Von Markus Becker
Damaskus/Jerusalem/Ankara - Der Bürgerkrieg in Syrien eskaliert, das Regime wankt - und die Warnsignale, dass demnächst auch chemische Waffen eingesetzt werden könnten, verdichten sich. Ein übergelaufener syrischer General bestätigte jetzt Berichte, wonach das Regime Chemiewaffen verlegen lässt - für einen möglichen Einsatz als Vergeltung für die Tötung von vier ranghohen Regierungsmitgliedern. "Das Regime hat damit begonnen, sein chemisches Arsenal zu verlegen und zu verteilen, um es für einen möglichen Einsatz vorzubereiten", sagte Mustafa Sheikh der Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Erkenntnisse der Rebellentruppen.
Die US-Regierung ließ am Samstag erklären, sie verfolge die Entwicklungen um das Chemiewaffen-Arsenal und betreibe "aktive Beratungen" mit Syriens Nachbarstaaten über die Sicherheit der Kampfstoffe. "Wir glauben, dass die Chemiewaffen nach wie vor unter der Kontrolle der syrischen Regierung stehen", sagte Tommy Vietor, Sprecher des Weißen Hauses. Aber angesichts der Eskalation der Gewalt und der Angriffe des syrischen Regimes auf sein Volk bleibe Washington "sehr besorgt über diese Waffen".
Die Rebellen kündigten an, sie wollten die Chemiewaffen des Assad-Regimes unter ihre Kontrolle bringen. "Wir haben eine Gruppe, die die Chemiewaffen sichern soll", sagte General Adnan Silou, ein ranghoher Überläufer zur Freien Syrischen Armee, der britischen Zeitung "Daily Telegraph". Silou, der unter Assad selbst für die Waffen zuständig war, sprach von zwei Lagerstandorten für Giftgas - einer östlich von Damaskus, einer nahe Homs.
"Das Regime will das Land niederbrennen"
Die Meldungen über Bewegungen des syrischen Chemiewaffen-Arsenals haben sich zuletzt gehäuft. Die "New York Times" etwa berichtete Ende vergangener Woche unter Berufung auf US-Regierungsvertreter, dass Syrien Teile seines Chemiearsenals aus Lagerstätten verlegt habe. Es sei allerdings unklar, ob es sich dabei um eine Vorsichtsmaßnahme oder die Vorbereitung für einen möglichen Einsatz handele. Andrew Tabler, Syrien-Experte am Institute for Near East Policy in Washington, sagte der "New York Times", dass Chemiewaffen in die stark umkämpfte Gegend um Homs verlegt worden seien. "Man transportiert dieses Zeug nicht, wenn man nicht dazu gezwungen ist", sagte Tabler. "Das Assad-Regime verliert die Kontrolle über sein Territorium."
General Sheikh warnt jetzt mit dramatischen Worten vor einem Chemiewaffen-Einsatz durch die syrische Armee. "Das Regime will das Land niederbrennen", sagte der Offizier. "Es kann nicht fallen, ohne ein Blutbad anzurichten." Sheikh, der im Januar aus Syrien geflohen war, sagt für die kommenden Tage eine Intensivierung der Kämpfe voraus. "Die nächste Phase wird Blutvergießen in noch nicht dagewesenem Ausmaß bringen, und das Regime wird auf nichtkonventionelle Waffen zurückgreifen."
Ähnlich hatte sich zuvor Syriens früherer Botschafter in Bagdad, Nawaf al-Fares, geäußert. Er sei überzeugt, dass Assad bereit sei, "das gesamte syrische Volk auszulöschen", um an der Macht zu bleiben. Sollte er weiter in die Enge gedrängt werden, könnte er auch Chemiewaffen verwenden.
Furcht vor Chemiewaffen-Verbreitung nach Kollaps des Regimes
Eine solche Verzweiflungstat des Regimes ist nicht die einzige Sorge von Experten. Eine weitere Gefahr besteht darin, dass die Kampfstoffe in dem Chaos nach einem Zusammenbruch des Regimes in die Hände von Extremisten fallen könnten.
