Rebellen in Syrien Die Schlagkraft der neuen Waffen

Maschinengewehre, Panzerabwehrraketen, Luftabwehrgeschosse: Auf verschlungenen Wegen erhalten die Aufständischen in Nordsyrien immer modernere Waffen. Vor allem die gemäßigten Rebellengruppen profitieren davon. Geraten die Islamisten in die Defensive?

Aus Aleppo berichtet Kurt Pelda

REUTERS

"Kopf runter", sagt Chalid Abu Saer, ein junger glattrasierter Kämpfer, der auch an der Front nur eine Pistole trägt. "Wenn du filmen willst, kannst du die Kamera nach oben halten, aber du selbst musst unten bleiben." Kaum wird das Objektiv über den Rand des Schützengrabens gehoben, pfeifen schon die ersten Kugeln herüber. Eines der Geschosse trifft einen Gesteinsbrocken in der Schutzmauer. Funken sprühen.

Schauplatz ist das Gelände des Hubschrauberflugplatzes von Minnagh nördlich von Aleppo, den syrische Rebellen und Hunderte ausländischer Dschihadisten seit länger als einem halben Jahr belagern. "Die Scharfschützen sind 700 Meter entfernt", sagt Chalid. "Weil das Gelände so flach ist, und die Soldaten sich im Flughafengebäude verschanzt haben, können sie von oben auf uns schießen. Aber unten im Graben sind wir sicher."

Er robbt durch einen kurzen Tunnel. Dahinter steht ein Panzerabwehrgeschütz - eine iranische Kopie der russischen SPG-9. Die Kanone sieht ziemlich neu aus. "Unsere Brigade hat vor zwei Tagen vier Stück davon erhalten", sagt Chalid. "Damit lehren wir Assads Panzer das Fürchten." Wann immer die Rebellen neues Kriegsmaterial erhalten, behaupten sie, die Waffen seien von den Gegnern erbeutet. Im Fall der iranischen Geschütze könnte das sogar stimmen, denn Syriens Armee bezieht immer mehr Waffen und Munition aus Iran. Genauso gut ist aber denkbar, dass Saudi-Arabien oder Katar die Geschütze geliefert haben. Die beiden Golfstaaten könnten die Waffen über Umwege erworben und über die Türkei in den Norden Syriens gebracht haben.

Dschihadisten aus Tschetschenien

Der Flugplatz von Minnagh, keine 15 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt, ist ein Mikrokosmos des syrischen Bürgerkriegs. Aus der ganzen Region waren Assads Soldaten samt ihren Panzern nach Minnagh geflüchtet, als sie aus den benachbarten Städten und Dörfern vertrieben wurden. Die vielen Panzer machen es den Rebellen unmöglich, die im Flachland gelegene Basis zu erobern. Seit einigen Wochen tauchen aber auf Seiten des Widerstands immer mehr Waffen auf, die den Rebellen einen Vorteil verschaffen.

Sind diese Waffen auch ein Indiz, dass die USA ihre Ankündigung wahr machen, der syrischen Opposition Militärhilfe zu leisten? Chalid bestreitet, dass das neue Kriegsmaterial in Minnagh aus amerikanischen Quellen stamme. "Obama hat Angst vor den Islamisten in Syrien, darum erhalten wir keine Hilfe von ihm. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf, dass die Amerikaner ihre Meinung ändern." Chalid kämpft in der Brigade "Nordsturm", die der losen Dachorganisation der Freien Syrischen Armee (FSA) angehört. Die Einheit gilt zwar als gemäßigt, arbeitet aber eng mit den hiesigen Dschihadisten zusammen, von denen die meisten aus Tschetschenien stammen.

Diese Tschetschenen, zusammengefasst in der mit al-Qaida alliierten "Armee der Emigranten und Unterstützer", setzen russische Luftabwehrraketen des Typs SA-16 ein, auf um Versorgungshubschrauber des Regimes zu feuern. Regelmäßig werfen die Maschinen aus großer Höhe Behälter mit Nachschub ab. Kurz über dem Boden öffnen sich dann weiße Fallschirme. Manchmal weht der Wind die Fracht in die Schützengräben der Rebellen.

