Rebellen in Idlib Jeder gegen jeden - und alle gegen Assad

Die syrische und die russische Luftwaffe bomben Idlib sturmreif. Ihnen entgegen stellen sich mehrere Rebellenbündnisse, die selbst untereinander verfeindet sind. So sehen die Machtverhältnisse aus.

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Es wirkte fast wie ein letztes Aufbäumen der Zivilgesellschaft in Syrien: Tausende Menschen versammelten sich am Freitagnachmittag in der Provinzhauptstadt und anderen Orten der Provinz Idlib, um gegen die bevorstehende Militäroffensive des syrischen Regimes zu protestieren. Sie schwenkten die grün-weiß-schwarze Flagge der Opposition und reckten Banner in die Luft mit Slogans wie: "Ich bin ein Bürger Idlibs, und ich habe das Recht, in Würde zu leben."

Die Bilder weckten Erinnerungen an die ersten Monate des Aufstands gegen Diktator Baschar al-Assad, als landesweit Zehntausende Syrer gegen das Regime auf die Straßen gingen. Nun schicken sich die Regierungstruppen an, mit Idlib die letzte große Hochburg der Opposition zurückzuerobern.

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Aufseiten der Rebellen versuchen mehrere Milizenbündnisse, genau das zu verhindern. All diese Allianzen sind dem islamistischen Spektrum zuzurechnen - und all diese Allianzen sind untereinander verfeindet. Der Überblick über die wichtigsten Gruppen:

  • Die "Nationale Befreiungsfront" (NFL) ist mit rund 40.000 Kämpfern das zahlenmäßig größte Militärbündnis in der Provinz Idlib. Die Allianz hat sich erst im Mai formiert, seither schlossen sich ihr mehrere Milizen an. Unter dem Banner der NFL kämpfen zum einen die islamistischen Gruppen Ahrar al-Scham, Failaq al-Scham und die Nureddin-Zengi-Brigade und zum anderen eher nationalistisch eingestellte Gruppen, die einst unter dem Dach der "Freien Syrischen Armee" gekämpft hatten. Ihr Anführer ist Fadlallah al-Haji. Er stammt aus einem Dorf im Norden von Idlib und war Ende 2012 aus der syrischen Armee desertiert. Seither befehligte er verschiedene Rebellentruppen. Zuletzt war er Oberkommandeur der von Ankara unterstützten Miliz Failaq al-Scham. Die Türkei rüstet die NFL aus und trainiert ihre Kämpfer, finanziert wird das Bündnis vor allem aus Katar. Bei allen ideologischen Differenzen zwischen den verschiedenen Milizen unter dem NFL-Dach eint sie ihre Feindschaft gegenüber dem Assad-Regime und gegenüber den Dschihadisten der Terrororganisation Hayat Tahrir al-Scham (HTS).
  • Die Hayat Tahrir al-Scham (HTS) zählt nach Schätzungen der Vereinten Nationen rund 10.000 Kämpfer in Idlib. Die Miliz ging 2016 aus der Nusra-Front hervor, dem syrischen Zweig des Terrornetzwerks al-Qaida. Vor zwei Jahren benannte sich die Nusra-Front zunächst in Jabhat Fatah al-Scham um und sagte sich offiziell von al-Qaida los. Anfang 2017 gründete Jabhat Fatah al-Scham zusammen mit anderen salafistischen Milizen die HTS. Trotz aller Umbenennungen gilt das Bündnis noch immer als Teil von al-Qaida und wird international als Terrororganisation geächtet. Ihr Anführer ist Abu Mohammed al-Golani; er hatte kurz nach Beginn des syrischen Bürgerkriegs die Nusra-Front gegründet. Auch die Türkei stuft die HTS offiziell als Terrororganisation ein, gleichwohl unterhält der Geheimdienst in Ankara noch immer rege Kontakte zu der Dschihadistengruppe. Sie kontrolliert unter anderem die Provinzhauptstadt Idlib und den syrisch-türkischen Grenzübergang Bab al-Hawa.
  • Die formale Lossagung der HTS von al-Qaida hat bei einem Teil ihrer Kämpfer für großen Ärger gesorgt. Sie haben Anfang des Jahres die Miliz Hurras al-Din, "Bewahrer der Religion", gegründet. Die Gruppe zählt mehrere Tausend Kämpfer und will sich al-Qaida als offizielle neue Syrien-Filiale andienen. Bis dato hat Qaida-Chef Aiman al-Zawahiri Hurras al-Din aber noch nicht förmlich als Teil seines Netzwerks anerkannt.
  • Daneben gibt es in Idlib mehrere Dschihadistenmilizen, die sich hauptsächlich aus ausländischen Kämpfern rekrutieren. Zu ihnen gehören die Gruppen Junud al-Scham und Ajnad al-Kavkas, in denen Hunderte Islamisten aus Tschetschenien und anderen Kaukasusrepubliken kämpfen. Es gehört zu den vorrangigsten Zielen Russlands bei der Militäroperation in Idlib, möglichst viele der Kämpfer aus den früheren Sowjetstaaten zu töten.
  • Noch kampfstärker ist die Islamische Turkestan Partei (TIP). In ihren Reihen kämpfen mehrere Tausend Uiguren aus China, sowie Angehörige anderer zentralasiatischer Turkvölker. Die TIP ist besonders im Westteil von Idlib, rund um die Kleinstadt Dschisr al-Schughur, aktiv.
  • Hinzu kommen noch zahlreiche kleinere Milizen, die ihre Heimatdörfer und -städte verteidigen wollen und die sich weder der NFL noch der HTS angeschlossen haben. Zu ihnen gehört unter anderem die Jaish al-Izza, die ganz im Süden der Rebellenprovinz aktiv ist und wegen ihrer Nähe zum Frontverlauf derzeit besonders im Fokus der Luftangriffe des syrischen und russischen Militärs steht.

Aufseiten des syrischen Regimes kämpfen in Idlib nicht nur Regierungstruppen, russische Luftwaffe und iranische Milizen, sondern auch kurdische Kämpfer. Sie gehören eigentlich den "Syrischen Demokratischen Kräften" an, die von den USA und ihren Verbündeten trainiert und ausgerüstet wurden, im die Terrororganisation "Islamischer Staat" aus dem Nordosten Syriens zu vertreiben.

Dieses Ziel haben die Kurden erreicht, nun wollen sie Vergeltung für Afrin. Anfang des Jahres hatte die türkische Armee zusammen mit syrisch-arabischen Milizen die kurdischen Kämpfer aus dem Gebiet vertrieben, das an Idlib grenzt. Das Kalkül der Kurden ist nun: Wenn sie Assad helfen, Idlib zurückzuerobern, könnte er ihnen helfen, Afrin zurückzugewinnen.

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