Syrien Flüchtlinge schildern Gräueltaten der Assad-Armee

Soldaten jagen Oppositionelle mit Kampfhubschraubern, die Armee hinterlässt verbrannte Erde: Tausende Flüchtlinge sind wegen des brutalen Vorgehens des Assad-Regimes bereits in die Türkei geflohen, bis zu 10.000 warten noch an der Grenze - viele haben Schreckliches erlebt.

DPA

Istanbul/Damaskus - Sie sind in Sicherheit und wurden Beobachter grausamer Erlebnisse: Syrische Flüchtlinge in der Türkei haben das brutale Vorgehen der Truppen von Präsident Baschar al-Assad geschildert. Ein Augenzeuge aus einer Siedlung auf einer Anhöhe über der Stadt Dschisir al-Schughur sagte der BBC, wie am Freitag rund 40 Panzer das darunter gelegene Dorf angegriffen hatten. Dabei hätten sie mitten in die Häuser geschossen. Wie viele Tote es gegeben habe, konnte er nicht sagen. Jedoch vermochte er zu beobachten, wie die Soldaten Felder niederbrannten und Olivenbäume ausrissen, um den Überlebenden jede Lebensgrundlage zu nehmen.

Es sind Vorfälle wie dieser, die immer mehr Menschen aus Syrien ins Nachbarland Türkei fliehen lassen. 4300 Syrer sind nach Angaben eines hochrangigen türkischen Regierungsvertreters bereits geflohen, viele davon kommen aus Dschisir al-Schughur, wo die syrische Armee am Freitag eine Offensive startete und am Samstag fortsetzte. Über neue Kampfhandlungen und ihre möglichen Opfer wurde zunächst wenig bekannt: Oppositionelle meldeten auf ihren Webseiten, dass Militärhubschrauber über dem Ort kreisten und dass über einem Wohnviertel schwarze Rauchwolken aufgestiegen seien.

Die Türkei bereite sich auf die Aufnahme weiterer Flüchtlinge vor. Tausende weitere Menschen sind einem Helfer zufolge schon auf syrischer Seite der Grenze, um ebenfalls Schutz vor den Regierungstruppen zu suchen. Die Türkei hat im Grenzgebiet ein Flüchtlingslager in einer großen Halle sowie auf dem Gelände einer stillgelegten Tabakfabrik eingerichtet. Am Samstag wurde ein drittes Auffanglager mit Feldbetten ausgerüstet.

Die Zeitung "Radikal" berichtete, sollte die Zahl der syrischen Flüchtlinge 10.000 überschreiten, werde die Türkei eine Pufferzone einrichten. "Der Grenzbereich ist praktisch schon zu einer Pufferzone geworden", sagte Abu Fadi, ein Helfer auf syrischer Seite. "Hier sind 7000 bis 10.000 Menschen." Familien suchten nahe der Grenze unter Bäumen Schutz.

Regierung schiebt Schuld auf "Extremisten"

Die Berichte über die Gewalttaten lassen sich nur schwer überprüfen, weil das Regime von Präsident Baschar al-Assad keine unabhängigen Medien im Land zulässt. Das brutale Vorgehen gegen den Ort an der türkischen Grenze dürfte aber eine Vergeltungsmaßnahme wegen der regimefeindlichen Haltung der meisten Bewohner darstellen.

Nach Behauptung der Staatsmedien sollen in Dschisir al-Schughur Anfang der Woche 120 Soldaten und Polizisten von "Extremisten" aus den Reihen der örtlichen Bevölkerung getötet worden seien. Oppositionelle hatten dagegen berichtet, die Soldaten und Polizisten seien von Angehörigen der Sicherheitskräfte erschossen worden, weil sie den Befehl verweigert hätten, auf unbewaffnete Demonstranten zu schießen.

Die Regierungstruppen wurden am Samstag bei ihrem Vormarsch auf Dschisir al-Schughur von Scharfschützen unter Feuer genommen. Panzer und Tausende Soldaten riegelten die fast vollständig von ihren Bewohnern verlassene Stadt ab. Ein Aktivist berichtete, in dem Ort hielten sich noch meuternde Soldaten und Offiziere auf, die aus Protest gegen das gewaltsame Vorgehen der Streitkräfte gegen Demonstranten desertiert waren. Sie hätten geschworen, die Stadt und die Bewohner zu verteidigen. Seit Tagen operieren die Streitkräfte mit schwerem Gerät rund um die Stadt. Warum sie mit der Erstürmung zögern, blieb unklar.

Dass Präsident Baschar al-Assad eine von seinem berüchtigten Bruder Maher befehligte Eliteeinheit nach Dschisir al-Schughur geschickt hat, wird von einigen Beobachtern als Beleg dafür angesehen, dass er sich der Loyalität der normalen Wehrpflichtigen nicht mehr sicher sein kann. Die mit Panzern und Hubschraubern ausgerüstete Einheit soll für einen Großteil der Übergriffe am Freitag verantwortlich gewesen sein.

