Humanitäre Katastrophe in Syrien Die Hölle am Rand von Damaskus

Mehr als 200 Tote in vier Tagen, Zehntausende hungernde Kinder: Die Lage in Ost-Ghuta am Stadtrand von Damaskus ist verheerend. Die Uno lässt zu, dass Diktator Assad den Eingeschlossenen jede Hilfe verweigert.

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Für knapp 400.000 eingeschlossene Syrer war es die schlimmste Woche seit Jahren. Bei Luftangriffen auf das Gebiet Ost-Ghuta - eine Reihe von Vororten der Hauptstadt Damaskus - sind seit Montag rund 230 Menschen ums Leben gekommen, unter ihnen etwa 60 Kinder. Mindestens 700 Menschen wurden verletzt.

Viele der getöteten Jungen und Mädchen haben in ihrem kurzen Leben Ost-Ghuta nie verlassen, nichts anderes als ein Leben unter Belagerung kennengelernt. Regierungstruppen riegeln die Vororte, die nur wenige Kilometer vom Zentrum der syrischen Hauptstadt entfernt liegen, seit dem Frühjahr 2013 ab. Damals hatten Rebellen die Kontrolle über die dichtbesiedelten Satellitenstädte übernommen. Im August desselben Jahres setzte das Regime in Ost-Ghuta das Nervengas Sarin ein, mehr als tausend Menschen kamen bei dem Gasangriff ums Leben.

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Bis zum Frühjahr 2017 gab es immerhin noch zwei Wege, über die Lebensmittel, Benzin, und Medizin in das eingeschlossene Gebiet gelangten. Zum einen gab es einen Kontrollpunkt, durch den die syrische Armee gegen üppiges Schmiergeld Waren nach Ost-Ghuta hineinließ. Zum anderen existierten zahlreiche Tunnel, durch die Güter hinein und Menschen herausgeschmuggelt werden konnten. Dann eroberte das Regime die Gebiete, in denen die Tunnel endeten. Die Rebellenenklave wurde kleiner, die Tunnel zugeschüttet.

"Assad setzt humanitäre Hilfe als Kriegswaffe ein"

Bei ihrem Vormarsch profitierten die Regierungstruppen von einem Machtkampf der beiden islamistischen Rebellengruppen, die in Ost-Ghuta herrschen und das Gebiet unter sich aufgeteilt haben. Die "Armee des Islams" und die "Brigade des Barmherzigen". Beide Milizen stritten sich um Einnahmen aus dem Tunnelschmuggel - dies machte sich das Regime zunutze. Zugleich greifen beide Rebellengruppen immer wieder das von der syrischen Regierung kontrollierte Gebiet um Ost-Ghuta mit Granaten an. Auch dabei kommen Zivilisten ums Leben.

Seit Ende 2017 ist die Lage für die knapp 400.000 Menschen vor Ort besonders schlimm. Es gelangen kaum noch Schmuggelwaren hinein, der Preis für ein Kilogramm Reis liegt derzeit bei 4,50 US-Dollar - zehnmal mehr als im von der Regierung kontrollierten Stadtzentrum von Damaskus. Die Zahl der Unterernährten hat sich seither verfünffacht. Das Kinderhilfswerk Unicef schätzte Ende November, dass zwölf Prozent der Jungen und Mädchen in Ost-Ghuta mangelernährt sind.

Im November vergangenen Jahres ließ Diktator Baschar al-Assad zuletzt einen Hilfskonvoi der Vereinten Nationen nach Ost-Ghuta. Die Lastwagen brachten Lebensmittel für rund 30.000 Menschen - also weniger als zehn Prozent des tatsächlichen Bedarfs.

Die Eingeschlossenen fühlen sich von der Welt im Stich gelassen. "Die Uno hätte die Möglichkeit zu helfen, macht aber keinen Druck auf das Regime", sagt Mohamad Katoub. Der Arzt stammt aus Ost-Ghuta, ist aber Ende 2014 geflüchtet. Katoub appelliert an die Bundesregierung, ihren Einfluss in der Uno geltend zu machen. "Im Moment hat Assad eine Vetomacht über humanitäre Hilfe. Er setzt sie wie eine Kriegswaffe ein, das darf nicht sein."

Russland blockiert humanitäre Waffenruhe

Dabei hätten die Vereinten Nationen durchaus Druckmittel zur Verfügung: Die Uno bezahlt einen Großteil der Lehrer in den staatlichen Schulen und finanziert damit indirekt das Regime. Die WHO liefert finanzielle Mittel für Krankenhäuser in den Gebieten, die von der Regierung kontrolliert werden. "Die Vereinten Nationen helfen dem syrischen Regime und lassen es gleichzeitig zu, dass es Hilfen für die Menschen in Ost-Ghuta verhindert", klagt Katoub. "Wir haben inzwischen akzeptiert, dass die Welt nichts gegen die Chemiewaffenangriffe unternimmt, weil man dafür zu militärischen Mitteln greifen muss. Aber für humanitäre Hilfe reicht diplomatischer Druck."

Doch Assads Schutzmacht Russland blockiert alle Bemühungen in diese Richtung. Am Donnerstag hatte der Uno-Sicherheitsrat auf Antrag Schwedens und Kuwaits über eine mögliche humanitäre Waffenruhe in Syrien beraten. Zuvor hatten Uno-Vertreter eine mindestens einmonatige Waffenruhe im ganzen Land gefordert, um Zivilisten helfen zu können.

Der russische Uno-Botschafter Wassili Nebensia sagte dazu lapidar: "Lasst uns realistisch sein. Das wird nicht passieren."

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