Flucht aus Syrien: "Vergesst eure Fotoalben nicht!"

Von , Beirut

Sie waren wohlhabend, fuhren zum Urlaub nach Griechenland, kauften Kunst und Designermöbel. Jetzt ist die syrische Familie auf der Flucht - und angewiesen auf Mildtätigkeit. Ihr Schicksal ist typisch für den Exodus der großen Mittelschicht des Landes.

Flucht aus Syrien: Winter im libanesischen Exil Fotos
AFP

Farah Schemi* möchte etwas loswerden: Für den Fall, dass Leser ihrer Geschichte irgendwann in ihrem Leben aus der Heimat fliehen müssen, möchte sie ihnen ihre Liste der zu packenden Sachen ans Herz legen. "Pässe, Gold, Bankunterlagen und Besitzurkunde der Wohnung, ganz wichtig", zählt sie auf. Fast noch wichtiger sei aber alles, was warm hält. "Bettdecken, warme Kleidung, feste Schuhe", sagt die 54-Jährige. Den dicken Mantel zöge man am besten gleich an, auch wenn es Sommer und draußen über 40 Grad heiß sei.

Eines habe sie gelernt, sagt Frau Schemi: "Man kehrt nie so schnell nach Hause zurück, wie man gehofft hat." Der erste Winter in der Fremde komme bestimmt. Und wenn in den ersten kalten Nächten alle Hoffnung schwinde, wenn sich die Erkenntnis durchsetzte, dass man alles verloren habe, seien warme Füße wenigstens ein kleiner Trost.

Dass sie einmal zur Expertin in Sachen Fluchtgepäck werden würde, hätte sich Frau Schemi nie träumen lassen - damals, als ihre Welt noch in Ordnung war.

Vor Beginn der Revolution in Syrien packte sie Koffer nur dann, wenn die Familie wieder mal in die Sommerfrische auf eine griechische Insel oder an die türkische Küste fahren wollte. In ihrem alten Leben beriet Farah Schemi als Diätassistentin gut zahlende Privatpatienten in Ernährungsfragen. Spezialisiert hatte sie sich auf Krebspatienten, die von ihr lernen wollten, wie die Ernährung ihren Heilungsprozess unterstützen konnte.

Auch ein Krebspatient wird Opfer des Krieges

Zwei Jahre und einen Krieg später ist das alles nur noch Erinnerung. Heute muss Farah Schemi dabei zusehen, wie ihr Mann Helmi an seinem Krebs zugrunde geht: Seine syrische Krankenversicherung zahlt keine Behandlung im Libanon, wohin sich die Familie vor dem Krieg in ihrer Heimat geflüchtet hat.

Und so sitzen die Schemis mit zwei erwachsenen Töchtern im Hinterzimmer einer libanesischen Moschee und sehen dabei zu, wie die Tage vergehen, wie die Lebenszeit des Vaters abläuft. Helmi Schemi, der doch eigentlich in Damaskus seine Druckerei leiten sollte, wird auf seine Art ein Opfer des syrischen Bürgerkriegs werden. Eines, das nicht durch Kugeln oder Bomben umgekommen ist.

Bis zu einer Million Syrer sind inzwischen in die Nachbarländer geflohen, schätzen die großen Hilfsorganisationen. Etwa 300.000 soll es in den Libanon verschlagen haben. Doch weil dessen Regierung dem Regime Baschar al-Assads in Syrien nahe steht, sind offizielle Stellen zurückhaltend, wenn es darum geht, den aus Syrien Vertriebenen zu helfen. Von Hilfsorganisationen betriebene Flüchtlingslager gibt es im Libanon nicht.

Wer Glück hat, kommt bei Verwandten unter oder hat genügend Geld, eine Wohnung zu mieten. Alle anderen Syrien-Flüchtlinge im Libanon sind auf die Hilfe Fremder angewiesen: Darauf, dass Moscheen Suppenküchen aufmachen, dass Bauern sie in ihren Ställen schlafen lassen, dass die Besitzer von Apartmentblöcken sie oben auf den Flachdächern unter Zeltplanen hausen lassen. Die medizinische Versorgung der Vertriebenen ist völlig unzureichend.

