Bürgerkrieg in Syrien Junge in Aleppo enthauptet - USA unter Druck

Ein Junge wird vor laufender Kamera enthauptet - offenbar von syrischen Rebellen. Die brutalen Bilder setzen auch die USA unter Druck. Sie sollen die Anti-Assad-Kämpfer unterstützt haben.


Ein Junge kauert verstört auf der Ladefläche eines Wagens. Sein linkes Bein ist verbunden. Die Arme sind blutverschmiert. Um ihn herum: Männer mit Bärten. Immer wieder fassen sie dem Kind ans Kinn, drehen sein Gesicht in die Kamera. "Sie haben keine Männer mehr, also haben sie uns heute Kinder geschickt", sagt einer aus der Gruppe. "Das sind deine Hunde, Bashar", sagt ein anderer.

Die nächste Szene: Der Junge liegt auf dem Bauch, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Ein Mann mit schulterlangen Haaren greift nach seinen Haaren. Dann schneidet er dem Jungen mit einem Messer den Kopf ab.

Das Video, das seit einigen Tagen im Netz kursiert, zeigt schockierende Bilder: Im syrischen Bürgerkrieg kennt die Brutalität keine Grenzen - egal auf welcher Seite. Denn vieles deutet darauf hin, dass in diesem Fall die Täter nicht aus den Reihen der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) stammen - sondern zu den Rebellen, die gegen das Regime in Damaskus kämpfen, gehören.

Junge soll erst 12 Jahre alt gewesen sein

Nour al-Din al-Zenki nennt sich die islamistische Gruppe, die in Syrien gegen Präsident Bashar al-Assad kämpft. Sie wird mitunter als vergleichsweise moderater Zusammenschluss beschrieben. Davon kann nun wohl kaum mehr die Rede sein. Der Junge, der im syrischen Aleppo vor laufender Kamera getötet wurde, soll laut Medienberichten erst zwölf Jahre alt gewesen sein.

Aktivisten der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte hatten seinen Mörder als Mitglied von Nour al-Din al-Zenki identifiziert. Die Angaben der in London ansässigen Beobachtungsstelle lassen sich kaum unabhängig überprüfen. In der Vergangenheit hatten sie sich jedoch meist bestätigt.

Nour al-Din al-Zenki selbst distanzierte sich von der Tat. Man habe die Männer festgenommen, eine Kommission ermittle nun, teilten die Rebellen in einer Stellungnahme mit. Darin sprachen sie von einem "individuellen Fehler" und einer "Verletzung der Menschenrechte", die nicht ihre Politik repräsentiere.

Assads Armee hatte Aleppo zuletzt mit russischer Unterstützung in heftigen Kämpfen eingekreist - und die Rebellen damit eingeschlossen. Die genauen Hintergründe der grausamen Tat gegen den Jungen sind bislang jedoch unklar. In dem Video werfen ihm die Kämpfer vor, den palästinensischen Quds-Brigaden anzugehören. Die Einheit unterstützt Machthaber Assad. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte erklärt, der Junge stamme aus ärmlichen Verhältnissen am Stadtrand.

Internationale Empörung

International sorgt der Fall für Empörung - und bringt auch die USA in Bedrängnis. Der Grund: Nour al-Din al-Zenki wird offenbar von den Amerikanern unterstützt. Nach Angaben der Beobachtungsstelle kämpft die Gruppe unter anderem mit amerikanischen TOW-Raketen. Laut einem US-Bericht floss auch Geld der Vereinigten Staaten.

Das Außenministerium in Washington erklärte, man prüfe den Fall. Minister John Kerry sprach von einem "erschreckenden Bericht". Sollten die Angaben stimmen, müsse man "über jede Unterstützung oder - offen gesprochen - jede weitere Zusammenarbeit mit dieser Gruppe" nachdenken.

Kritik an der Zusammenarbeit hatte es auch schon in der Vergangenheit gegeben. Laut Amnesty International soll Nour al-Din al-Zenki an Entführungen und Folter beteiligt sein.

Protest kam nun auch von Unicef. Das Uno-Kinderhilfswerk verurteilte die Ermordung des Jungen, stellte sich aber auch gegen die jüngsten Bombardements der US-geführten Koalition in Syrien, bei denen ebenfalls Kinder ums Leben gekommen sein sollen.

Amnesty International erklärte, das Video von der Enthauptung sei "das jüngste abscheuliche Zeichen", dass einige Oppositionsgruppen ungestraft schwere Misshandlungen durchführten. Auch das syrische Außenministerium meldete sich zu Wort: Es forderte die Uno auf, alle Länder zu bestrafen, die die Rebellen unterstützen. Gemeint sind auch die USA.

kev/AP/Reuters

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