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Terror aus Syrien: Im Libanon eskaliert der Krieg der Clans

Von , Beirut

Der Aufstand gegen Assad hat auch den Libanon erfasst. Pro-Assad-Clans terrorisieren die Familien von Oppositionellen, Anhänger der Rebellen machen Jagd auf regimetreue Syrer. Eine Entführung löst nun landesweite Krawalle aus - die Regierung in Beirut stemmt sich gegen die Eskalation der Gewalt.

Libanon: Rivalisierende Clans terrorisieren das Land Fotos
REUTERS

Mit Kalaschnikows bewaffnet und mit schwarzen Gesichtsmasken vermummt ziehen Mitglieder eines libanesischen Familienclans durch Teile von Beirut und machen Jagd auf Ausländer. Ihr Ziel: Syrer, Türken und Araber aus den Golfstaaten - all jene, hinter denen sie Gegner des syrischen Machthabers Baschar al-Assad vermuten. Seit Mittwoch haben die Milizen nach eigenen Angaben bereits zwei Dutzend Syrer entführt.

Zwischenzeitlich sperrten die Bewaffneten sogar die Zufahrtstraße zum Flughafen von Beirut. Ein Air-France-Flugzeug drehte aus Sicherheitsgründen über dem Libanon ab und landete auf Zypern. Die Golfstaaten haben ihre Staatsbürger dazu aufgerufen, den Libanon zu verlassen; Saudi-Arabien und Kuwait haben die Evakuierung ihrer Staatsbürger aus dem Land begonnen.

Die Krawalle unterstreichen, wie schwierig es für Beirut ist zu verhindern, dass der Krieg im Nachbarland Syrien auch den Libanon erfasst. Der Konflikt in Syrien verstärkt nun die Spannungen und Probleme, die den Libanon ohnehin schon plagen.

Die Regierung in Beirut verfolgt offiziell eine Politik der Nichteinmischung. Historisch sind der Libanon und Syrien eng verbunden. Viele Familien haben Mitglieder auf beiden Seiten der Grenze. Schon seit Monaten gibt es bei Auseinandersetzungen zwischen libanesischen schiitischen Familienclans im Norden des Landes und syrischen Rebellen im Grenzgebiet immer wieder Tote.

Der Krieg in Syrien hat die konfessionellen Konfliktlinien im Libanon verstärkt.

  • Die konservativen Sunniten des Libanons neigen dazu, mit den syrischen Aufständischen zu sympathisieren. Die Rebellen decken sich auf dem libanesischen Schwarzmarkt mit Waffen und Munition ein.
  • Die libanesischen Schiiten sehen sich eher auf Seiten von Baschar al-Assad, der als Alawit einer schiitischen Strömung angehört.
  • Die schiitische Hisbollah, die der Regierungskoalition in Beirut angehört, ist ein Verbündeter Assads.

Während die Hisbollah Assad öffentlich Treue schwört, agiert die Organisation im Libanon sehr verhalten. Dass es nun zu einem Ausbruch der Gewalt kommt, wirft die Frage auf, inwiefern die Bewegung noch in der Lage ist, ihre militante und zunehmend wütende Basis weiterhin unter Kontrolle zu halten.

Auslöser für die aktuellen Krawalle war die Entführung des Libanesen Hassan al-Mekdad in Syrien durch Rebellen, dem sie vorwerfen, ins Land gekommen zu sein, um als Hisbollah-Mann für Assad zu kämpfen.

Die Mekdads stellen einen der wichtigen schiitischen Familienclans im Libanon und sind lose mit der Hisbollah verbündet. Der Clan gab den syrischen Rebellen ein 24-Stunden-Ultimatum, ihren Verwandten freizulassen. Andernfalls, erklärten sie im libanesischen Fernsehen, werde der "militärische Flügel" ihrer Familie syrische Rebellen im Libanon attackieren - "Auge um Auge".

