Bürgerkrieg: EU-Minister entsetzt über syrische C-Waffen-Drohung

Damaskus will auf eine "Aggression von außen" mit chemischen Waffen reagieren - und sorgt damit für Bestürzung bei den EU-Ministern. Für Präsident Assad sei in Syrien künftig kein Platz mehr. Auch Außenminister Westerwelle verurteilt die Drohung scharf.

Brüssel - Das Regime in Damaskus steht unter gewaltigem Druck - und scheint mittlerweile auch zu extremen militärischen Maßnahmen bereit. Dies schließt die Verwendung chemische Waffen ein, wie die Regierung am Montag mitteilen ließ. Mit dieser Drohung sorgt das Regime für Entsetzen bei der Europäischen Union. "Die EU ist ernsthaft besorgt über den möglichen Einsatz chemischer Waffen in Syrien", erklärten die EU-Außenminister am Montag nach einem Treffen in Brüssel.

Syrien setzt die Drohung mit C-Waffen unverhohlen als Druckmittel in dem Konflikt ein. In der gegenwärtigen Krise würden sie nicht benutzt, es sei denn, es gebe eine "Aggression von außen", so ein Sprecher des Außenministeriums am Montag. Syrien werde die Chemiewaffen aber keinesfalls gegen seine Bürger einsetzen. Die Waffen stünden unter Kontrolle der Armee und würden von ihr bewacht.

Auch der deutsche Außenminister Guido Westerwelle (FDP) hat das syrische Regime wegen der Drohung mit einem Chemiewaffeneinsatz scharf attackiert. Der Vorgang sei ungeheuerlich, sagte Westerwelle. "Damit enthüllt das syrische Regime ein weiteres Mal seine menschenverachtende Denkart." Der deutsche Politiker forderte alle Kräfte in Syrien auf, "verantwortlich zur Sicherung etwaiger Chemiewaffenbestände beizutragen".

Israelischen Militärs zufolge soll Syrien über eines der größten Chemiewaffenarsenal der Welt verfügen. Hier die wichtigsten Fakten:

  • Seit wann besteht das C-Waffen-Programm? Das syrische Chemiewaffenprogramm soll in den 70er und 80er Jahren mit Hilfe der Sowjetunion entwickelt worden sein, um die Abschreckung gegen das Nachbarland Israel zu erhöhen. Laut einem Bericht des US-Thinktanks CSIS von 2008 soll Syrien anschließend von der Unterstützung des Iran bei der Entwicklung von Chemiewaffen profitiert haben.

  • Um welche Art von Waffen handelt es sich? Öffentlich zugängliche Informationen über das Arsenal existieren praktisch nicht. Nach Einschätzung der Brookings Institution in Washington verfügt Syrien über ein hochentwickeltes Programm, zu dem Senfgas, Sarin-Gas und das tödliche Nervengas VX gehört. (Weitere Informationen finden Sie hier.)

  • Wo werden diese hergestellt und gelagert? Laut einer Untersuchung des Zentrums für Studien zur Nicht-Verbreitung (CNS) gibt es in Syrien mindestens vier, möglicherweise fünf Chemiewaffenfabriken, die nahe der Städte Damaskus, Aleppo und Hama liegen.

  • Wie ist Syrien bislang mit den Waffen umgegangen? Die syrischen Chemiewaffen sind bisher noch nie zum Einsatz gekommen, auch nicht bei Konflikten mit Israel wie dem Libanonkrieg 1982. Der zur Opposition übergelaufene Ex-Botschafter Syriens im Irak, Nawaf Fares, hatte zuletzt gewarnt, Assad könnte die Chemiewaffen gegen die Aufständischen einsetzen.

  • Wie sind die internationalen Reaktionen angesichts der Gefahr durch die Waffen? Die USA haben Syrien zuletzt aufgefordert, die Sicherheit bei der Lagerung der Chemiewaffen zu gewährleisten, andernfalls werde die internationale Gemeinschaft die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Es gibt Befürchtungen, wonach Chemiewaffen in den Wirren des Konflikts der libanesischen Hisbollah-Miliz oder dem Terrornetzwerk al-Qaida in die Hände fallen könnten. Beide sollen bereits länger in Syrien operieren.

Die EU-Minister fanden nicht nur für die Chemiewaffendrohung aus Damaskus deutliche Worte. Auch das Vorgehen gegen die Bevölkerung mit konventionellen Waffen müsse sofort eingestellt werden. "Die EU ruft das syrische Regime auf, unverzüglich das Töten von Zivilisten zu beenden, die syrische Armee aus belagerten Städten abzuziehen und des Landes willen einen friedlichen Übergang zuzulassen", forderten die EU-Außenminister in ihrer Erklärung.

Die anhaltende Gewalt auch in der Hauptstadt Damaskus zeige die Dringlichkeit eines politischen Reformprozesses, der die demokratischen Hoffnungen der Bevölkerung erfülle und wieder Stabilität nach Syrien bringe, warnten die Minister. "Die EU unterstreicht, dass jene, deren Präsenz einen solchen Übergang untergraben würden, davon ausgeschlossen werden sollen, und dass in dieser Hinsicht Präsident Assad keinen Platz in der Zukunft Syriens hat."

Vorbereitungen für Massenevakuierungen

Angesichts der kritischen Situation in Syrien bereitet sich die EU auf die Evakuierung von Ausländern vor. Zypern sei auf die Aufnahme von rund 200.000 Europäern, Amerikanern und Bürgern anderer Drittstaaten vorbereitet, sagte die zyprische Innenministerin Eleni Mavrou beim Treffen der EU-Innenminister am Montag in Nikosia. Ein Evakuierungsplan liege bereits vor.

