Arabische Halbinsel Wie die Golfstaaten mit syrischen Flüchtlingen umgehen

Nehmen die reichen Golfstaaten wirklich keine Flüchtlinge aus Syrien auf? Doch - aber dort sind sie der Willkür der autokratischen Herrscher ausgeliefert.

Syrische Flüchtlinge an der Grenze zu Jordanien
AP/dpa

Syrische Flüchtlinge an der Grenze zu Jordanien

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Es kommt selten vor, dass sich die Presse in Saudi-Arabien traut, die Politik der Golfstaaten zu kritisieren. Umso bemerkenswerter ist diese Karikatur, die die Zeitung "Mekka" auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise veröffentlichte. Zu sehen ist ein arabischer Flüchtling, der vor einer verschlossenen Tür mit dem Emblem der EU steht. Gleich daneben brüllt ein Mann mit der traditionellen Kopfbedeckung der Golfaraber aus seiner verschlossenen Tür: "Warum lasst ihr sie nicht herein, ihr unfreundlichen Menschen?" Er selbst hat seine Tür sogar noch mit Stacheldraht gesichert.

Die Karikatur stieß eine Debatte über die Hilfe der reichen Golfstaaten für die syrischen Flüchtlinge an. Nehmen Saudi-Arabien, Kuwait, Bahrain, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate tatsächlich keine Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsland auf? In den offiziellen Statistiken des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR weisen diese Staaten tatsächlich null Flüchtlinge auf. Das liegt daran, dass die Golfstaaten die Genfer Flüchtlingskonvention nicht unterzeichnet haben. Das bedeutet, dass die Syrer, die seit 2011 am Golf Zuflucht gefunden haben, nicht offiziell als Flüchtlinge registriert werden.

Saudis versprechen ein "Leben in Würde und Sicherheit"

Tatsächlich haben die Länder auf der Arabischen Halbinsel seit 2011 Hunderttausende Syrer aufgenommen oder die Aufenthaltsgenehmigung für Gastarbeiter aus Syrien verlängert. Saudi-Arabien hat seit Kriegsbeginn rund 500.000 syrische Flüchtlinge ins Land gelassen. Mehr als 100.000 syrische Kinder und Jugendliche besuchen saudi-arabische Schulen. "Wir behandeln sie nicht als Flüchtlinge und stecken sie auch nicht in Flüchtlingslager, damit sie in Würde und Sicherheit leben können. Sie genießen volle Bewegungsfreiheit", teilt das Herrscherhaus mit.

Doch so idyllisch, wie von der Königsfamilie beschrieben, ist das Leben nur für wenige Syrer in Saudi-Arabien. Tausende Flüchtlinge leben in Elendsvierteln von Dschidda, Riad und anderen Städten. Sie versuchen mühsam, sich als Tagelöhner über Wasser zu halten. Nur wenige erhalten staatliche Unterstützung.

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Denn weil die Syrer in Saudi-Arabien keinen offiziellen Flüchtlingsstatus genießen, haben sie auch nicht die Rechte, die ihnen die Flüchtlingskonvention gewährt - wie etwa soziale Versorgung und medizinische Unterstützung. Sie sind damit von der Willkür und dem Wohlwollen der autokratischen Golfmonarchen abhängig. Sie können die Flüchtlinge jederzeit ausweisen.

Die Arbeitgeber in den Golfstaaten wissen, dass ihre syrischen Gastarbeiter auf absehbare Zeit nicht in ihre Heimat zurückkehren können. Deshalb haben einige Unternehmen keine Scheu, die Syrer auszubeuten. Hilfsorganisationen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten berichten, dass manche syrischen Arbeiter monatelang nicht bezahlt werden. Doch wenn sie sich beschweren, riskieren sie die Kündigung und damit den Verlust ihrer Aufenthaltsgenehmigung.

Die Syrer wissen um die prekäre Lage ihrer Landsleute in den Golfstaaten. Das ist auch der Grund, warum viele Kriegsflüchtlinge lieber die lebensgefährliche Überfahrt über das Mittelmeer riskieren. In der EU stehen sie schließlich unter dem Schutz der Flüchtlingskonvention.