Die israelische Regierung bereitet sich bereits auf ein solches Szenario vor. Verteidigungsminister Ehud Barak sagte, er schließe ein militärisches Eingreifen in Syrien nicht aus, falls die Regierung in Damaskus Chemiewaffen oder Raketen an die radikalislamische Hisbollah aus dem Libanon weiterreiche. Er habe das Militär angewiesen, sich auf eine solche Entwicklung vorzubereiten, sagte Barak am Freitag dem TV-Sender Channel 10. In dem Moment, in dem der Sturz des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad beginne, werde Israel die Beobachtung durch Geheimdienste vorantreiben und mit anderen Diensten zusammenarbeiten.
Neben der Hisbollah dürfte auch das Terrornetzwerk al-Qaida in Syrien operieren. Mitte Mai hatte es in Damaskus zwei gewaltige Sprengstoffanschläge gegeben, Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon vermutete Qaida-Terroristen unter den Drahtziehern. Das Netzwerk hat mehrfach dazu aufgerufen, sich am Kampf gegen das Assad-Regime zu beteiligen.
Gewaltiges Arsenal in Assads Händen
Das syrische Chemiewaffen-Arsenal gilt als eines der größten der Welt. Nach Erkenntnissen westlicher Militärexperten und Nachrichtendienste verfügt Damaskus über Substanzen wie Senfgas, Sarin und VX.
Senfgas, das im Ersten Weltkrieg erstmals von den Deutschen eingesetzt wurde, verursacht schwere Hautschäden. Sarin kann unter anderem Sehstörungen, Krämpfe, Erbrechen und Bewusstlosigkeit ausführen und über eine Atemlähmung zum Tod führen. Der gefährlichste Kampfstoff im syrischen Arsenal ist jedoch VX. Das Nervengift führt schon in geringen Mengen zu starken Schmerzen und einer Lähmung der Atemmuskulatur; der Tod tritt binnen Minuten ein. Darüber hinaus hegen westliche Geheimdienste schon seit langem den Verdacht, dass Syrien auch biologische Kampfstoffe wie Milzbrand, Botulin und Rizin besitzen. Ob diese aber in waffenfähiger Form vorliegen, ist fraglich.
Als sicher gilt dagegen, dass Syrien diverse Waffensysteme mit chemischen Kampfstoffen besitzt. Darunter befinden sich nach Angaben der Nuclear Threat Initiative (NTI) Hunderte Scud-Raketen mit einer Reichweite von bis zu 450 Kilometern. Zwar ist die Gefahr einer Verbreitung solcher ballistischer Raketen nicht besonders groß, da sie schwierig zu verstecken, zu lagern und nur durch speziell ausgebildete Truppen zu bedienen sind.
Größere Sorge bereiten Fachleuten dagegen die kleineren Chemiewaffensysteme Syriens. Öffentlich zugängliche Informationen der CIA oder von Organisationen wie der NTI besagen, dass Damaskus in den vergangenen Jahrzehnten Tausende Artilleriegeschosse, Freifallbomben und kleinere Mehrfachwerfer-Raketen mit Senfgas und Nervengift bestückt hat.
Solche Raketen, die mit Vorliebe von Organisationen wie der Hisbollah benutzt werden, könnten die Bedrohungslage im Nahen Osten deutlich verschärfen - und auch die israelische Armee vor neue Probleme stellen. Während der israelischen Offensive im Südlibanon 2006 etwa hatte die Hisbollah Tausende Raketen auf Israel gefeuert. Ob eine solche Militäraktion Israels auch gegen eine chemisch bewaffnete Hisbollah noch möglich wäre, ist offen.
Der Westen kann derzeit kaum mehr tun als Zuschauen und das Beste hoffen. Da die syrischen Chemiewaffen über mehrere Standorte im Land verteilt und meist in Bunkern gelagert sind, wären Luftangriffe kaum denkbar - zumal sie auch die Gefahr bergen würden, große Mengen an Kampfstoffen freizusetzen. Und eine Bodenoperation, wie sie Israel zu erwägen scheint, dürfte erst recht schwierig werden. Das US-Verteidigungsministerium soll das Anfang des Jahres bereits durchgerechnet haben. Das Resultat: Die Sicherung des gesamten Chemiearsenals Syriens würde den Einsatz von rund 75.000 Soldaten erfordern.
Mit Material von Reuters und dpa
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