Geflohene Syrer in der Türkei Betteln und buckeln

Zweieinhalb Millionen Syrer leben in der Türkei. Europa möchte, dass sie dort bleiben. Tatsächlich wollen das auch die meisten Flüchtlinge. Aber ist das Land darauf vorbereitet?

Syrische Flüchtlinge in Ankara: Weniger Fremdenfeindlichkeit als in Deutschland
AP

Syrische Flüchtlinge in Ankara: Weniger Fremdenfeindlichkeit als in Deutschland

Von , Istanbul


Das Leben ist hart, aber trotzdem schön, findet Fawzi Ido. Wenn man bereit sei, die Chancen zu sehen und hart für sein Glück zu arbeiten. Ido, 26, ist Syrer und lebt seit bald zwei Jahren in Istanbul.

Natürlich könnte Ido jammern. Weil er nur ein winziges, dunkles Zimmer bewohnt, Neonröhre an der Decke, ein kleiner Schreibtisch, ein Bett, ein Schrank. Weil er neben seinem Studium der Tourismuswirtschaft hart arbeiten muss, als Kellner in einem Eiscafé, sechs Tage die Woche bis spät in die Nacht, um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, weil allein die private Uni 2150 Dollar im Jahr kostet.

Aber Ido, im Frühjahr 2014 aus seinem Heimatdorf im Gouvernement Idlib in die Türkei geflüchtet, sagt: "In der Türkei kann man vieles erreichen. Dieses Land gibt uns Syrern Hoffnung auf ein gutes Leben." Er kam bei Freunden in Hatay unter, zog weiter auf die Prinzeninseln im Marmarameer, weil es dort Jobs in der Gastronomie gab, und lebt jetzt bei seinem Onkel in Istanbul.

Fawzi Ido, syrischer Flüchtling, in Istanbul: "Man kann vieles erreichen"
Hasnain Kazim

Fawzi Ido, syrischer Flüchtling, in Istanbul: "Man kann vieles erreichen"

Ido ist einer von etwa zweieinhalb Millionen Syrern, die sich inzwischen in der Türkei registriert haben. Hinzu kommen vermutlich mehrere Hunderttausend, die nicht offiziell erfasst sind. Die genaue Zahl kennt niemand. Fest steht: In manchen Orten im Südosten der Türkei leben mehr Syrer als Türken. Arabisch hört man dort ebenso häufig wie Türkisch.

"Das ist eine Realität, die wir akzeptieren müssen"

Die meisten von ihnen wollen dauerhaft bleiben, das belegen Untersuchungen. "Das müssen wir hier in der Türkei akzeptieren ", sagt Murat Erdogan, Politikwissenschaftler und Migrationsforscher an der Hacettepe-Universität in Ankara. "In zehn Jahren, im Jahr 2026, werden wir immer noch etwa drei Millionen Menschen in der Türkei mit syrischen Wurzeln haben. Wir werden sie dann wohl nicht mehr als Flüchtlinge bezeichnen."

Die türkische Regierung, sagt Forscher Erdogan, sei lange davon ausgegangen, dass diese Menschen irgendwann in ihre Heimat zurückkehren. "Die Lage in Syrien ist aber derart, dass an eine Rückkehr nicht zu denken ist. Und die Erfahrung mit Massenmigration zeigt, dass Menschen, die länger als zwei Jahre an einem neuen Ort leben, meist nicht dorthin zurückgehen, woher sie gekommen sind."

Allmählich setzt sich diese Erkenntnis auch in der Regierung durch. So sollen die Syrer nun offiziell in der Türkei arbeiten dürfen. Ein wichtiger Schritt. Schon lange beklagen die Flüchtlinge, in die Schwarzarbeit gedrängt und dabei oft ausgebeutet zu werden.

Flüchtlinge als politisches Instrument?

Die Zahl der Flüchtlinge in der Türkei dürfte weiter steigen - davon gehen Regierung wie Wirtschaft aus. "Die Lage in Ländern wie Syrien und Irak, aber auch in Afghanistan ist nach wie vor schwierig. Eine Entspannung ist nicht in Sicht, im Gegenteil", sagt Erdogan. Trotzdem habe es nur sehr wenige fremdenfeindliche Straftaten in der Türkei gegeben. "Die Reaktion der türkischen Gesellschaft ist bei Weitem nicht so negativ wie in Deutschland", sagt er. "Das liegt sicher daran, dass die Flüchtlingspolitik auf Präsident Recep Tayyip Erdogan zurückgeht. Die Menschen vertrauen ihm."

Dabei scheint der Staatschef die Flüchtlinge derzeit auch als politisches Instrument zu nutzen. So drohte er bei einem Treffen mit der EU-Spitze im vergangenen Jahr damit, sie weiter nach Europa zu schicken, falls sein Land nicht mehr Geld erhalte. Zuvor war ein entsprechendes Protokoll bekannt geworden. Eines Tages könne es sein, dass die Türkei "das Tor aufmacht" und den Flüchtlingen "gute Reise wünscht", sagte Erdogan demnach. Er bestätigte diese Woche die Echtheit des Protokolls.

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Kämpfe in Aleppo: Tausende Syrer auf der Flucht
Forderungen mehrerer westlicher Staaten und der Uno, die Grenze zu öffnen und Tausende Menschen aus Aleppo und Umgebung in die Türkei zu lassen, die seit Beginn des russischen Luftbombardements seit Tagen an der Grenze ausharren, wies er barsch zurück. "Tut mir leid, aber wir haben kein Schild mit der Aufschrift 'Dummkopf' auf unserer Stirn", lautet seine Antwort. Die Uno solle ihren Appell doch auch an andere Länder richten, die nur "ein paar Hundert" Flüchtlinge aufgenommen hätten.

