Israel versus Iran Heißer Herbst

Jerusalem und Teheran liefern sich einen Schattenkrieg: Israels Armee greift offenbar im Schnitt zwei Mal pro Woche iranische Stellungen in Syrien an. Und auch der Irak droht, in den Konflikt hineingezogen zu werden.

Israelischer Posten auf den Golanhöhen
AFP

Israelischer Posten auf den Golanhöhen

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800 Luft- und Artillerieschläge auf 200 Ziele - in den zurückliegenden eineinhalb Jahren: Das ist nach eigenen Angaben die Bilanz der israelischen Armee im syrischen Bürgerkrieg. Die Angriffe galten weniger den Stellungen des Regimes von Machthaber Baschar al-Assad, als iranischen Militärberatern, Stellungen sowie Waffentransporten und -lieferungen, die zum Teil auch für die von Teheran protegierte schiitische Hisbollah-Miliz bestimmt waren.

Es ist ein Schattenkrieg zwischen Israel und Iran, der seit Jahren an verschiedenen Schauplätzen ausgetragen wird - und der kontinuierlich an Schärfe zunimmt.

Noch im August 2017 hatte der damalige israelische Luftwaffenchef in der Tageszeitung "Haaretz" erklärt, seine Piloten hätten in den zurückliegenden Jahren fast einhundert Ziele in Syrien bombardiert. Demnach müsste das israelische Verteidigungsministerium in den vergangenen zwölf Monaten die übrigen einhundert Luftschläge befohlen haben. Im Klartext: rund zwei pro Woche.

Die Angaben lassen sich nicht in jedem Einzelfall genau überprüfen. Fest steht jedoch, dass Israels Armee unter anderem:

  • im Februar 2018 das Flugfeld T4 in der Nähe von Palmyra bombardierte. Von dort war kurz zuvor eine iranische Drohne gestartet und in den israelischen Luftraum eingedrungen. Ein Apache-Helikopter fing das Fluggerät über der israelischen Kleinstadt Bet Schean ab. Das israelische Flugzeuggeschwader - bestehend aus acht Kampfjets - geriet nach der Bombardierung der mobilen Startvorrichtung der Drohne und der Leitstelle unter Beschuss der syrischen Flugabwehr. Ein Geschoss explodierte neben einem israelischen Jet, der Pilot und sein Navigator retteten sich mit dem Schleudersitz. Das Kampfflugzeug stürzte über Nordisrael ab.

Zudem wird der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad hinter dem Autobombenanschlag auf den Raketenwissenschaftler Aziz Asbar in Masyaf vermutet. Er soll freien Zugang zum Präsidentenpalast in Damaskus und auch zur Führung der iranischen Quds-Brigaden gehabt haben, der Eliteeinheit der Revolutionswächter.

Erst am Dienstag erklärten syrische Staatsmedien zudem, Israel habe ein weiteres Mal in Masyaf angegriffen. Offenbar richtete sich die Attacke auf eine Fabrik, in der bislang iranische Experten Präzisionsraketen herstellten. Für die strategische Bedeutung der Anlage spricht die Tatsache, dass in der Nähe eine russische S-400 Luftabwehrbatterie stationiert war - sie konnte den Angriff, der offenbar von libanesischem Luftraum aus erfolgte, aber nicht unterbinden.

Am Montag hatte Israels Verteidigungsminister Avigdor Lieberman noch einmal bekräftigt, dass sein Land keine iranischen Waffentransporte zulassen werde. "Und was die iranische Bedrohung angeht, beschränken wir unsere Reaktionen nicht nur auf syrisches Gebiet", sagte Lieberman. "Das muss jedem klar sein."

Irans Raketen im Irak

Denn inzwischen liefert Teheran offenbar nicht nur Raketen nach Syrien, sondern auch in den Irak. Vor einer Woche berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf iranische Regierungsbeamte sowie Mitarbeiter irakischer und westlicher Geheimdienste, Irans Regime habe in den vergangenen Monaten Kurzstreckenraketen in den Irak verlegt. Außerdem helfe man lokalen Milizen, die mit Teheran verbündet sind, eigene Raketen zu produzieren.

Iran könnte die im Irak stationierten Waffen im Falle eines Angriffs auf Iran gegen Israel oder die arabischen Golfstaaten einsetzen. Die Regierung in Bagdad dementierte den Bericht nicht, das Außenministerium in Teheran bezeichnete die Meldung allerdings als "falsch und lächerlich".

Seit Monaten mehren sich die Hinweise, dass Irans Militär den Irak als Landbrücke nutzt. Lange musste das Regime seine Waffen für die libanesische Hisbollah und andere lokale Verbündete in Flugzeugen auf syrische Militärstützpunkte fliegen.

Israels Geheimdienst kann diese Lufttransporte vergleichsweise gut überwachen und hat deshalb in den vergangenen Jahren mehrfach Waffenlieferungen kurz nach ihrer Ankunft in Syrien zerstören können. Die Waffenkonvois auf dem Landweg, die sich unter zivile Lastwagen mischen, sind deutlich schwerer zu orten.

Blick in den Libanon

Ex-Mossadchef Tamir Pardo betonte zu Wochenbeginn auf einer Iran-Konferenz des Thinktanks "Institut für Nationale Sicherheitsstudien" der Universität Tel Aviv zudem, dass Israel auch die Entwicklung im benachbarten Libanon genau verfolge.

Nach Schätzungen aus dem israelischen Sicherheitsapparat hat die Hisbollah dort mehr als 100.000 Kurz- und Mittelstreckenraketen stationiert, die auf Israel gerichtet seien.

Pardo, der den israelischen Auslandsgeheimdienst von 2010 bis 2015 führte, sagte, "wenn eine Rakete aus dem Libanon nach Israel geschossen wird, wird Israel den Libanon zerstören". Einen ähnlichen Ton schlug auch Yaakov Amidror an. Der Ex-General und ehemalige Vorsitzende des Nationalen Sicherheitsrats sagte, niemand könne die Hisbollah aus dem Libanon drängen - außer durch "totalen Krieg". Ein solcher Waffengang würde dann auch die Iraner aus dem Zedernstaat vertreiben. Seine Empfehlung beim Kampf gegen die Islamische Republik: Gewalt, Geheimdienstinformationen und Gewitztheit.

Und Israels Generalstabschef Gadi Eizenkot, der Ende dieses Jahres vorschriftsmäßig seinen Posten räumen wird, versandte israelischen Medieninformationen zufolge unlängst ein Schreiben an ausgewählte Knessetmitglieder, in dem er erklärte, die Armee sei "vollkommen vorbereitet" für einen Krieg.

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