Die Zukunft Libanons hängt von der Lage in Syrien ab

Nach Ablauf des Ultimatums sorgte ein Gerücht für eine weitere Zuspitzung der Lage: Es hieß, bei einem Luftangriff des syrischen Regimes auf die von Rebellen kontrollierte Stadt Asas seien Libanesen ums Leben gekommen. In Asas wird seit Mai eine Gruppe Libanesen von syrischen Rebellen festgehalten. Die Aufständischen fordern, dass sich die libanesische Hisbollah für ihre Unterstützung des Assad-Regimes entschuldigt. Dann werde man die Geiseln freilassen. Die Hisbollah lehnt diese Forderung strikt ab.

Am Donnerstagnachmittag gab es wenigstens eine vorläufige Entspannung der Lage: Man werde die militärischen Operationen auf libanesischem Boden vorerst einstellen, erklärte Maher al-Mekdad, der als Sprecher des Clans fungiert. Man habe nun ausreichend Geiseln in der Hand und plane keine weiteren Entführungen.

Aber selbst diese Erklärung zeigt, wie schwer es wird für Beirut, eine Eskalation der Gewalt im eigenen Land abzuwenden. Mächtige Clans entscheiden, ob Krieg in den Straßen herrscht oder Frieden. Die libanesische Regierung hat zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen bisher für unnötig erklärt. Doch je länger der Krieg in Syrien andauert, desto schwieriger wird die Lage.

mit Material von dpa

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1.
Tommi16 16.08.2012
Zitat von sysopREUTERSDer Aufstand gegen Assad hat auch den Libanon erfasst. Pro-Assad-Clans terrorisieren die Familien von Oppositionellen, Anhänger der Rebellen machen Jagd auf regimetreue Syrer. Eine Entführung löst nun landesweite Krawalle aus - die Regierung in Beirut stemmt sich gegen die Eskalation der Gewalt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,850393,00.html
Vielleicht fangen ja jetzt manche an, über die geostrategische Bedeutung solche Regime wie Assad, vorher Ghaddafi oder Hussein, für den Frieden in der Region nachzudenken.
2. Journalisten mit Grund zur Freude
robert.haube 16.08.2012
Die anschauliche Beschreibung aus Beirut kann Viele, die genau dies -den Beginn eines Flächenbrandes in der gesamten Region- erwartet haben, nicht überraschen. Aber: Der Schwelbrand wird durch die syrische Armee (SAA) gelöscht werden. Eine gute Nachricht von heute für (hoffentlich alle) Journalisten: Drei entführte Mitglieder eines syrischen Fernseh-Teams (Moderatorin, Kameramann, Fahrer) sind heute durch Spezialkräfte der SAA aus ihrer Gefangenschaft befreit worden. Für den Vierten der Gruppe (Kamera-Assistent) kam die Befreiungsaktion leider zu spät. Er war von der FSA-Bande in Tal bei Damaskus in Gefangenschaft kaltblütig erschossen worden. Wo bleibt der Aufschrei von westlichen Menschenrechts-Organisationen ?
3.
c.werner 16.08.2012
Zitat von Tommi16Vielleicht fangen ja jetzt manche an, über die geostrategische Bedeutung solche Regime wie Assad, vorher Ghaddafi oder Hussein, für den Frieden in der Region nachzudenken.
Jetzt werden hier Diktatoren schon als Friedensfürsten verklärt. Ich fasse es nicht.
4. zu robert.haube!
demokratischersozialist 16.08.2012
Dieser Aufschrei wird nicht kommen, denn obwohl es ja nur Mitglieder eines Fernsehteams sind, gehoeren sie zu der "Boesen Seite"! Jedenfalls nach westlichen Verstaendniss!!
5. Tragen Sie es mit Fassung
meinlieber 16.08.2012
Zitat von c.wernerJetzt werden hier Diktatoren schon als Friedensfürsten verklärt. Ich fasse es nicht.
Zu Friedensfürsten werden Sie nicht erklärt, doch im Falle Syriens ist Assad offensichtlich das kleinere übel. Die USA profilierien sich gerne als Friedensfürsten, sind es aber genauso wenig. Russland übrigens auch nicht.
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Hauptstadt: Beirut

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Regierungschef: Nadschib Mikati (zurückgetreten; amtierend); Tammam Salam (designiert)

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