Assad und Syriens Alawiten: Angst statt Treue

Von Christoph Sydow

Alawiten in Syrien: Die Geiseln der Assads Fotos
REUTERS

Syriens Diktator Assad gehört zur Minderheit der Alawiten. Die geheimnisumwitterte Religionsgemeinschaft gilt als wichtigste Stütze des Regimes. Jetzt sagt ein prominenter Alawit: "Wir sind nicht die Profiteure, sondern Knechte der Assad-Diktatur."

Damaskus - Massenproteste, Anschläge, Bürgerkrieg: Zweieinhalb Jahre dauert der Aufstand gegen das syrische Assad-Regime schon. Bürger haben demonstriert, Soldaten sind desertiert, Funktionäre haben sich von der Regierung losgesagt. Doch bis heute hat sich weder ein prominenter Alawit öffentlich gegen Staatschef Baschar al-Assad gestellt noch haben alawitische Oppositionelle in nennenswerter Zahl gegen den Diktator protestiert.

Die am weitesten verbreitete Erklärung dafür lautet: Die Assads, die selbst dieser konfessionellen Minderheit angehören, privilegieren die Alawiten seit mehr als vier Jahrzehnten - aber stimmt das wirklich? Dieser Lesart stellt sich nun ein hochrangiger Alawit entgegen. "Wir sind nicht die Profiteure, sondern die Knechte der Assad-Diktatur", schreibt Habib Abu Zarr in der aktuellen Titelgeschichte der Zeitschrift "Zenith".

Habib Abu Zarr ist ein Pseudonym. Der Autor ist syrischer Alawit und entstammt einer Familie, die mit der Familie Assad bekannt und mit hochrangigen Militärs verschwägert ist. Dass ein Angehöriger der gemeinhin als verschwiegen geltenden Alawitengemeinde sich in dieser Form öffentlich äußert, ist außergewöhnlich. Sein Text ist ein Appell, der sich sowohl an seine Glaubensbrüder in Syrien als auch an die internationale Gemeinschaft richtet. Abu Zarrs Botschaft: "Es gibt Alawiten, die gegen Assad sind."

Hass gegen die Alawiten ist in Syrien tief verankert

Der Westen dürfe die Minderheit, zu der weniger als zehn Prozent der Syrer gehören, nicht aufgeben, sondern müsse den wahren Charakter der "krankhaften Beziehung" zwischen Assad und den Alawiten erkennen, schreibt er. "Nur selten gelang es einem Herrscher, seine eigene Religionsgemeinschaft zu unterdrücken und zugleich dafür zu sorgen, dass sie es ihm auf Knien dankte." Mit Bedacht hat er für seinen Text ein deutsches Medium gewählt. Die Bundesrepublik werde im Nahen Osten als ehrlicher Makler geschätzt. Im Vergleich zu den Franzosen stünden die Deutschen der Propaganda der syrischen Opposition skeptisch gegenüber.

Denn auch wenn die Regierungsgegner gerne ein anderes Bild vermitteln: "Ressentiments - oft sogar glühender Hass - gegen die Alawiten sind in der Mehrheitsgesellschaft Syriens tief verankert", berichtet Abu Zarr. Und die Geschichte dieser Ablehnung reicht in eine Zeit lange vor Beginn des Bürgerkriegs zurück.

Ein Grund für die Ressentiments ist, dass das Alawitentum bis heute eine Geheimreligion ist. Die Wurzeln des Glaubens reichen bis ins neunte Jahrhundert zurück. Ihre religiösen Doktrinen unterliegen strikter Geheimhaltung. Wenn man heute Alawiten nach Grundlagen ihres Glaubens fragt, erntet man Achselzucken. Denn die Geheimhaltung hat dazu geführt, dass sogar die meisten Alawiten selbst kaum etwas über ihre Religion und ihre Geschichte wissen. Die Geheimnistuerei habe zudem dafür gesorgt, "dass sich die Alawitenhasser heute mehr im Recht fühlen denn je", argumentiert Abu Zarr in "Zenith".

Die Assads haben diese zwiespältige Identität der Alawiten gezielt ausgenutzt, um die Gemeinschaft an das Regime zu binden. Hafis al-Assad, der sich 1970 in Damaskus an die Macht geputscht hatte, spielte die religiösen Würdenträger der Alawiten gezielt gegeneinander aus. Wenn überhaupt, habe er sie nur allein empfangen, um sie sich dienstbar zu machen, schreibt Abu Zarr.

