Dürre im Kriegsland Syriens Kornkammer bleibt leer

Eine langanhaltende Dürre führt in Syrien zu großen Ernteausfällen - und bedroht viele Bauern in ihrer Existenz. Das Assad-Regime setzt mal wieder auf Russland: Weizen von der Krim soll die größte Not lindern.

Bauern und Bäuerinnen in Syrien (Archivbild)
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Bauern und Bäuerinnen in Syrien (Archivbild)

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Die Provinz Hasaka im Nordosten Syriens gilt seit Jahrhunderten als Kornkammer des Landes. Bis zum Beginn des Bürgerkriegs vor sieben Jahren stammten rund drei Viertel des landesweit geernteten Weizens aus der Region. Knapp zwei Drittel der rund 1,5 Millionen Einwohner leben von der Landwirtschaft.

In diesem Jahr ist die Provinz von einer verheerenden Dürre heimgesucht worden. Die staatliche Landwirtschaftsdirektion, die unter der Kontrolle des Regimes von Diktator Baschar al-Assad steht, rechnet deshalb mit einer der schlechtesten Ernten seit mehr als vier Jahrzehnten. Auf den unbewässerten Weizen- und Gerstenfeldern rechnet die Behörde mit Ernteausfällen von mehr als 90 Prozent. In Hasaka werden nur rund 45 Prozent der Getreidefelder künstlich bewässert.

Bauern beklagen, dass das geerntete Getreide von zu schlechter Qualität sei, um es an Bäckereien verkaufen zu können. Die Körner taugten lediglich als Tierfutter. "Ich hatte keine andere Wahl, als meine Ernte an einen Hirten zu verkaufen", sagte der Landwirt Ahmad Kanu dem Portal "Syria Direct". Die Einnahmen aus dem Verkauf deckten jedoch nicht einmal die Hälfte seiner Ausgaben für den Acker und die Landmaschinen.

Millionen Syrer leben von subventioniertem Brot

Die Missernte hat auch Folgen für die anderen Teile Syriens. Obwohl die Provinz Hasaka seit Jahren de facto autonom von Damaskus von der kurdischen Lokalregierung verwaltet wird, treibt die Region weiterhin regen Handel mit dem Assad-Regime. Noch im vergangenen Jahr kaufte die staatliche Getreideagentur Hoboob große Teile der Ernte in Hasaka auf. Der syrische Staat produziert damit vor allem das staatlich subventionierte Fladenbrot, das in öffentlichen Bäckereien verkauft wird und für Hunderttausende Familien wichtigstes Grundnahrungsmittel ist.

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Doch ob Hasaka in diesem Jahr überhaupt Getreide und Mehl an Hoboob verkaufen kann, ist noch offen. Nach jetzigem Stand reiche die diesjährige Ernte gerade aus, um die einheimische Bevölkerung und die Zehntausenden Kriegsflüchtlinge in der Region zu versorgen, sagte Jawan Shakir. Er ist Vizechef der Wirtschaftskommission der kurdischen Selbstverwaltung von Hasaka.

Trockene Winter, heiße Sommer

Das Regime in Damaskus hat bereits Vorkehrungen getroffen: Abdullah al-Gharbi, Minister für Binnenhandel, kündigte Ende Juni den Import von rund 1,5 Millionen Tonnen Weizen aus Russland an. Zudem bemühe man sich um Getreideeinfuhren aus Bulgarien und Rumänien. Nur rund 500.000 Tonnen Weizen sollten demnach in diesem Jahr in Syrien selbst geerntet werden. Der Großteil des russischen Weizens für Syrien soll von der annektierten ukrainischen Halbinsel Krim stammen.

Lange Jahre war Syrien ein Nettoexporteur für Getreide. In guten Jahren produzierte das Land rund vier Millionen Tonnen Weizen, von denen rund 1,5 Millionen Tonnen exportiert wurden. Doch zwischen 1999 und 2010 erlebte Syrien und ganz besonders Hasaka mehrere äußerst trockene Jahre. Die Regenmengen im Winter nahmen deutlich ab, die Sommer wurden heißer.

