Eingekesselte Journalisten in Syrien "Dann werden wir hingerichtet"

Unter den vielen Flüchtlingen in Südsyrien befinden sich auch Dutzende Journalisten. Sie fürchten, dem "Islamischen Staat" oder dem Assad-Regime in die Hände zu fallen. Nun verhandeln sie um ihr Leben.

AFP

Besher Ahmad ist es nicht gewohnt, dass andere über ihn berichten. Normalerweise ist das sein Job: Er ist Südsyrien-Korrespondent des syrischen, oppositionsnahen Fernsehsenders "Orient". Doch nun wird er selbst zum Thema: 270 Journalisten und Medienaktivisten sitzen in Südsyrien in der Falle, davon rund 70 wie Besher Ahmad auf den Golanhöhen. "Wir sind eingekesselt", sagt er. "Wir können nirgendwohin in Sicherheit flüchten." Denn die Grenzen sind zu und die Kämpfe rücken immer näher.

Insgesamt befinden sich nach Uno-Angaben derzeit rund 234.500 Menschen auf der Flucht vor den Kämpfen in Südsyrien. Die meisten von ihnen, rund 160.000, sind auf den Golan geflüchtet, in direkte Nähe zu Israel. Dorthin kommen kaum Hilfslieferungen, die Preise für Lebensmittel explodieren.

Aber die Geflüchteten wähnen sich dort - nahe der seit 1974 bestehenden Pufferzone - am sichersten vor den Angriffen der syrischen Armee, die am Sonntag weiter auf die Golanhöhen vorgerückt ist.

Israels Premierminister Benjamin Netanyahu signalisierte bereits in dieser Woche Kompromissbereitschaft: "Wir haben kein Problem mit dem Assad-Regime. 40 Jahre lang wurde kein einziger Schuss auf dem Golan abgegeben", sagte er am Donnerstag nach Gesprächen in Moskau.

Israels Bedingung für einen Kompromiss: Es sollen keine Einheiten aus dem verfeindeten Iran eingesetzt werden, was Russland garantieren soll. Iran und Russland sind Syriens Verbündete, Teheran deutete bereits Einverständnis an. Ali Akbar Velayati, einer der wichtigsten Berater des iranischen Revolutionsführers Ali Khamenei, sagte am Freitag, Iran würde die Position seines Militärs in Syrien mit Moskau und Damaskus absprechen.

Ihnen droht die Hinrichtung

Wenn die Offensive weitergeht, gibt es für die Geflüchteten keinen sicheren Fluchtweg: Im Norden und Osten stehen die Kämpfer des Regimes, im Süden ein IS-Ableger, die "Khaled bin Walid"-Armee, und im Westen liegt die geschlossene Grenze mit Israel.

"Zwei Dinge machen uns richtig Angst", sagt Besher Ahmad. "Wenn das Regime vorrückt, dann werden wir verhaftet oder hingerichtet. Und wenn die Kämpfer des 'Islamischen Staats' hierhin vordringen, wird es für uns auch gefährlich, denn von denen werden wir auch bedroht."

Für die Journalisten und die oppositionsnahen Medienaktivisten ist die Situation noch heikler als für die meisten anderen Geflüchteten: Wegen ihrer öffentlichen Kritik am Regime und dem "Islamischen Staat" werden viele von ihnen gesucht - oft sowohl von den Dschihadisten als auch von der Regierung. Fallen sie einem von beiden in die Hände, bedeutet das mit hoher Wahrscheinlichkeit ihren Tod.

Auch für Ahmad wäre es lebensgefährlich, in Regime-Hände zu fallen. Der TV-Sender Orient hat seit Beginn der Proteste in Syrien 2011 mit der Opposition sympathisiert. Gegründet wurde der Kanal 2009 in Damaskus von einem syrischen Unternehmer, Ghassan Aboud, musste jedoch kurz darauf in Damaskus schließen und seinen Hauptsitz nach Dubai verlegen. Aboud behauptet, das Regime habe ihn damals vor die Wahl gestellt, entweder die Kontrolle über den profitablen Sender an Baschar al-Assads Cousin abzugeben oder zu schließen.

Verhandlungen über ein mögliches Entkommen

Noch haben die Eingekesselten Hoffnung. "Wir stehen in Kontakt mit der jordanischen Regierung, ob wir Journalisten und Medienaktivisten mit unseren Familien aufgenommen werden können, aber bisher ist nichts passiert", sagt Besher Ahmad. Das benachbarte Jordanien hat vor zwei Jahren seine Grenze für syrische Flüchtlinge geschlossen, nachdem es über 660.000 aufgenommen hatte. "Und von den Russen hören wir gar nichts", sagt Ahmad.

Russland, einer der wichtigsten Verbündeten des syrischen Regimes, hatte zuletzt etwa bei der Rückeroberung der Damaskus-Vororte in Ghouta mitausgehandelt, dass über 50.000 Zivilisten von dort in tagelanger Busfahrt aus ihrer Heimat in Oppositionsgebiete ans andere Ende des Landes gebracht wurden.

Rund 95.000 Zivilisten entschieden sich dafür, unter Kontrolle des Regimes zu bleiben, und kamen in überfüllte Lager zu Sicherheitsüberprüfungen bei Damaskus, die sie nicht verlassen durften. Noch immer würden dort über 30.000 Menschen festgehalten, berichtete die unabhängige Uno-Untersuchungskommission zu Syrien im Juni. Sie müssten zwischen 300 und 2000 Dollar bezahlen, um wieder freizukommen. Wie viele eingezogen, ins Gefängnis gebracht oder ermordet wurden, ist nicht bekannt.

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