Spenden an islamische Hilfsorganisationen

Die arabischen Monarchen wollen nicht, dass die Syrer nach Europa flüchten - das betonen sie immer wieder. Deshalb haben sie mehrere Hundert Millionen Euro gespendet, um Flüchtlingslager in Jordanien und im Libanon zu finanzieren. Wie hoch der Gesamtbetrag ist, lässt sich nicht feststellen. Denn viele Gelder fließen in Stiftungen oder internationale Organisationen wie das Welternährungsprogramm oder Unicef oder werden von diesen genutzt, um Flüchtlingen zu helfen.

Hinzu kommen Spenden wohlhabender Privatleute, die zu den großzügigsten Geldgebern gehören. Allerdings landet ein Großteil dieser Spenden bei islamischen Hilfsorganisationen, die den Flüchtlingen nicht nur Essen und Obdach spenden, sondern ihnen auch die fundamentalistische Islam-Interpretation Saudi-Arabiens übermitteln.

Im Jahr 2013 waren übrigens die Vereinigten Arabischen Emirate das Land, das weltweit den höchsten Betrag für humanitäre Hilfe bereitgestellt hat - es waren fast sechs Milliarden Dollar, ein Großteil davon floss in die Unterstützung syrischer Flüchtlinge.

insgesamt 75 Beiträge
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Irene56 11.08.2016
1. Das ist sehr bedauerlich
Allerdings wissen wir - oder auch nicht - aus der Geschichte, dass die Völker sich alleine ihre Rechte und Freiheiten erkämpfen müssen. Man kann Revolutionen nicht exportieren und schon gar nicht kann Deutschland die ganze Welt retten. Denn scheinbar will der Artikel ja alle darauf einstimmen, dass man alle Syrer aufnehmen muss, da diese sonst der Willkür autokratischer Herrscher ausgesetzt werden. Übrigens werden diese Syrer sicher gewusst haben, in welche Richtung sie flüchten. Es war also erstmal ihre Entscheidung. Erst wenn jeder Mitarbeiter von SPON und Spiegel und jeder Forist, der hier so eifrig für die Aufnahme plädiert mindestens einen Flüchtling daheim aufgenommen und versorgt hat, sollten wir diese Diskussion weiterführen.
tomkey 11.08.2016
2.
Endlich mal ein paar Fakten zu den Flüchtlingen die in die arabischen Länder fliehen. Trotz der 550 000 die nach SA seit 2011 aufgenommen hat, finde ich das relativ wenig. Vielleicht sollte die EU einen Deal mit Sa machen und denen dieErdogan-Milliarden zukommen lassen??
christa.hans 11.08.2016
3. Da auch die Länder der arabischen Halbinsel.................
Da auch die Länder der arabischen Halbinsel über Internet und Sat-TV verfügen haben sie sicherlich auch mitbekommen wie sich die Flüchtlinge (auch aus Syrien) in Europa aufführen, dem beugt man vor. Bei uns regiert man es erst, wenn es zu spät ist. Paris, Brüssel, München usw. aber auch die Aufmärsche der Türken in Köln und Wien wird man dort nicht dulden.
killing joke 11.08.2016
4. Viel Feind viel Ehr'
"Willkür autokratischer Herrscher" Klingt so, als hätten unsere transatlantischen Weltbeglücker schon den nächsten 'regime change' im Auge. Von alleine wird sich der globale Endkampf um freedom & democracy auch nicht schlagen. Viel Feind, viel Ehr'. Immerhin würden Sie dann wirklich ihrer Ideologie folgen und sich nicht von Machtpolitik und Petrodollars leiten lassen, nicht wahr? Also - auf nach Arabien!
willibrand 11.08.2016
5.
Die Golfstaaten und Saudi Arabien haben Arbeit für Hundertausende, aber sie nehmen halt lieber Inder, Südost-Asiaten usw. auf, die dort den Standard der Herrscherfamilien sichern auf. Sind wohl auch pflegeleichter als Syrer, Iraker, Nordafrikaner. Zweitens kommen letztgenannte lieber nach D weil ihnen hier Geld, Wohnung, UNi , Familiennachzug etc. versprochen wird. Das obwohl sie in ein feindliches christlich-Jüdisches Land kommen, die Sprache nicht können und deswegen psychische Probleme haben. Aber alles kein Problem wie sagt die Kanzlerin ?
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