Mehrere EU-Regierungen hätten inzwischen Experten nach Nikosia geschickt, um die Betreuung ihrer Landsleute zu besprechen, darunter auch die Bundesregierung. Auf Zypern könnten die Evakuierten für mindestens 48 Stunden versorgt werden.

Bisher sind mehr als hunderttausend Syrer vor der Gewalt in die umliegenden Staaten wie Türkei, Libanon, Jordanien und Irak geflohen. Rund 600.000 weitere Menschen sind innerhalb des Landes auf der Flucht. Die EU befürchtet, dass der Region eine humanitäre Katastrophe bevorsteht, und stockt daher die Notfallhilfe deutlich auf.

jok/AFP

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insgesamt 77 Beiträge
Grafsteiner 23.07.2012
Nur gegen die Atomwaffen in den eigenen blutigen Händen empören sie sich nie. Bei den Hunderttausende von Toten im Irak und die Zehntausenden in Libyen bleiben sie ganz ruhig. Hauptsache, das Ölgeschäft läuft. Oder im Falle [...]
Nur gegen die Atomwaffen in den eigenen blutigen Händen empören sie sich nie. Bei den Hunderttausende von Toten im Irak und die Zehntausenden in Libyen bleiben sie ganz ruhig. Hauptsache, das Ölgeschäft läuft. Oder im Falle eines ehemaligen Bundeskaspers: das Gasgeschäft.
Terrax 23.07.2012
Habe ich irgendeine Schlagzeile verpasst, oder drohen wir irgendwem mit einem Nuklearen Schlag? Klar reagieren die empört wenn jemand über den Einsatz von C-Waffen redet. Genau so wäre die Welt empört wenn jemand mit A-Waffen [...]
Zitat von GrafsteinerNur gegen die Atomwaffen in den eigenen blutigen Händen empören sie sich nie.
Habe ich irgendeine Schlagzeile verpasst, oder drohen wir irgendwem mit einem Nuklearen Schlag? Klar reagieren die empört wenn jemand über den Einsatz von C-Waffen redet. Genau so wäre die Welt empört wenn jemand mit A-Waffen droht. Natürlich, jeder Krieg auf der Welt wurde von den USA, der EU und Israel angestiftet um an billiges Öl zu kommen. Nicht hinter ALLEM steckt eine große Verschwörung.
timorieth 23.07.2012
Bei einer verminderten Selbstwirksamkeitserwartung -gewürzt mit ein bisschen Paranoia- vielleicht schon ;-)
Zitat von TerraxNatürlich, jeder Krieg auf der Welt wurde von den USA, der EU und Israel angestiftet um an billiges Öl zu kommen. Nicht hinter ALLEM steckt eine große Verschwörung.
Bei einer verminderten Selbstwirksamkeitserwartung -gewürzt mit ein bisschen Paranoia- vielleicht schon ;-)
lensenpensen 23.07.2012
auch nicht nuklear bewaffnete Staaten mit Kernwaffen anzugreifen, wenn diese "unsere vitalen Interessen" bedrohen, und dabei ggf. B- und C-Waffen einsetzen. "Vitale Interessen" sind wie mir erscheint sehr [...]
Zitat von TerraxHabe ich irgendeine Schlagzeile verpasst, oder drohen wir irgendwem mit einem Nuklearen Schlag? Klar reagieren die empört wenn jemand über den Einsatz von C-Waffen redet. Genau so wäre die Welt empört wenn jemand mit A-Waffen droht.
auch nicht nuklear bewaffnete Staaten mit Kernwaffen anzugreifen, wenn diese "unsere vitalen Interessen" bedrohen, und dabei ggf. B- und C-Waffen einsetzen. "Vitale Interessen" sind wie mir erscheint sehr dehnbar. Des Weitern wurde dem nuklearen Erstschlag auch nicht abgeschworen. Wobei dieser ja nur bedeuten würde, dass wer als erster schießt als zweiter tot ist.
Schroekel 23.07.2012
... wie Mitglieder der 'Regierung' in Syrien ohne jede Not Sauerstoff ins Feuer dieses Konflikts blasen. Niemand bereitet eine Intervention in Syrien vor, die in der derzeitigen Lage Wahnsinn und in der Tat kontraproduktiv [...]
Zitat von sysopDamaskus will auf eine "Aggression von außen" mit chemischen Waffen reagieren - und sorgt damit für Bestürzung bei den EU-Ministern. Für Präsident Assad sei in Syriens künftig kein Platz mehr. Auch Außenminister Westerwelle verurteilt die Drohung scharf. Syrien: EU ist besorgt über möglichen Einsatz von Chemiewaffen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,845926,00.html)
... wie Mitglieder der 'Regierung' in Syrien ohne jede Not Sauerstoff ins Feuer dieses Konflikts blasen. Niemand bereitet eine Intervention in Syrien vor, die in der derzeitigen Lage Wahnsinn und in der Tat kontraproduktiv wäre. Dennoch reden diese Leute von einer solchen Intervention und drohen dann gleich mit der chemischen Keule. Eine sinn und nutzlose Drohung, die nur dazu in der Lage ist, die Stimmung gegen den Despoten weiter zu verschärfen, schärfere und umfassendere Sanktionen zu erhalten und Moskaus und Pekings Position in der internationalen Diplomatie noch schwieriger zu machen als sie es sowieso schon ist. Offenbar geraten die Leute um Assad in Panik und haben mittlerweile den letzten Kontakt zur Realität verloren. Mögen Assad und sein Clan so schnell es geht aus den Palästen vertrieben werden.
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  • Montag, 23.07.2012 – 16:02 Uhr
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Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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