"Den wahren Dschihad führen die Alawiten"

Trotzdem hat es in den vergangenen Jahrzehnten Richtungsstreitigkeiten innerhalb der syrischen Alawiten gegeben. Der erbittertste Kampf wurde innerhalb der Herrscherfamilie selbst ausgetragen: 1984 wollte Hafis' Bruder Rifaat den Staatschef stürzen, als dieser mit Herzproblemen daniederlag. Der Putschist habe an dem Pakt zwischen dem Präsidenten und der korrupten sunnitischen Wirtschaftselite Anstoß genommen, schreibt Abu Zarr. Nachdem Hafis den Umsturzversuch niedergeschlagen hatte, entmachtete er seinen Bruder. Unter Berufung auf ein Assad-Buch von Patrick Seale beschreibt Abu Zarr die entscheidende Szene im Februar 1984:

"Sein Leben riskierend, da er weiß, dass Rifaat Schießbefehl gegeben hat, fährt er (Hafis al-Assad - d. Red.) in einem Wagen, den sein Sohn Bassel steuert, zum Wohnhaus seines Bruders. Der Wagen steuert auf den Checkpoint der Putschisten zu. Hafis al-Assad lässt (den Wagen) freiwillig anhalten. Er steigt aus, unbewaffnet und in Freizeitkleidung, geht auf den Posten zu und sagt nur den Satz: 'Nimm deine Männer und verschwinde.' Die Putschisten gehorchen; Rifaats Traum ist ausgeträumt."

Hafis entmachtete seinen Bruder also, ließ ihm aber formell den Posten des (bedeutungslosen) Vizepräsidenten - und ließ so einmal mehr die Alawiten über die wahren Machtverhältnisse im Clan im Unklaren.

Erst im Jahr 1998 enthob der Diktator seinen Bruder Rifaat aller Posten, auch um die Erbfolge seines Sohnes Baschar zu sichern. Als dieser nach Hafis' Tod im Jahr 2000 an die Macht kam, hatte er kein Interesse daran, den Hass zwischen Alawiten und Sunniten zu überwinden. Baschar unternahm nichts, um das Massaker von Hama aufzuarbeiten, bei dem alawitische Militäreinheiten 1982 einen Aufstand der sunnitischen Muslimbrüder brutal niedergeschlagen und Zehntausende Menschen getötet hatten. "Die Kollektivschuld der Alawiten an dem Massaker von Hama aufzulösen, hätte bedeutet, sie vom Schicksal des Hauses Assad loszubinden", schreibt der Alawit Abu Zarr. "Und das hätte das Überleben seiner Herrschaft in Gefahr gebracht."

Dieser Schicksalspakt hält bis heute im syrischen Bürgerkrieg. Die berüchtigten Schabiha-Milizen, die im Auftrag des Regimes grausam gegen Oppositionelle und Zivilisten vorgehen, würden von vielen Alawiten insgeheim verachtet, schreibt Abu Zarr, denn sie drangsalierten und nötigten auch die eigene Religionsgemeinschaft, die sie zu schützen vorgeben. Andere sehen in den Schabiha dagegen die "Tempelritter der Alawiten". "Den wahren Dschihad zur Verteidigung der eigenen Religionsgemeinschaft führen die Alawiten, nicht die sunnitischen 'Dschihadisten' auf der anderen Seite der Front."

Abu Zarr sieht nur eine Möglichkeit, um die Zukunft seiner Glaubensbrüder in Syrien zu sichern: Sie müssen sich von Assad lösen und eine eigene Identität entwickeln. "Solange sie nicht wissen, wer sie sind und woher sie kommen, bleiben sie Dispositionsmasse äußerer Mächte, Hassobjekte vieler Sunniten und willfährige Sklaven ihres Regimes." Aus dieser "Selbsthypnose" müssten die Alawiten Syriens endlich aufwachen.