Viele der Flüchtlingskinder hungern, alle frieren

Erste Anlaufstelle für viele Flüchtlinge ist der libanesische Grenzort Maschdal Ansar. Von Schneebergen umgeben und nur eine Autostunde von Damaskus entfernt, war das Städtchen früher eine Schmugglerhochburg. Heute dient es als eine Art Auffanglager: Im Laufe der vergangenen Monate haben Zigtausende hier ihre erste Rast nach der Flucht über die Grenze eingelegt, Tausende sind geblieben. Seither herrscht in Maschdal Ansar - wie auch in vielen anderen libanesischen Städten - der Ausnahmezustand: Wasser und Strom gibt es nur noch stundenweise, es reicht einfach nicht für die sprunghaft angewachsene Bevölkerung. In den Schulen wird in zwei Schichten gelernt: Morgens die libanesischen Kinder, nachmittags die Syrer.

Auch die Schemis machten zuerst in Maschdal Ansar Stopp, nachdem sie im vergangenen Juli in einer Feuerpause aus dem Damaszener Stadtteil Kutseija geflohen waren. Die Eltern, die mit drei ihrer vier erwachsenen Kinder - der Älteste studiert in den USA - unterwegs waren, sprachen bei einer Moschee vor. Der Muezzin sagte, sie könnten eine Nacht in seinem Büro schlafen. Aus der einen Nacht sind sechs Monate geworden. Wenn ein levantinischer Wintersturm über die Berge zieht, fallen die Temperaturen im Raum unter den Gefrierpunkt. Wenn es wieder aufklart, rinnt Schmelzwasser die Wände ihrer Unterkunft hinab.

"Aber wir wollen uns nicht beschweren. Wir haben es noch gut. Viele Flüchtlinge leben im Freien, mit ihren Kindern, mitten im Schnee", sagt Mariam, die mit 31 Jahren älteste Tochter der Schemis. Sie und ihre Schwester Rula sind Lehrerinnen, haben an einer libanesischen Schule Arbeit gefunden, mit der sie die Familie ernähren. Nach Dienstschluss am Nachmittag unterrichten sie syrische Flüchtlingskinder, ohne Bezahlung. "Ich sehe an den Kindern, wie schlecht es den Eltern geht", sagt Mariam. Einige ihrer Grundschüler seien hochaggressiv, andere ob ihrer Kriegserlebnisse apathisch. Viele hungerten, alle frören: "Eine Hilfsorganisation zahlt für das Heizen der Klassenzimmer, aber das Geld reicht nur für jeden zweiten Tag."

Anfangs gingen die Schemis noch davon aus, dass ihr Exil schnell ein Ende haben würde, dass sie bald heimkehren könnten. Doch diese Hoffnung wurde ihnen bald genommen. Nur einen Monat nach ihrer Flucht rief ein Nachbar aus Damaskus an: In dem Apartmentblock, dessen dritter Stock ihre Eigentumswohnung war, habe es gebrannt. Zudem hätten Soldaten in allen Wohnungen geplündert.

Potentielle Schwiegersöhne sind gefallen

Mariam und Rula schlugen sich daraufhin nach Damaskus durch. Sie wollten die Habseligkeiten der Familie in Sicherheit bringen - doch es gab nichts mehr zu retten. Auf ihrem Smartphone zeigt Rula Bilder von den Trümmern, die einmal ihr zu Hause waren: Die Zimmer gleichen schwarzen, verrußten Höhlen. Was nicht verbrannt ist, wurde brutal zerschlagen, der Computer hat Einschusslöcher. "Im ersten Stock unseres Gebäudes hatten ein Arzt und ein Tierarzt ihre Praxen", sagt Rula. Die beiden Mediziner hätten anscheinend verletzte Regimegegner behandelt, die Armee habe sich am ganzen Haus gerächt. Bis auf eine Nachbarsfamilie sei die gesamte Hausgemeinschaft ins Ausland geflohen: Der Exodus der gut situierten und erstaunlich großen syrischen Mittelschicht.

Die Schemis und ihre Nachbarn gehören zu denen, die etwas zu verlieren hatten und es auch prompt verloren haben.

