Luftschläge in Syrien Militärische Minimallösung

Trotz des Kriegsgetöses im Vorfeld fiel der US-Angriff in Syrien eher moderat aus. Offenbar konnten Top-Militärs Präsident Trump überzeugen, eine Konfrontation mit Assads Schutzmächten Russland und Iran zu vermeiden.

US-Verteidigungsminister Mattis,  US-General Joseph Dunford
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US-Verteidigungsminister Mattis, US-General Joseph Dunford

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Auf den ersten Blick wirkt der Angriff der USA, Frankreichs und Großbritanniens gewaltig. Innerhalb von nur einer Stunde, in Syrien war es gegen vier Uhr morgens, feuerten US-Zerstörer im Mittelmeer, U-Boote und britische Kampfjets mehr als hundert Marschflugkörper ab. Innerhalb von wenigen Minuten schlugen sie in Syrien ein, die Sprengköpfe detonierten, selbst im bis heute stabilen Damaskus bebte die Erde.

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Verglichen mit dem ersten Luftschlag der USA, den US-Präsident Donald Trump vor einem Jahr ebenfalls nach einer mutmaßlichen Giftgasattacke des syrischen Regimes befahl, war die Operation in der Nacht zum Samstag deutlich massiver. Gut doppelt so viele Marschflugkörper schossen die USA und die beiden europäischen Alliierten gen Syrien. Statt damals einer Basis der syrischen Luftwaffe nahm man dieses Mal gleich drei Ziele ins Visier.

Gleichwohl werteten Militärexperten, darunter hochrangige Nato-Generäle, den Angriff schon wenige Stunden später als "moderat und bedacht". Nach dem Kriegsgetöse des Präsidenten per Twitter fürchteten viele von ihnen einen breiten Angriff auf diverse militärische Ziele. Damit drohte eine mögliche Konfrontation mit Russland und Iran, denn beide Schutzmächte des Machthabers Assad haben Tausende Soldaten in Syrien stationiert.

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Syrien: Angriff in der Nacht

Die Luftangriffe hingegen richteten sich ausschließlich gegen das Chemiewaffenprogramm Assads. Statt symbolische Ziele des Regimes zu attackieren, beispielsweise den Präsidentenpalast in Damaskus, beschränkte man sich auf einen Flughafen, von dem aus ein Helikopter mit dem Giftgas gestartet sein soll. Zudem wurden Forschungseinrichtungen getroffen, dort soll Syrien noch immer Chemiewaffen herstellen und lagern.

Mit einer breiteren Attacke hätte trotz der wüsten Ankündigungen von Trump immer die Gefahr bestanden, dass russische oder iranische Soldaten von Angriffen auf Militärbasen getroffen worden wären. Spätestens dann wäre ein Gegenschlag der beiden Schutzmächte so gut wie unausweichlich gewesen. Genau vor diesem Horrorszenario konnten führende US-Militärs ihren Präsidenten offensichtlich in den vergangenen Tagen erfolgreich warnen.

Assad habe man eine klare Nachricht gesendet

Eine zentrale Rolle spielte Verteidigungsminister James Mattis, aus Sicht der europäischen Militärs einer der letzten halbwegs moderaten Stimmen im Trump-Team. In US-Medien ist zu lesen, Mattis habe Trump von einem breit gefächerten Angriff abgebracht, indem er immer wieder vor einer direkten Konfrontation der USA mit Russland warnte. Einmal angestoßen, so die Linie, wäre diese militärisch fast automatisch immer weiter eskaliert.

Indirekt bestätigte Mattis seine Rolle nach der Attacke. Reportern sagte er, die Operation sei so geplant worden, dass dem Chemiewaffenprogramm maximalen Schaden zugefügt, gleichzeitig aber das Risiko minimiert wurde, russische Soldaten zu töten. Mattis nannte die Angriffswelle einen "one-time-shot". Assad habe man eine klare Nachricht gesendet, dass jeder Gebrauch von Chemiewaffen schmerzhafte Konsequenzen habe.

Im Video: So reagierten Russland und das Assad-Regime auf den Militärschlag

Gerade gegenüber Russland agierten die USA tatsächlich umsichtig und pragmatisch. So kündigte das US-Militär den Schlag in der Nacht zum Samstag kurz vor dem Abschussbefehl über eine vor Jahren eingerichteten Hotline der Militärs bei den Russen an. Konkret warnte man russische Flugzeuge im Luftraum vor möglichen Kollisionen mit der Welle von Marschflugkörpern, in der Militärsprache nennt man das "deconflicting".

Die russischen Systeme blieben in der Nacht zum Samstag abgeschaltet

Anders als beim Angriff vor einem Jahr nannten die USA die konkreten Ziele indes nicht. Offenbar war man sich durch Aufklärung sicher, dass dort keine Russen oder Iraner mehr stationiert waren, selbst die Syrer dürften nach den Drohungen der vergangenen Tage ihre Soldaten von dort abgezogen haben. 2017 war das anders, damals zogen die Russen nach der US-Warnung mehrere Dutzend Soldaten hektisch von der später beschossenen Basis ab.

Die Russen, so absurd es angesichts des wüsten Verbal-Kriegs zwischen Washington und Moskau klingen mag, setzten ebenfalls auf Deeskalation. Zwar verfügt Moskau rund um die eigenen Basen in Tartus am Mittelmeer und einer Luftwaffenbasis im Landesinnern über moderne Flugabwehrbatterien vom Typ S400. Diese, da sind sich Militärs sicher, hätten zumindest einen Teil der anfliegenden Marschflugkörper abfangen können.

Doch die russischen Systeme blieben während des gesamten Angriffs in der Nacht zum Samstag abgeschaltet, nur die veraltete syrische Luftabwehr feuerte weitgehend erfolglos in den Himmel. Auch die russischen Kriegsschiffe, die mit ihren Sensoren jeden Abschuss von US-Marschflugkörper sofort bemerken, reagierten überhaupt nicht.

Das Verhalten der Russen belegt, dass auch Moskau keine direkte militärische Konfrontation mit den USA will. Hätte die russische Luftabwehr amerikanische, britische oder französische Marschflugkörper abgefangen, so jedenfalls werten es erfahrene Militärs, wäre dies als direkter Angriff auf das jeweilige Land gewertet worden. Eine militärische Gegenreaktion der westlichen Mächte wäre dann unausweichlich geworden.

Trotz der nun ausgesprochenen öffentlichen Drohungen Russlands und Irans ist der befürchtete Gegenschlag nach der US-Operation eher unwahrscheinlich. Ähnlich wie beim vorigen Vergeltungsschlag der USA dürfte es zwar verbal auf politischer Bühne hoch hergehen, eine militärische Reaktion aber halten fast alle Beobachter für ausgeschlossen. Dies, so ein Nato-General, ist hauptsächlich Verteidigungsminister Mattis zu verdanken.



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