Assads geflohene Getreue: Der einsame Diktator

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Generäle, Spitzenpolitiker, Diplomaten - ein Getreuer nach dem anderen wendet sich von Syriens Diktator Baschar al-Assad ab. Immer mehr hochrangige Mitarbeiter fliehen ins Ausland und laufen zu den Aufständischen über. Besonders drastisch geschwächt wurden Armee und Sicherheitskräfte.

Syrien: Assads Überläufer Fotos
DPA

Damaskus - Je länger der Bürgerkrieg in Syrien andauert, desto mehr hochrangige Mitarbeiter laufen dem Regime von Staatschef Baschar al-Assad davon. Seit März 2011 halten die erbitterten Kämpfe bereits an, mehr als 45.000 Menschen sollen nach Angaben der Opposition ihr Leben gelassen haben. Lange Zeit ließ Assad großzügig Posten im riesigen Staatsapparat verteilen, große Teile der Bevölkerung profitierten davon. Doch jetzt scheinen seine Getreuen nicht mehr bereit zu sein, für den Präsidenten bis zum Letzten zu kämpfen. Sie packen die Koffer.

Nach Angaben des Senders al-Dschasira stieg die Zahl der Assad-Anhänger, die dem Diktator den Rücken gekehrt hat, seit Frühjahr dieses Jahres stark an. Mittlerweile sollen es 74 prominente Flüchtige sein. Am Freitag flohen wieder zwei Generäle der syrischen Luftwaffe, sie sollen sich in einem Lager für Deserteure in der Türkei aufhalten.

Ein Überblick über diejenigen, die Assad bereits den Rücken gekehrt haben:

Armee und Sicherheitskräfte
Hier lichten sich die Reihen besonders, wie eine Grafik von al-Dschasira eindrucksvoll zeigt, die die Abgänge der hochrangigen Mitarbeiter aufführt. Militär und Polizei sind das Rückgrat von Diktator Assad. Immer wieder schwört er seine Soldaten und Sicherheitskräfte auf einen Kampf gegen die Rebellen mit aller Härte ein. Doch angesichts der zähen und brutalen Gefechte wenden sich viele Soldaten ab. Tausende haben die Seiten gewechselt, kämpfen für die Freie Syrische Armee. Allein in der Türkei sollen sich mittlerweile mehr als 40 Generäle befinden, die sich den Rebellen angeschlossen haben.

Spektakulär war der Abgang des Chefs der Militärpolizei, General Abdelasis Jassim al-Schalal, an Weihnachten. Er war lange Zeit derjenige, der dafür sorgte, dass die Soldaten nicht fliehen konnten - notfalls mit Gewalt. Nun begründet Schalal seine Flucht eben mit diesem brutalen Vorgehen der Regierungstruppen. Die Armee habe nicht mehr die Mission, das Volk zu schützen, sondern sei zu einer marodierenden, mordenden Bande verkommen, so der General.

Bereits im Juli war Brigadegeneral Manaf Tlass mit Hilfe des französischen Geheimdienstes desertiert - ein weiterer hochrangiger Überläufer. Tlass war lange ein Vertrauter Assads und ein Befehlshaber der Republikanischen Garde gewesen, brach dann aber mit dem Präsidenten. Er soll die militärischen Angriffe auf zivile Wohngebiete in den Protesthochburgen kritisiert haben. Gerüchten zufolge stand er seit Mai 2011 deshalb sogar unter Hausarrest. Jetzt befindet sich der General im Ausland. Er will sich in der Opposition engagieren. Der 48-Jährige hat bereits angekündigt, die zersplitterte Exil-Syrer zusammenführen zu wollen. Doch der Lebemann, der schnelle Autos, teure Zigarren und schöne Frauen liebt, ist unter den Regimegegnern wegen seiner bisherigen Nähe zum Apparat in Damaskus heftig umstritten. Er muss sich nun Vertrauen der Opposition erarbeiten.

Kabinett
Die syrischen Behörden behaupten, er sei im Urlaub. Doch vieles deutet darauf hin, dass der Sprecher des syrischen Außenministeriums, Dschihad Makdissi, Anfang Dezember mit seiner Familie aus dem Bürgerkriegsland ausgereist ist. Obwohl Makdissi nicht zum engsten Kreis der Assad-Vertrauten gehörte, hatte er doch regen Kontakt mit Außenminister Walid al-Muallem und Informationsminister Adnan Mahmud. Besonders beunruhigend für Assad: Der Ex-Sprecher kooperiert offenbar mit den US-Behörden. Wie der "Guardian" berichtete, soll er dem US-Geheimdienst wichtige Informationen über den Machtapparat Assads übermittelt haben. Über Makdissis derzeitigen Aufenthaltsort gibt es unterschiedliche Angaben, der "Guardian" schrieb, er sei in Washington.

Ministerpräsident Riad Hidschab hatte sich im August nach nur zweimonatiger Amtszeit mit seiner Familie nach Jordanien abgesetzt. Seine Begründung: Assad sei außerstande, die Kämpfe im Land zu stoppen, das Regime stehe vor dem Aus - er rief die Syrer auf, sich wie er der Opposition anzuschließen. Allerdings hatte Hidschab als Premier kaum Einfluss. Traditionell sitzen in Regierung und Parlament neben einer Handvoll Technokraten viele Opportunisten. Nur wenige wie der Verteidigungsminister, meist ein Militär, haben wirklich etwas zu sagen. Über die Politik entscheidet allein der Präsident. Abdo Hussameddin, Vize-Ölminister, verließ im März 2012 "das sinkende Schiff", wie er sagte. Hussameddin sprach von einem "kriminellen Regime". Er verkündete per Videobotschaft, er habe sich der Revolution angeschlossen.