Rula hat auch andere Bilder auf ihrem Handy, Bilder aus glücklichen Zeiten. Sie zeigen die Familie beim vorletzten Geburtstag des Vaters: In einem mit Stilmöbeln dekorierten Wohnzimmer lachen Tanten mit Föhnfrisuren in die Kamera, Kinder werden von Arm zu Arm gereicht. Auf einer Mahagoni-Anrichte, unter einem modernen Gemälde, stehen Blumensträuße und Torten. Plötzlich tanzt Rula durchs Bild, die Haare offen, das Top knallblau und dekolletiert. "Andere Zeiten", sagt sie und klappt das Handy zu: Heute tragen Rula und ihre Schwester Jogginganzüge, legen ihr weißes Kopftuch auch drinnen nie mehr ab - immerhin sind sie auf das Wohlwollen des Moscheevorstehers angewiesen.

"Fotos gehören zu diesen Dingen, an die man im ersten Moment nicht denkt", sagt Farah Schemi. Keine einziges Babyfoto ihrer Kinder sei geblieben. Ihr Hochzeitsfoto, die Einschulungen, die Geburtstage - alles weg. Ihr Rat an jeden, der schnell das Nötigste einpacken muss: "Vergesst eure Fotoalben nicht!"

Dass der Krieg in Syrien das Leben ihres Mannes verkürzen wird, ist nur eine große Sorge von Frau Schemi. Sie sieht auch die Lebenswege ihrer Töchter in der Sackgasse: "Die Mädchen sind in dem Alter, in dem sie heiraten und eigene Kinder haben sollten", sagt sie. "Doch wen sollen sie heiraten?" 50.000 junge Männer in Syrien seien im Zuge der Revolution umgekommen, 70.000 verhaftet worden. "Die Männer, die meine Töchter hätten heiraten sollen, sind in der Revolution gefallen."

*alle Namen von der Redaktion geändert

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 51 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wer plündert ?
a.peanuts 25.01.2013
"Soldaten haben in allen Wohnungen geplündert" Höre ich zu erstem mal, Dass die FSA plündert,das ist bewiesen. Sehr einseitiger Bericht.
2. Verbrechen
ofelas 25.01.2013
Ich entsinne mich das die Al Kaida als Ziel angegeben hatte erst Irak, dann Syrien und zuletzt ihr eigentliches Ziel Saudi Arabien einzunehmen. Ich hielt die letzten beiden Ziele fuer Hirngespinste...damals Ersteres ist zum Teil auch mit der Hilfe der USA auch geschehen, Syrien jetzt auch mit der Hilfe des Westens, Tuerkei und Qatar/SA. Wir sind tatsaechlich dumm genug die wenige Laender wo die Religionen mit einander auskommenm auch der Irak gehoerte dazu, mit unserer Hilfe und Duldung der Unterstuetzung der Wahabiten, kaputzuschlagen. Hier werden fuer kurfristige Ziele (Irak = ich mag SH nicht, Syrien = Iran und die Hisbollah) uns massif in die laengerfristige Katastrophe zu bewegen. Die Christen die schon aus dem Irak fliehen mussten (bis 1 Mil) und mehrheitlich nach Syrien gezogen sind, und die 2 Mil Christen dort werden es uns danken... was mit den Alewiten und Shiiten passiert interessiert niemand, ausser wohl dem Iran
3. Ja, ne is klar...
snickerman 25.01.2013
Zitat von a.peanuts"Soldaten haben in allen Wohnungen geplündert" Höre ich zu erstem mal, Dass die FSA plündert,das ist bewiesen. Sehr einseitiger Bericht.
Alles, was nicht in Ihre einseitige Weltsicht passt, ist einseitig. Assad scheint hier in den Foren mehr Verteidiger zu haben als im eigenen Land.
4. Ja,
LeonLanis 25.01.2013
Zitat von a.peanuts"Soldaten haben in allen Wohnungen geplündert" Höre ich zu erstem mal, Dass die FSA plündert,das ist bewiesen. Sehr einseitiger Bericht.
eigentlich eine interessante Reportage, durchaus informativ. Und dann wieder diese wohl schon reflexhafte Anklage gegen die syrische Armee. Gut, vielleicht haben die Soldaten im konkreten Fall wirklich geplündert. Aber von Plünderungen der sog. Rebellen würde bei Spon niemals berichtet werden. So geht Tendenzjournalismus.
5.
ringelpietz 25.01.2013
Ach, ihr von SpOn, spart euch eure Krokodilstränen. Das sind doch nicht zuletzt eure eigenen Opfer!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Bürgerkrieg in Syrien
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 51 Kommentare
  • Zur Startseite

Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Syrien-Reiseseite

Flüchtlingskrise in Syrien

Karte