Bürgerkrieg in Syrien: Dutzende iranische Pilger in Damaskus entführt

Unbekannte haben in Damaskus 48 iranische Pilger verschleppt, das Regime vermutet "Terroristen" hinter der Tat. In Aleppo toben offenbar die schwersten Kämpfe seit Tagen. Aufständische haben ein Gebäude des Staatsfernsehens attackiert, Islamisten töteten angeblich einen bekannten Moderator.

Damaskus/Teheran - In Damaskus wurden am Samstag 48 Pilger aus Iranverschleppt. Nach Informationen der iranischen Botschaft in Damaskus wurden die Wallfahrer auf dem Weg zum internationalen Flughafen von einer "bewaffneten terroristischen Gruppe" verschleppt. Das Schicksal der Entführten sei ungewiss. Syrische und iranische Stellen bemühten sich um nähere Aufklärung, hieß es.

Hunderttausende Iraner begeben sich jedes Jahr nach Syrien, um in Damaskus eine den Schiiten heilige Stätte zu besuchen, das Grab von Zeinab, der Tochter des Imams Ali.

Das staatliche syrische Fernsehen berichtete, alle maßgeblichen Stellen würden sich um eine Befreiung bemühen. Nach Darstellung des Fernsehens kidnappten "bewaffnete terroristische Gruppen" die in einem Bus reisenden Iraner. Mit dem Begriff bezeichnen staatliche Medien in dem arabischen Land in der Regel Rebellen, gegen die die Regierung seit 17 Monaten massiv vorgeht.

Mehrere Dutzend iranische Pilger und Ingenieure wurden im vergangenen Dezember und Januar in Syrien entführt. Die meisten von ihnen kamen nach einigen Monaten wieder auf freien Fuß. Die syrischen Rebellen, die gegen die Regierung von Präsident Baschar al-Assad kämpfen, sind überwiegend sunnitischen Glaubens. Sie prangern Teherans Unterstützung für Assad an, der zur schiitisch-alawitischen Glaubensrichtung gehört.

Rebellen melden schwere Gefechte aus Aleppo

Ungeachtet der Resolution der Uno-Vollversammlung gehen die Gefechte in Syrien mit unverminderter Härte weiter. Bei den laut syrischer Opposition schwersten Kämpfen um Aleppo seit Tagen haben Regierungstruppen mit schweren Waffen erneut ein von Rebellen kontrolliertes Viertel angegriffen. Der Versuch, den Stadtteil Salaheddin zu erstürmen, sei am Samstag vereitelt worden, sagte der örtliche Rebellenkommandeur Abu Omar al-Halabi der Nachrichtenagentur dpa.

Rebellen griffen dort am Samstag das Gebäude des Staatsfernsehens an, die Regierung setzte offenbar Kampfflugzeuge und schwere Artillerie ein. Zudem ist angeblich ein prominenter Moderator des Staatsfernsehens von islamistischen Extremisten hingerichtet worden. Zu der Tat bekannte sich die Dschihadisten-Organisation al-Nusra-Front, wie ein Sprecher der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London sagte. Mohammed al-Said war am 19. Juli in seinem Haus in Artus bei Damaskus von Unbekannten entführt worden.

Die Al-Nusra-Front hatte sich in der Vergangenheit zu mehreren Bombenanschlägen in Syrienbekannt. Sie gilt als Ableger des Terrornetzes al-Qaida. Zuletzt waren immer wieder Vorwürfe gegen die Rebellen und Extremisten laut geworden, sie würden Menschen hinrichten.

Viertel in Damaskus "so heftig beschossen wie nie zuvor"

Beim Angriff auf das Staatsfernsehen hätten die Aufständischen rings um das Haus Sprengsätze angebracht, seien dann aber bei dem Versuch, das Gebäude zu stürmen, von der syrischen Luftwaffe beschossen worden, teilte die Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Daraufhin hätten sich die Rebellen, die nach eigenen Angaben die Hälfte der Millionenstadt kontrollieren, zurückgezogen. SPIEGEL ONLINE kann diese Angaben nicht unabhängig überprüfen.

Die amtliche Nachrichtenagentur Sana bestätigte den Angriff auf das Gebäude des Staatsfernsehens allerdings und berichtete von "Terroristen, die Zivilisten und das Gebäude angegriffen" hätten. Syrische Soldaten seien aber zur Verteidigung angerückt. Bei dem Vorfall seien "Terroristen getötet und verletzt worden", hieß es weiter. Die von den staatlichen Medien als "Terroristen" bezeichneten Rebellen berichteten ihrerseits von Armeeangriffen mit Kampfflugzeugen und Artillerie auf von ihnen gehaltene Viertel wie Schaar und Sachur im Osten und Salaheddin im Westen von Aleppo.