Europa geht es nur darum, die Flüchtlinge zu stoppen

Nach eigenen Angaben hat die Türkei seit Beginn der Gewalt in Syrien vor fünf Jahren etwa neun Milliarden Euro für die Bewältigung des Flüchtlingsstroms ausgegeben. Die zugesagten drei Milliarden von der EU seien zu wenig, heißt es jetzt in der Regierung. Dabei sind derzeit nur etwa zehn Prozent der Flüchtlinge in Camps untergebracht, die große Mehrheit bleibt auf sich selbst gestellt. Viele betteln, andere arbeiten wie Fawzi Ido. "Zwei Dinge gibt uns der türkische Staat", sagt Ido: "Eine kostenfreie Behandlung in Krankenhäusern und kostenlosen Schulunterricht auf Arabisch." Er findet das schon sehr großzügig.

Migrationsforscher Erdogan dagegen teilt die Kritik der Regierung, die EU habe die Türkei in Sachen Flüchtlingen lange Zeit im Stich gelassen. "In den ersten ein, zwei Jahren nach Ausbruch der Gewalt hat Europa überhaupt kein Interesse daran gezeigt, der Türkei zu helfen. Das war ein riesengroßer strategischer Fehler." Erst als immer mehr Menschen in Westeuropa ankamen, habe ein Umdenken stattgefunden. "Aber da war es zu spät. Da ließ sich diese Bewegung nicht mehr stoppen."

Die jetzige EU-Politik sei eher von "Panik" geprägt und nicht "strategisch durchdacht". Europa, so sein Eindruck, gehe es nur darum, die Flüchtlinge zu stoppen. Und eben nicht darum, einen für diese Menschen akzeptable, würdige Lösung zu finden.

Fawzi Ido, der Tourismusstudent aus Syrien, macht jedenfalls erst einmal seinen Abschluss und will sich dann bei Hotels in Istanbul bewerben. Dass Syrer jetzt legal arbeiten dürfen, kommt für ihn gerade rechtzeitig. "Es stimmt schon, in Europa erhalten Flüchtlinge mehr staatliche Hilfen. Aber wer in der Türkei konsequent seine Träume verfolgt, kann es hier zu etwas bringen."

Fawzi Ido: Erst das Studium, dann der Job
Hasnain Kazim

Fawzi Ido: Erst das Studium, dann der Job

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Janna Kazim
Hasnain Kazim ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE mit Sitz in Istanbul.

E-Mail: Hasnain_Kazim@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
NeueTugend 12.02.2016
1. Wenn ich
aus Deutschland flüchten müsste, würde ich auch zu einem Nachbarn gehen. Auch wenn es vielleicht tausende Kilometer entfernt besser zu leben wäre. Zumindest würde ich mich beim Nachbarn heimischer fühlen. Und das zählt für mich.
jamguy 12.02.2016
2.
Zitat von NeueTugendaus Deutschland flüchten müsste, würde ich auch zu einem Nachbarn gehen. Auch wenn es vielleicht tausende Kilometer entfernt besser zu leben wäre. Zumindest würde ich mich beim Nachbarn heimischer fühlen. Und das zählt für mich.
zu Deiner neuen Tugend, glaub ich nicht das Du Dich beim Nachbarn gut fühlen würdest wenn Zuhause wo Du herkommst alles in Schutt und Asche liegt und Du nur noch das hast was Du tragen konntest? Ich glaub auch nicht das sich die Flüchtlinge in Deutschland lange besser fühlen den schön is vielleicht das es als Einwanderungsland gild aber is man erst mal im System angekommen nervt der Politkrieg gegen das Volk.
nahörmal! 12.02.2016
3. dieser Artikel
Macht Mut. Dieser Student verdient Respekt. Und wird seinen Weg machen. Sind die Türken etwa toleranter als wir? Kann mich erinnern in den 80ern in der Türkei im Urlaub alle freundlich waren, auch die, die jahrelang im Ruhrpott gearbeitet hatten... kein Fremdenhass wie etwa in manchen Gegenden der France, nur weil man Deutscher ist. Was unterscheidet diesen Syrer von irgendeinem anderen ehrgeizigen jungen Menschen irgendwo auf der Welt?
agua 12.02.2016
4.
Ich kritisiere den Umgang mit dem Problem, ebenfalls die Verhandlungen mit der Türkei und die Zahlung.In einem Punkt gebe ich Erdogan aber recht.Das Flüchtlingsproblem, wurde erst zum Problem, als es begann Deutschland zu betreffen.Fakt ist, was im Artikel nicht deutlich wird, dass viele Flůchtlinge in der Türkei, als Obdachlose auf der Straße leben.
sissy69 12.02.2016
5. Ist das Land WIRKLICH darauf vorbereitet?
Was für eine Frage ist das denn??? Wenn ein reiches, hochentwickeltes Land wie Deutschland offenkundig mit 1 Million Flüchtlinge ein Problem hat, wer will dann allen Ernstes von der Türkei erwarten mal eben so die doppelte Zahl aufzunehmen!?!? Und was sagt das über uns aus, das zu erwarten? Und was erst, wenn die Türkei das schafft...
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