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insgesamt 30 Beiträge
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1. Die Alawiten stellten in der Kolonialzeit die Soldaten,
spreepirat 19.09.2013
die als zuverlässige und privilegierte einheimische Minderheit in den französischen Troupes Spéciales du Levant die Sunniten in Schach halten sollten. Diese militärische Kraft nutzte den Alawiten beim Übergang aus der Kolonialzeit in die Selbständigkeit Syriens. Militärisch waren sie den anderen Bevölkerungsgruppen, auch den mehr als 80% Sunniten, überlegen und rissen die Staatsmacht an sich. Bis heute haben sie es geschafft, diese Machtgegen die Mehrheit zu verteidigen.
2. Toleranz
Beobachter123 19.09.2013
Bisher haben sich die Alewiten äußerst tolerant gegenüber anderen Glaubensrichtungen, insbesondere den Christentum, gezeigt. Den Alewiten bleibt garnichts anderes übrig als Assad die Treue zu halten. Falls die Aufständischen gewinnen sind sowohl die Alewiten, als auch die Christen in Syrien Geschichte.
3.
thinkrice 19.09.2013
Man kann natürlich auch gepflegt ignorieren, dass die Alawiten bis zur französischen Mandatszeit das rurale Proletariat Syriens stellten und von den Sunniten unterdrückt und miserablen Lebensverhältnissen gehalten wurden. Darüber hinaus leben die Alawiten nicht unbegründet in den unzugänglichen Bergen entlang des Mittelmeeres. Dort konnten sie sich vor dem Zugriff und der Schikanen der Sunniten abschotten. Man sollte die Niederschlagung des Aufstandes der Muslimbrüder auch mal in seinem Kontext darstellen. Die Muslimbrüder haben mehrere Jahre das Land mit Bombenanschlägen und Mordkommandos überzogen und es ebenfalls gewagt einen Anschlag auf Hafis al-Assad durchzuführen. Der endgültige Auslöser war die Ermordung von über 70 alawitischen Artelleriesoldaten und die "Befreiung" der Stadt Hama, in dem dort Polizeiwachen gestürmt und alle staatlichen Stellen angegriffen wurden. Das dies eine Reaktion der Staatsgewalt nach sich zieht ist wohl verständlich. Die genaue Anzahl an Toten ist immer noch nicht abschließend festzustellen.
4. Nach all diesen Meldung,
radeberger78 19.09.2013
Zitat von sysopSyriens Diktator Assad gehört zur Minderheit der Alawiten. Die geheimnisumwitterte Religionsgemeinschaft gilt als wichtigste Stütze des Regimes. Jetzt sagt ein prominenter Alawit: "Wir sind nicht die Profiteure, sondern Knechte der Assad-Diktatur." Syrien: Das Verhältnis zwischen Alawiten und dem Assad-Regime - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-das-verhaeltnis-zwischen-alawiten-und-dem-assad-regime-a-922776.html)
stellt man sich doch die Frage wer kämpft denn überhaupt für Assad ? Geht man von der Annahme aus, das 80% Sunniten die Bevölkerungsmehrheit ausmachen und die gegen Assad sind, wäre der Krieg doch längst vorbei. So wie es hier in dieser Meldung dargestellt wird scheint es also nicht zu sein. Und wenn man sich die Bilder anschaut sind die Rebellen sehr gut bewaffnet, für einen Urbanenkonflikt und diese Waffen scheinen nicht aus Armeedepots zu sein. Diese Pipckups erinnern mich ehr an die die auch Libyen verwüstet haben .... sind es vielleicht die gleichen ????
5. Liebe Mitbürger
apalanca 19.09.2013
nicht einmal 8% der syrischen Bevölkerung besteht aus Aleviten. Der Beitrag stimmt insofern, dass sich die große Mehrheit der Aleviten nicht in ihren Glaubensangelegenheiten auskennen. Wahrscheinlich liegt es daran, dass nur die Männer -ab eines bestimmten Alters- gewisse Glaubensinhalte zu Gesicht kriegen. Schätzungsweise 0.5-3% der hier in Deutschland lebenden Muslime bezeichnen sich als Aleviten. 10-20% Schiiten und der Rest besteht aus Sunniten. Natürlich sind nicht alle gleich! Es gibt überall gute und böse Leute. Giftgas einzusetzen, Kinder und Unschuldige zu ... ist einfach nur verachtenswert und wird meines Wissens von keiner Religion gefördert. .
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