Auch in der Hauptstadt Damaskus gab es wieder schwere Kämpfe. Die Armee habe das südliche Viertel Tadamun "so heftig beschossen wie nie zuvor", teilte die Beobachtungsstelle in London mit. Auch im östlichen Bezirk Dschubar gab es demnach Gefechte. Laut Sana ging die Armee auch dort gegen "Terroristen" vor.

Bewohner berichten von weiterem Massaker der Assad-Milizen

Angesichts der steigenden Zahl ziviler Opfer im Bürgerkrieg hat das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) eindringlich zum Schutz von Zivilisten aufgerufen. Alle beteiligten Parteien müssten ihren Pflichten nachkommen und zwischen Zivilisten und in die Feindseligkeiten eingebundenen Kämpfern unterscheiden, teilte der Nahost-Beauftragte des IKRK, Robert Mardini, am Samstag in Genf mit.

Vor allem in dicht besiedelten Gebieten wie in den Städten Aleppo, Homs und Damaskus müssten die Konfliktparteien ihre "Mittel und Methoden der Kriegführung" sorgfältig wählen, um die Zivilbevölkerung zu schonen.

Milizen des Assad-Regimes sollen in einer kleinen Ortschaft südwestlich von Damaskus drei Massaker mit insgesamt mehr als 60 Opfern angerichtet haben. Bewohner der Ortschaft Dschdaidat Artus berichteten der "Süddeutschen Zeitung" und der ARD von mindestens 64 Opfern, die von regimetreuen Shabiha-Milizen erschossen worden seien. Vor zwei Tagen gab es bereits erste Berichte über das Massaker, zunächst hieß es, 43 junge Männer seien von Sicherheitskräften festgenommen, gefoltert und später einzeln oder in Gruppen getötet worden. Vor Ort berichteten Anwohner nun von mindestens 20 weiteren Opfern bei diesem und zwei weiteren Massakern.

Allerdings beschuldigen sich in Syrien das Regime und die Aufständischen regelmäßig gegenseitig, für solche Bluttaten verantwortlich zu sein.

Präsident Assad bat Russland offenbar um finanzielle Hilfe und Treibstofflieferungen, hieß es in Damaskus. Russland wolle den Antrag prüfen, meldete die russische Nachrichtenagentur Ria Novosti. Beobachter gehen davon aus, dass Syrien seine geschätzten Währungsreserven in Höhe von 17 Milliarden Dollar bald aufgebraucht hat.

fab/AFP/dpa/Reuters

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1. Die Regierung mordet, die Rebellen "richten hin"
craan 04.08.2012
Auch nach Wochen hat der Spiegel nicht kapiert, dass eine Ermordung nicht deswegen zu einer "Hinrichtung" wird, weil der zuständige Autor/Redakteur den politischen Zielen der Mörder näher steht als denen des Ermordeten. Wie eindeutig und auf welch traurigem Niveau hier Meinungsmache veröffentlicht wird, ist traurig und unwürdig.
2. Pilger?
HeisseLuft 04.08.2012
Zitat von sysopSyrien driftet ins Chaos: In Damaskus wurden 48 iranische Pilger verschleppt, Islamisten haben angeblich einen Moderator des Staatsfernsehens getötet. In Aleppo rüsten sich die Rebellen für eine Großoffensive, dort toben offenbar die schwersten Gefechte seit Tagen. Dschihadisten in Syrien exekutieren TV-Moderator - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,848266,00.html)
Was um alles in der Welt haben dort jetzt Pilger zu suchen? Was erzählt man denen eigentlich?
3. Show-down in Aleppo
robert.haube 04.08.2012
Wie AFP berichtet, führen die Freischärler Verstärkung nach Aleppo heran wie ebenso die syrische Armee. Offenbar haben die den Sturm vorbereitenden Bombardements (hauptsächlich sound-bombs) begonnen und AFP zitiert einen hohen Offizier der SAA mit den Worten: Das sei jetzt die Vorspeise, der Hauptgang (also der umfassende Angriff der SAA) erfolge bald.
4.
biobanane 04.08.2012
Hätte ich nun einen Hang zur Verschwörung, dann würde ich behaupten, das waren natürlich keine Wallfahrer, sondern Militärberater. Aber über Entführungen und Mord soll mankeine Witze machen.
5. keine Freischärler
mocki 04.08.2012
Zitat von robert.haubeWie AFP berichtet, führen die Freischärler Verstärkung nach Aleppo heran wie ebenso die syrische Armee.
Freischärler erhalten Kombattantenstatus, wenn sie eine Organisationsstruktur haben, ein von weitem erkennbares Zeichen tragen, die Waffen sichtbar bei sich führen und sich während der Kämpfe an die Gesetze und Gebräuche des Krieges halten. Das alles trifft auf diese größtenteils ausländischen Jihadisten nicht zu.
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Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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