Belagerte Stadt in Syrien Die Islamisten sind Aleppos letzte Hoffnung

Während die USA und Europa zusehen, wie Hunderttausende Menschen in Aleppo ausgehungert werden, kommen Islamisten den Eingeschlossenen zu Hilfe. Angeführt werden sie von einer Terrormiliz.

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Zwei laute Explosionen markierten den Beginn der Offensive: Selbstmordattentäter sprengten sich an einem Kontrollpunkt der syrischen Armee in die Luft, dann rückten Kämpfer nach und überrannten die Verteidigungslinie. So versuchen Assad-Gegner, den Belagerungsring um den Osten Aleppos von außen zu durchbrechen. 48 Stunden nach Beginn des Vormarsches sind die Milizionäre nur noch rund einen Kilometer von den Eingeschlossenen entfernt.

Lage in Aleppo
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Lage in Aleppo

Mehrere islamistische Milizen haben sich für die Offensive zusammengeschlossen. Sie alle kämpfen für einen zukünftigen syrischen Staat, in dem ihre fundamentalistische Auslegung des islamischen Rechts, der Scharia, gelten soll. Von Demokratie und Menschenrechten ist nach fünf Jahren Krieg und mehr als 400.000 Toten allenfalls noch am Rande die Rede.

Angeführt wird das Bündnis von der Dschabha Fatah al-Scham, der Siegesfront Syriens. Bis vergangenen Donnerstag hieß die Miliz noch Nusra-Front und war der offizielle Ableger der Terrororganisation al-Qaida in Syrien. Die Terrorgruppe begründete ihre Lossagung damit, dass sie nicht länger den Anweisungen der Qaida-Führung im Ausland Folge leisten wolle. Ideologisch hat sie sich jedoch nicht gewandelt. USA und Uno führen die Miliz auch unter neuem Namen als Terrororganisation.

Bombenangriffe während der Waffenruhe

Egal ob der Durchbruch des Kessels von Aleppo gelingt oder nicht: Schon jetzt ist die Offensive ein Erfolg für die Dschabha Fatah al-Scham. Denn während USA und Europa es dabei belassen, die Abriegelung der von den Rebellen beherrschten Stadtviertel wortreich zu verurteilen, greifen die Islamisten zu den Waffen und versuchen, die Lage der knapp 300.000 Eingeschlossenen mit militärischen Mitteln zu verbessern.

Denn wieder einmal sind die Syrer von der sogenannten internationalen Gemeinschaft im Stich gelassen worden: Das syrische Regime und Russland haben die Ende Februar in München beschlossene Waffenruhe genutzt, um Fakten zu schaffen. Entgegen der Vereinbarung wurden die Luftangriffe gegen die Rebellen in Aleppo und Umgebung nicht eingestellt. Am Boden rückten syrische Armee, die libanesische Hisbollah und die kurdische YPG vor und schlossen schließlich den Belagerungsring um Aleppo, ohne dass dies Konsequenzen für Diktator Baschar al-Assad und seine Verbündeten hatte.

Ultimatum an Assad verstreicht folgenlos

Stattdessen hat die US-Regierung wieder einmal ein Ultimatum an Assad verstreichen lassen: Bis zum 1. August sollte Assad einen politischen Übergang in Syrien einleiten - so hatte es Außenminister John Kerry Anfang Mai gefordert. "Entweder etwas passiert in diesen nächsten paar Monaten, oder wir müssen einen ganz neuen Weg beschreiten", sagte er damals in Richtung Russlands und Syriens.

Nach Ablauf dieses Ultimatums ist nicht erkennbar, wie dieser neue Weg aussehen soll. Stattdessen fordern Kerry und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier weiterhin eine Wiederaufnahme der Friedensgespräche, auch wenn das syrische Regime bislang zu keinerlei Zugeständnissen bereit war.

Das Scheitern der Verhandlungen hat jene Milizen in Syrien gestärkt, die Gespräche mit der syrischen Regierung von vornherein ausgeschlossen hatten. Darunter leiden nicht nur die Menschen in den eingekesselten Vierteln von Aleppo, sondern auch die Syrer in den Stadtgebieten, die vom Regime kontrolliert werden. Sie geraten nun ihrerseits zwischen die Fronten: Von der einen Seite nähern sich die islamistischen Rebellen, auf der anderen Seite liegt der von Aufständischen gehaltene Kessel. Beim Beschuss der Stadtviertel, die dazwischen liegen, sind Dutzende Zivilisten getötet worden. Das melden syrische Staatsmedien und die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in Großbritannien übereinstimmend.

Menschen verbrennen Reifen in Aleppo

Im Kessel von Aleppo haben die Menschen inzwischen angefangen, Autoreifen anzuzünden. Der Rauch soll den Piloten der Kampfjets und Hubschrauber die Sicht nehmen, die Bomben und Granaten über dem Gebiet abwerfen. Die Rebellen sprechen von einer "improvisierten Flugverbotszone" über Aleppo. Der militärische Erfolg dieser Aktion ist zweifelhaft - schon in den vergangen Jahren hat die syrische Armee wenig Wert auf präzise Luftschläge gelegt und stattdessen rücksichtslos Wohnviertel bombardiert. Die brennenden Reifen sind vielmehr der Versuch, internationale Aufmerksamkeit für die Lage der Eingeschlossenen zu wecken.

Diese hoffen weiter darauf, dass der Belagerungsring in den nächsten Tagen durchbrochen wird. Von dem Angebot der russischen Führung, Aleppo durch "humanitäre Korridore" zu durchbrechen, haben nach offiziellen Angaben aus Moskau bislang nur rund 400 Menschen Gebrauch gemacht - also rund 0,15 Prozent der Eingeschlossenen.

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