Als Folge haben viele junge Leute seit der Jahrtausendwende ihre Heimatdörfer verlassen und sind in die großen Städte gezogen. Manche Forscher sehen in dem Klimawandel sogar eine Ursache für den Bürgerkrieg - andere Wissenschaftler widersprechen.



insgesamt 39 Beiträge
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conrath 14.07.2018
1. So ist es: Der Klimawandel ist bedrohlich. ..
...und dann bekriegt man sich dort und anderswo noch zusätzlich und schafft sich damit nich zusätzlich potenziertes Elend. Als wenn das nicht schon genug ist. Aber hey - wir brauchen mehr Waffen! Gegen den Klimawandel helfen die nicht. Im Gegenteil, wie hier zu sehen und erleben ist. Der Historiker Ash hat Recht: Wie müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass es nicht einfach im Laufe der Menschheitsgeschichte immer weiter zum Besseren sich wendet. Das Scheitern ist eine reale Option. Irre.
pethof 14.07.2018
2. Russland hilft
Dürrekatastrophen gibt es immer wieder und überall einmal. Gestern war es Spanien, heute der Nordosten der Bundesrepublik und offensichtlich auch Syrien. Die betroffenen Gebiete sind in einer solchen Situation auf fremde Hilfe angewiesen. Diese Hilfe ist ein Ausdruck von christlicher Nächstenliebe und Unterstützung der Hilfsbedürftigen. Das aggressive Russland ist schon in die Bresche gesprungen und wird Weizen liefern. Ob dieser ausgerechnet von der Krim kommt, ist anzuzweifeln. Leidet die Halbinsel selbst unter Wassermangel, da die Ukraine völkerrechtswidrig die Wasserzufuhr zur Krim gestoppt hat. Wo bleibt aber die Hilfe des satten EU-Kerneuropas, wo die menschlichen Werte doch Hauptbestandteil der Politik sein sollten. Syrien braucht auch von dort Hilfe. Aber es wird wahrscheinlich vergebens auf Hilfe aus dieser Region warten.
peter_s_k@hotmail.de 14.07.2018
3. Ganz einfach
Die Missernten auf Grund der Klimaveränderungen haben zu sozialen Spannungen geführt. Die Regierung konnte im notwendigen Umfang die Lebensmittelsubventionen nicht mehr leisten. Einen Bürgerkrieg hat der der Wertewesten und seine Verbündeten im Nahen Osten mit Waffenlieferungen daraus gemacht. Herr Assad war nicht folgsam genug.
deppjones 14.07.2018
4. Kann sein, kann auch nicht sein
Kann sein, kann auch nicht sein. Es geht hier nicht darum den Klimawandel zu leugnen (obwohl Klimawandel als Wort so etwas wie ein weißer Schimmel ist. Klima ist eigentlich ein anderes Wort für Wandel :)) aber die Aussage "rechnet deshalb mit einer der schlechtesten Ernten seit mehr als vier Jahrzehnten" heißt wiederum auch, dass es vor mehr als vier Jahrzehnten schon mal trockener war. Der Grund könnte sehr wohl auch nicht der Klimawandel sein.
Sonia 14.07.2018
5. Mal ein wenig Wahrheit
War es nicht so, dass im Jahr des ersten Aufstandes erhebliche, klimabedingten Ernteausfälle in Syrien + der Streichung finanzieller Mittel durch die EU + Streichung von Geldern des IWF die Leute in ihrer Not auf die Straße trieb? Das erzählten mir Syrer. Dass Assad Regime habe einer Pipeline über syrisches Staatsgebiet zum Mittelmeer/nach Europa nicht zugestimmt. War auch nicht im Interesse der Russen. Gelder gestrichen! Drück ausgeübt, Missernte u. der Rest bekannt. Wenn Russland nunmehr den syrischen Bauern hilft, den geschundenen Menschen, folgerichtig. Die Russen wissen zu gut, was es bedeutet, zu hungern.
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