Parlament
Vier Abgeordnete haben ihre Posten schon aufgegeben. Ende Juli floh als Erste Ikhlas Badawi mit ihrer Familie in die Türkei. Sie vertrat im Parlament die umkämpfte Wirtschaftsmetropole Aleppo. "Ich konnte die Grausamkeiten nicht mehr länger mitansehen", begründete die Politikerin ihren Schritt.

Diplomaten
Auch bei den Abgesandten verliert Assad an Rückhalt. Bisher sollen es 13 Vertreter sein, die sich von ihm losgesagt haben. Als Erster kündigte Mitte Juli Syriens Botschafter im Irak, Nawaf al-Fares, diesen Schritt an. "Ich gebe bekannt, dass ich von nun an auf der Seite der Revolution stehe", sagte er und forderte alle Syrer auf, sich gegen Assad zu stellen.

Schlagzeilen machte auch Abdel Latif al-Dabbagh, Syriens Botschafter in den Vereinigten Arabischen Emiraten, der sich zeitgleich mit seiner Ehefrau Lamia al-Hariri, Syriens Repräsentantin auf Zypern, nach Katar absetzte. Dem Beispiel folgten nach Medienberichten der Geschäftsträger der Botschaft in London, Chalid al-Ajubi, der Botschafter in Weißrussland, Farouk Taha, und ein Konsul in Armenien.

Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle spricht bereits seit Wochen von einem Zerfall der Führung in Damaskus. "Eine lange Kette von hohen Funktionären" habe bereits die Seiten gewechselt, sagte einer seiner Sprecher. Doch noch zeigt sich ein großer Teil der Regimegetreuen loyal. Auch der engste Kreis von Assads Vertrauten, sein Familienclan, gibt sich nach außen - trotz hartnäckiger Gerüchte - geschlossen.

Mittlerweile behaupten türkische Zeitungen, Diplomaten ihres Landes hätten in Venezuela nach einem Asyl für den syrischen Präsidenten und seiner Familie gesucht. Die türkischen Angehörigen des Auswärtigen Dienstes hätten in Caracas um entsprechende Informationen nachgesucht.

Der Druck auf den Staatschef wird immer größer, sein Machtregime bröckelt.

Mit Material von dpa und AFP

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insgesamt 246 Beiträge
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1. Assads Tage sind gezaehlt, danach werden Islamisten das Regim uebernehmen
NorthernOak 28.12.2012
ebenso wie in Aegyten ist voraussehbar dass der sog. Arabische Fruehling nur faule Blueten gebiert. Es werden die fanatischen Sunniten/Wahabiten mit Al Quaida, Salafistenunterstuetzung ein Schreckensregim der Scharia einfuehren. Man kann nur alle anderen bedauern, die diesem Wahnsinn ausgeliefert sind, seien es Christen, moderate oder sekulaere Muslems oder sonstige Randgruppen, die genau wie vorher im Irak rel. freie Verhaeltnisse gerantiert bekamen, nicht zu vergessen die Frauen/Maedchen die noch mehr als vorher versklavt werden.
2.
mitchomitch 28.12.2012
Das Kämpfen muss endlich ein Ende haben. Wenn man sich die unzähligen Handyvideos von Gefangenen, Gefolterten und Getöteten bei Youtube anschaut, kann man sich ein ungefähres Bild von der Situation machen. Es ist für einen aufgeklärten Menschen schlicht unerträglich, was hier im Namen Allahs für Gräueltaten begangen werden. Und das betrifft beide Lager. Es ist kaum zu glauben, dass heutzutage in unserer ach so aufgeklärten Zeit noch Menschen zu derartigen Barbareien fähig sind.
3. Der Preis für deutsche Politiker wäre billiger
Jan Do 28.12.2012
Es ist ja bekannt, dass Millionen westlicher Steuergelder dafür ausgegeben werden, um käufliche syrische Funktionsträger zum Überlaufen zu bewegen. Vor diesem Hintergrund ist es eher erstaunlich, wie wenige Syrer sich kaufen lassen. In Deutschland wäre es sicher billiger, Politiker zu kaufen.
4. Werthaftigkeit
Izmi 28.12.2012
Zitat von sysopGeneräle, Spitzenpolitiker, Diplomaten - ein Getreuer nach dem anderen wendet sich von Syriens Diktator Baschar al-Assad ab. Immer mehr hochrangige Mitarbeiter fliehen ins Ausland und laufen zu den Aufständischen über. Besonders drastisch geschwächt wurden Armee und Sicherheitskräfte. Syrien: Der einsame Diktator Assad - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-der-einsame-diktator-assad-a-874927.html)
Al Jazeera gibt die Meldungen vor und SPON übernimmt. Dieser Sender gehört einem Scheich von Katar, und Katar wiederum finanziert die Rebellen in Syrien. Wieviel sind solche Nachrichten also wert?
5. Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle
strobile 28.12.2012
soll sich lieber um den Zerfall seiner giftgelben Chaotentruppe kümmern
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Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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