Beute aus syrischen Armeebeständen

Die Raketen haben die Kämpfer wahrscheinlich aus syrischen Armeebeständen erbeutet. In Minnagh und anderen Orten sind allerdings auch chinesische Luftabwehrraketen des Typs FN-6 gesichtet worden. In den Händen der Tschetschenen sind diese Waffen bisher nicht aufgetaucht, wohl aber anderes Material, das sich nie im Besitz der syrischen Armee befunden haben kann. So ist auf einem Video ein tschetschenischer Dschihadist zu sehen, der eine kroatische Bazooka des Typs Osa M79 auf einen Panzer abfeuert.

Diese Panzerabwehrrohre gelten als äußerst wirksam und sind deshalb bei den Rebellen sehr beliebt. Laut kroatischen Presseberichten wurden die M79 zusammen mit anderen Panzerabwehrwaffen mit Geld aus Saudi-Arabien gekauft, wobei die amerikanische CIA - und möglicherweise auch europäische Geheimdienste - ihre Hände im Spiel hatte. Die Waffen wurden an gemäßigte Rebelleneinheiten geliefert, doch weil die Islamisten über Spendengelder von reichen Arabern verfügen, können sie sich das Material auch auf dem Schwarzmarkt besorgen.

Die bisher verheerendste Wirkung erzielten in Minnagh und dem nahe gelegenen Aleppo drei Typen von Panzerabwehrlenkwaffen:

  • Bei zweien von ihnen, der russischen Kornet und der Konkurs, kann man kaum feststellen, ob sie erbeutet oder vom Ausland geliefert wurden. Allein die große Zahl der in letzter Zeit aufgetauchten Konkurs-Raketen ist aber ein Indiz dafür, dass eine ausländische Macht die Rebellen diskret damit beliefert.
  • Im Fall der chinesischen HJ-8, genannt "roter Pfeil", ist das anders, denn diese Panzerabwehrwaffe wird von den syrischen Streitkräften nicht verwendet. Diese Raketen müssen also in jedem Fall aus dem Ausland nach Syrien gelangt sein.
  • Das gilt auch für die schultergestützte Flugabwehrrakete FN-6 und das Scharfschützengewehr M99, beide aus China. Die FN-6-Raketen, mit denen die Rebellen in Minnagh mindestens einen Hubschrauber des Regimes abgeschossen haben, wurden angeblich von Katar geliefert.

Waffenlieferungen der Saudis

Im Nordwesten von Aleppo hatte das Regime seine Offensive "Nordsturm" angekündigt. Ziel war der Belagerungsring der Rebellen um die von den Regierungstruppen gehaltenen westlichen Stadtteile - und der Belagerungsring um die Hubschrauberbasis Minnagh. Der Vorstoß scheiterte jedoch kläglich, weil die Rebellen Assads Panzer mit den neuen Lenkwaffen zusammenschossen, als sich diese aus dem Stadtgebiet wagten.

Neu in diesem Krieg ist, dass die Waffen nun vor allem bei gemäßigten Rebelleneinheiten zu landen scheinen. Im Nordwesten und Westen von Aleppo gibt es einen Frontabschnitt, der von Islamisten gehalten wird und einen anderen, an dem die gemäßigten FSA-Verbände kämpfen, wie die Brigade der freien Syrer oder die Brigade Nur al-Din al-Sinki. Während die Islamisten kaum Gelände gut gemacht haben, sind die gemäßigten Rebellen dank ihrer neuen Waffen im Westen von Aleppo in die Offensive gegangen und in den vergangenen Wochen tief in die Regierungsviertel vorgestoßen. Angeblich konnten die Amerikaner Saudi-Arabien überzeugen, nur noch gemäßigte Rebellen und nicht mehr die Islamisten aufzurüsten.

Verlieren die Dschihadisten an Rückhalt?

In den USA selbst haben die für Geheimdienstoperationen zuständigen Überwachungsausschüsse des Kongresses nun Waffenlieferungen unter Vorbehalt zugestimmt. US-Generalstabschef Martin Dempsey hatte zuvor in einem Brief an den US-Kongress fünf mögliche Optionen für ein militärisches Eingreifen skizziert - und vor milliardenschweren Kosten gewarnt.

