Flüchtlingsstadt Suruc Die Odyssee des Bürgermeisters

Tausende Menschen retteten sich aus dem syrischen Kobani in die türkische Grenzstadt Suruc, als der IS vorrückte. Nun ist der Bürgermeister selbst geflohen - nach Deutschland. In der Türkei gilt er als Verräter.

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Orhan Sansal gilt in der kurdischen Bevölkerung in der Türkei als Volksheld. Jetzt ist er ein Flüchtling. Seit dem 7. November lebt er in Deutschland, an einem geheim gehaltenen Ort. Am Freitagvormittag hat er bei der Polizei vorgesprochen und seinen Fluchtgrund dargelegt.

Sansal, Mitglied der prokurdischen Partei HDP, war Bürgermeister der türkischen Stadt Suruc, an der Grenze zu Syrien. Dann wurde er abgesetzt, wie Dutzende andere kurdische Bürgermeister in der Türkei auch. Von der türkischen Regierung wird er angefeindet, weil in Suruc während seiner Amtszeit kurdische Kämpfer medizinisch versorgt wurden, die sich in der syrischen Stadt Kobani im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) Verwundungen zugezogen hatten. Ebenso wird ihm vorgeworfen, dass in Suruc getötete kurdische Kämpfer beerdigt und ein Park nach einem kurdischen Gefallenen benannt wurde. "Dabei haben wir den Verletzten mit Zustimmung des Regierungspräsidiums und mit Wissen der Regierung geholfen", sagt Sansal SPIEGEL ONLINE. Im Nachhinein werde ihm nun ein Strick daraus gedreht.

Die Stadt mit etwa 60.000 Einwohnern war im September 2014 weltweit in die Schlagzeilen geraten, als Bewaffnete des IS jenseits der Grenze, nur wenige Kilometer von Suruc entfernt, auf Kobani vorrückten und sich dort wochenlang Gefechte mit kurdischen Kämpfern lieferten. Zigtausende Menschen flüchteten nach Suruc. Tausende kamen bei Verwandten, Freunden, in Schulen und Turnhallen unter oder übernachteten im Freien. Sansal sprach damals von "großer Hilfsbereitschaft", aber auch von "chaotischen Zuständen". Die meisten Flüchtlinge zogen weiter in andere Teile der Türkei oder Richtung Europa.

"Volksverräter", "Staatsfeind", "Terrorunterstützer"

Hunderte von Reportern aus aller Welt strömten damals nach Suruc, um von den Hügeln im Süden der Stadt nach Kobani zu schauen, die Massenflucht zu beschreiben und die Luftschläge der US-geführten Anti-IS-Allianz zu beobachten. In Suruc versammelten sich auch Mitglieder der verbotenen kurdischen PKK und Freiwillige aus aller Welt, um die Milizen der kurdischen Volksverteidigungseinheit (YPG), des syrischen Ablegers der PKK, im Kampf gegen den IS zu unterstützen.

Im Juli 2015 geriet der Ort erneut weltweit in die Schlagzeilen, als ein Selbstmordattentäter sich inmitten von zumeist jungen, linken, prokurdischen Aktivisten in die Luft sprengte. Dabei kamen 32 Menschen ums Leben. Sie hatten sich in Suruc getroffen, um nach Kobani zu gehen und dort Wiederaufbauarbeit zu leisten. Als Täter wurde der IS ausgemacht.

"Ich gehe davon aus, dass auch ich getroffen werden sollte", sagt Sansal. Der IS habe ihn auf die Todesliste gesetzt, weil er Suruc zu einem Symbol des Widerstands gegen den IS gemacht habe. Gleichzeitig nennen ihn regierungsnahe türkische Zeitungen einen "Volksverräter", einen "Staatsfeind" und "Terrorunterstützer". Deshalb werde er auch von Anhängern des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan mit dem Tode bedroht.

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Flüchtlingsstadt Suruc: Die Odyssee des Bürgermeister

In Deutschland hofft er jetzt auf ein sicheres Leben - und darauf, sei Frau und seine Kinder bald nachholen zu können, die noch in der Türkei ausharren.

Zu Fuß und per LKW nach Deutschland

Sansal hat eine Odyssee hinter sich. Als er im Dezember 2015 davon hört, dass er verhaftet werden soll, taucht er unter. Er reist zu Angehörigen nach Cizre, 300 Kilometer östlich von Suruc, im Dreiländereck Türkei-Syrien-Irak. Ausgerechnet dann verhängt die Regierung eine Ausgangssperre, das Militär geht in dem Ort gegen angebliche Terroristen vor. Dutzende Zivilisten kommen dabei ums Leben. Sansal harrt 80 Tage in einem Keller aus.

Danach reist er zurück nach Suruc. Während seiner Abwesenheit ist er im Februar 2016 als Bürgermeister abgesetzt worden. Seine Familie und er packen ihre Sachen und flüchten. Bis August verstecken sie ich in der Türkei. Alleine macht Sansal sich schließlich zu Fuß auf den Weg nach Bulgarien. Er flüchtet weiter per Lkw nach Rumänien. "Dort wurde mir gesagt, ich würde per Haftbefehl gesucht. Mein Pass und mein Ausweis wurden einbehalten."

Sansal flüchtet weiter, wieder in einem Lkw, über Ungarn und Österreich nach Deutschland. Hier hat er Cousins. In Bulgarien, Rumänien und Ungarn wolle er nicht bleiben, weil der türkische Geheimdienst dort einflussreich sei und weil er befürchte, womöglich in die Türkei zurückgeschickt zu werden.

Er wisse, dass er wegen des Dublin-Abkommens möglicherweise von Deutschland abgewiesen werde. "Aber er hat seine Karten offengelegt und der Polizei die Gründe genannt, weshalb er nach Deutschland gekommen ist", sagt Sansals Anwalt Memet Kilic, der von 2009 bis 2013 für die Grünen im Bundestag saß. Man hoffe, dass Sansal geholfen werde.

Vom Flüchtlingshelfer zum Flüchtling

Am Freitag war Sansal mit Kilic bei der Polizei, um feststellen zu lassen, dass er tatsächlich gefährdet ist. Zum Beweis haben sie türkische Zeitungen mitgenommen, in denen Sansal als Feind der Türkei beschrieben wird.

Der frühere Bürgermeister jenes Ortes, der so viele Tausend Flüchtlinge aufnahm, ist nun selbst ein Flüchtling. Da er auch in Deutschland damit rechnet, zum Ziel von Gewalt zu werden, lebt er nicht in einer Gemeinschaftsunterkunft, sondern in einer Privatwohnung.

Ob er sich vorstellen könne, wieder in die Türkei zurückzukehren? "Ja, auf jeden Fall", antwortet er. "Aber das geht erst, wenn die dortige Regierung demokratisch ist und die Rechte von Minderheiten schützt." Also nicht, solange Erdogan regiert? Sansal überlegt. Dann sagt er: "Ich befürchte, das ist wohl so."

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