärgefängnis werden die meisten Insassen zunächst in unterirdischen Zellen festgehalten - einige für ein paar Tage, andere bis zu neun Monate lang. "Es ist völlig dunkel, es gibt kein Licht. Du kannst nicht einmal die anderen Zelleninsassen sehen", berichtet Salam, ein Anwalt aus Aleppo, der von Januar 2012 bis Juni 2014 in Sednaja einsaß.

Häftlinge müssen schweigen und wegsehen

Das Gefängnis liegt in 1500 Metern Höhe, im Winter fällt die Temperatur unter den Gefrierpunkt. Trotzdem müssen die Gefangenen nackt bleiben oder dürfen höchstens Unterwäsche tragen. "In unserer Zelle haben wir uns zu siebt eine Decke geteilt", berichtet Maan. Er war Armeekommandeur in Homs und wurde im November 2011 verhaftet, weil er mit Soldaten über den Aufstand gesprochen haben soll.

Zu den Gefängnisregeln in Sednaja gehört absolute Stille. Gespräche zwischen den Gefangenen sind verboten, auch unter den Qualen der Folter müssen die Häftlinge schweigen. Zudem dürfen sie die Wärter nicht anschauen. "Als sie uns nach zwölf Tagen nach oben brachten, guckte einer der Gefangenen aus Versehen den Wärter an. Er wurde zu Tode geprügelt, genau vor meinen Augen", berichtet Qayis. Mehrfach seien Gefangene unter Todesdrohungen auch gezwungen worden, sich gegenseitig zu vergewaltigen.

Die Versorgung mit Nahrungsmitteln ist völlig unzureichend, manchmal warten die Insassen tagelang auf Essen. "Man müsste Bücher darüber schreiben, um den Hunger in Sednaja zu beschreiben", berichtet der Ex-Gefangene Wael. "Nach dem Essen suchten wir auf dem Boden nach einem Korn Reis oder Bulgur. Wir waren wie Hühner."

Die meisten Häftlinge sind nur aus Sednaja entkommen, weil ihre Familien sie schließlich aufgespürt und freigekauft haben. "Der Gefängnischef kann mit dir spielen", erzählt Omar S. "Er kann dich verkaufen oder er kann dich töten."

Omar S. gehört zu den Glücklichen, die der Hölle von Sednaja entkommen sind. Rund 20.000 andere Männer vegetieren dort weiterhin vor sich hin, der Willkür von Assads Schergen hilflos ausgesetzt. Auch jetzt, in diesem Moment.


Zusammengefasst: Ein Bericht von Amnesty International schildert erschreckende Zustände im Militärgefängnis von Sednaja. Dort interniert das syrische Regime politische Gefangene. Ehemalige Häftlinge berichten von alltäglichen Folterungen, die viele Insassen nicht überleben.

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