Es ist, wie der junge Chalid sagte: Die Amerikaner haben Angst vor den Islamisten. Mit ihrem Abseitsstehen haben sie in den vergangenen zwölf Monaten paradoxerweise aber maßgeblich dazu beigetragen, dass die Islamisten in Syrien so stark werden konnten. Das Vakuum haben andere gefüllt. Auf der Seite der Rebellen war es al-Qaida, im Regierungslager waren das Iran und die libanesische Hisbollah-Miliz.

Doch möglicherweise haben die islamistischen Rebellen ihren Zenit bereits überschritten. Das Treuegelübde der Nusra-Front gegenüber al-Qaida hat zu heftigen internen Diskussionen geführt. Dies hat die Extremisten gespalten und geschwächt. Bei der Nusra-Front sind nun vor allem die Syrer geblieben, während sich die ausländischen Dschihadisten vornehmlich der Abspaltung anschlossen, die sich "Islamischer Staat von Irak und Großsyrien" (ISIS) nennt.

Diese Terrortruppe macht sich bei vielen Syrern zunehmend unbeliebt - durch brutale Hinrichtungen und religiöse Intoleranz. Den Grenzübergang zur Türkei, das sogenannte Tor des Friedens in der Nähe von Minnagh, versuchte ISIS kürzlich vergeblich unter seine Kontrolle zu bringen. In der nahegelegenen Stadt Asas und anderen Ortschaften demonstrierten viele Menschen gegen die Radikalislamisten. Sie forderten, dass die Islamisten lieber an der Front kämpfen sollten statt sich in die Belange der Einheimischen einzumischen.

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felisconcolor 25.07.2013
1. geraten die
Zitat von sysopREUTERSMaschinengewehre, Panzerabwehrraketen, Luftabwehrgeschosse: Auf verschlungenen Wegen erhalten die Aufständischen in Nordsyrien immer modernere Waffen. Vor allem die gemäßigten Rebellengruppen profitieren davon. Geraten die Islamisten in die Defensive? http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-das-sind-die-folgen-der-der-waffen-lieferungen-a-912103.html
Islamisten in die Defensive? Als wenn es den Islamisten hinterher um eine Mustergültige Demokratie ginge. Vielleicht machen sich hier die Leute mal frei davon das dort nicht Mensch ärgere dich nicht gespielt wird. Das ist Krieg und kein Ponyhof. Der kriegt soviel und der hat mehr als ich sollte doch wohl im Sandkasten zurück geblieben sein. Hier herrscht Darwinismus in Reinkultur. Und wer zu spät kommt den bestraft das Leben. Lasst eure Gefühlsduseligkeit woanders aber nicht in der freien Welt. Dafür ist kein Platz mehr.
auweia 25.07.2013
2. Okay
Zitat von sysopREUTERSMaschinengewehre, Panzerabwehrraketen, Luftabwehrgeschosse: Auf verschlungenen Wegen erhalten die Aufständischen in Nordsyrien immer modernere Waffen. Vor allem die gemäßigten Rebellengruppen profitieren davon. Geraten die Islamisten in die Defensive? http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-das-sind-die-folgen-der-der-waffen-lieferungen-a-912103.html
Endlich mal ein Beitrag zur Hardware und nicht nur Händeringen ob der schrecklichen Situation. Ansonsten bin ich der Auffassung, dass ein Sieg der "gemäßigten Rebellen" nur graduell besser wäre als einer der "Islamisten". (Kann man die überhaupt noch auseinanderhalten?) Da jedwede Aktion bzw. Nichtaktion in dieser Sache (eingreifen, nicht eingreifen, Waffen liefern, selektiv liefern, Lichterkette...) nur falsch sein kann, sollte man sich unter diesen Umständen im Westen in der Tat überlegen, das Assad-Regime, als letztes laizististisches System der Region zu stützen.
kainkani 25.07.2013
3. Volk vs. Rebellen
das volk wird gegen die Rebellen siegen egal was für Waffen der Westen liefert
freiheitsrechte 25.07.2013
4. Na toll
Von wem auch immer die Rebellen diese Waffen erhalten. Der Schuss geht früher oder später nach hinten los. Siehe auch den Bürgerkrieg in Afghanistan 1979...
gallensten 25.07.2013
5. Dann wollen wir mal hoffen,
daß das Gute und die Wahrheit gewinnen werden und der internationale Terrorismus besiegt wird. Ich hoffe, die richtigen Terroristen beißen ins Gras.
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