Syrer im Hungerstreik in Athen "Ich esse erst wieder, wenn ich ein Ticket nach Hamburg habe"

Mehrere Tausend syrische Flüchtlinge warten in Griechenland darauf, mit ihren Angehörigen in Deutschland zusammengeführt zu werden. Die Genehmigungen liegen vor - trotzdem werden die Menschen vertröstet. Nun regt sich Protest.

Olga Stefatou

Von , Athen


14 Männer und Frauen aus Syrien campieren auf dem Syntagma-Platz im Herzen Athens, genau gegenüber vom Parlament. Sie alle haben Angehörige in Deutschland. Und sie alle haben schon vor Monaten die Genehmigung der deutschen Behörden erhalten, zu ihren Familien in die Bundesrepublik zu ziehen. Doch noch immer sitzen sie in Griechenland fest. Wie ihnen geht es Hunderten.

Seit 1. November befinden sich die 14 Syrer in Athen im Hungerstreik. Damit wollen sie gegen die Verzögerungen beim Familiennachzug protestieren. Am Mittwoch ziehen sie in einem Protestmarsch zur deutschen Botschaft.

Hana Bakur, 36, ist eine von ihnen. Sie stammt aus der syrischen Stadt Homs. Sie ist das Warten leid. Sie und ihre vier Kinder sind vor zwei Jahren nach Griechenland gekommen. Vor drei Jahren hat sie ihren Ehemann zuletzt gesehen. Er floh 2014 aus Syrien, schaffte es nach Deutschland und lebt nun in Hamburg.

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Protest von Syrern in Athen: "Kein Warten mehr"

Im März 2017 wurde Hanas Antrag auf Familienzusammenführung in der Bundesrepublik genehmigt. Trotzdem hat sich Hanas Traum, ihren Ehemann wiederzutreffen, bislang nicht erfüllt. "Ich möchte ihn einfach nur wiedersehen und dass unsere Familie wiedervereint wird. Ich verstehe nicht, warum mir das verweigert wird", sagt Hana.

Dublin-Regeln missachtet

Sie ist nicht allein. Etwa 2500 Flüchtlinge warten in Griechenland seit mehr als einem halben Jahr darauf, mit ihren Familien in Deutschland vereint zu werden. Das widerspricht den Dublin-Regeln. Diese sehen vor, dass nach der Genehmigung des Familiennachzugs maximal sechs Monate vergehen dürfen, bis der Beschluss umgesetzt wird.

Rund 80 Flüchtlinge und 200 griechische Unterstützer nehmen an dem Protestmarsch zur Botschaft teil. Ihr Weg endet 50 Meter vor dem Gebäude, die Polizei lässt die Demonstranten nicht näher heran. "Wir bestehen auf unserem offensichtlichen Recht, die Zusammenführung zu beschleunigen und ein jahrelanges, gefährliches Abenteuer für unsere Familien zu beenden", teilen die Protestler in einer Erklärung mit.

Gabriel Sakellaridis, Direktor von Amnesty International in Griechenland, beklagt, dass die Verzögerungen für die Flüchtlinge zusätzliches Leid bedeuteten. "Athen und Berlin müssen zusammen dafür sorgen, dass die Transfers in dem Zeitrahmen erfolgen, der in den Dublin-Regeln vorgesehen ist", sagt Sakellaridis. "Die Flüchtlinge brauchen Gewissheit."

Athen weist Verantwortung zurück

Die Regierung in Athen weist jede Verantwortung für die Verzögerung von sich. Migrationsminister Ioannis Mouzalas sagte kürzlich, dass die Bundesregierung eine Anfrage für zwei zusätzliche Charterflüge für den Transfer von Flüchtlingen nach Deutschland nicht beantworte. Menschenrechtsorganisationen und die Flüchtlinge selbst sehen politische Gründe in Deutschland als Ursache für das langesame Tempo.

Derzeit gelangen pro Monat etwa 200 Flüchtlinge im Rahmen des Familiennachzugs von Griechenland in die Bundesrepublik. Bei dieser Geschwindigkeit wird es noch Monate dauern, bis alle Berechtigten ein Ticket nach Deutschland in den Händen halten. Ein Sprecher des griechischen Migrationsministeriums versicherte dem SPIEGEL jedoch, dass kein Flüchtlinge befürchten müsse, sein Recht auf Familienzusammenführung zu verlieren.

Am Abend, als der Regen in Athen nachlässt, gibt es für Hana aus Homs doch noch Grund zur Freude: Sie sieht das Gesicht ihres Mannes im Videochat. Er ist gerade in Berlin und protestiert zeitgleich mit Verwandten der anderen Hungerstreikenden. Hana und ihr Mann winken sich zu, lachen und weinen und sprechen sich gegenseitig Mut zu.

Hana will ihren Kampf fortsetzen. "Ich werde erst wieder essen, wenn meine Kinder und ich ein Ticket nach Hamburg haben."

Übersetzung: Christoph Sydow



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