Assad lässt Uno-Generalsekretär abblitzen

Die Provinz Idlib und die Stadt Dschisir al-Schughur waren in der Vergangenheit bereits Schauplatz von Auseinandersetzungen mit dem Regime. Ende der siebziger Jahre begehrten die Muslimbrüder in der Stadt gegen Assads verstorbenen Vater auf. 1980 ließ er die Stadt bombardieren. Dabei kamen angeblich 70 Personen ums Leben, Bewohner berichteten jedoch von höheren Opferzahlen.

Im Nordwesten des Landes betreiben die syrischen Soldaten zunehmend offensichtlich eine Politik der verbrannten Erde. Oppositionelle werden von Panzern und Kampfhubschraubern zusammengeschossen. In der nordwestlichen Stadt Maarat al-Numaan feuerte die Armee aus Kampfhubschraubern auf Zehntausende Demonstranten.

Die USA beschuldigten die syrische Regierung, eine humanitäre Krise zu schaffen. Zugleich rief Washington die Führung in Damaskus auf, Angriffe auf Zivilisten zu unterlassen und dem Roten Kreuz sofortigen und uneingeschränkten Zugang zum Nordwesten des Landes zu geben.

Uno-Chef Ban Ki Moon kritisierte den Einsatz militärischer Gewalt gegen Zivilisten in der Nacht zum Samstag erneut als "nicht akzeptierbar". Er sei tief besorgt über das Vorgehen, hieß es in einer Uno-Erklärung an Damaskus, und erwarte wirkliche Reformen von Assads Regime.

Mahnende Worte aus dem Ausland will Assad nicht hören - einen Anruf Bans nahm er nicht an. Nach Angaben einer Uno-Sprecherin wurde dem Chefdiplomaten der Weltorganisation mitgeteilt, Assad sei "für ihn nicht verfügbar". Ban hatte Assad zum Halt der brutalen Militäreinsätze auffordern wollen, hieß es am Samstag von Seiten der Vereinten Nationen.

Der Uno-Sicherheitsrat debattiert seit vergangener Woche über einen Resolutionsentwurf, der die Regierungsgewalt gegen friedliche Demonstranten in Syrien verurteilen und ihr sofortiges Ende verlangen würde. Das von Frankreich, Großbritannien, Deutschland und Portugal verfasste Dokument hat nach Angaben aus diplomatischen Kreisen die nötige Stimmenzahl, um angenommen zu werden. Unklar ist, ob Russland oder China ein Veto einlegen wollen, um die Resolution damit zu Fall zu bringen.

ulz/Reuters/dpa/dapd



insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
lynx2 11.06.2011
1. Warum greift hier die...
Zitat von sysopSoldaten jagen Oppositionelle mit Kampfhubschraubern, die Armee hinterlässt verbrannte Erde: Tausende Flüchtlinge sind wegen des brutalen Vorgehens des Assad-Regimes bereits in die Türkei geflohen, bis zu 10.000 warten noch an der Grenze. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,768082,00.html
... NATO nicht ein? Ganz einfach: im Gegensatz zu Libyen oder Ägypten hat Syrien eine Schutzmacht und die heißt Iran. Die nächsten NATO-Basen sind in der Türkei. Diesen Konflikt scheut man. Isarael könnte bei einem Angriff auf Syrien hineingezogen werden. Syrien hat außerdem ein von der BRD anerkanntes Folterregime. Steinmeier hat dort schon mutmaßliche gekidnappte Terrorsisten zum Foltern in Folterknasts hingeschickt, genauso wie nach Ägpypten. Wieso greift die NATO nicht in Weißrussland ein, wenn es dort Demos gegen das Regime gibt? Ganz einfach, weil sie dem Konfliktz mit der Schutzmacht Russland scheut.
hupfhupf 11.06.2011
2. Warum?
Zitat von lynx2... NATO nicht ein? Ganz einfach: im Gegensatz zu Libyen oder Ägypten hat Syrien eine Schutzmacht und die heißt Iran. Die nächsten NATO-Basen sind in der Türkei. Diesen Konflikt scheut man. Isarael könnte bei einem Angriff auf Syrien hineingezogen werden. Syrien hat außerdem ein von der BRD anerkanntes Folterregime. Steinmeier hat dort schon mutmaßliche gekidnappte Terrorsisten zum Foltern in Folterknasts hingeschickt, genauso wie nach Ägpypten. Wieso greift die NATO nicht in Weißrussland ein, wenn es dort Demos gegen das Regime gibt? Ganz einfach, weil sie dem Konfliktz mit der Schutzmacht Russland scheut.
Die Amerikaner haben kein Geld und keine Lust mehr, die Europäer keine militärischen Kapazitäten, keine Lust und ebenfalls kein Geld.
havena 11.06.2011
3. Antwort
Das hat nicht unbedingt was mit dem Iran zu tun. Der Iran würde wohl kaum den Kampf mit der Nato für Syrien in Kauf nehmen. Da ist den Machthabern in Teheran ihr eigenes Wohl sicher lieber. Das Problem liegt hier eher in der Tatsache, dass es keine Bitte aus Syrien heraus um Hilfe an die UNO oder eine regionale Organisation (Arabische Liga im Falle von Libyen) und der Sicherheitsrat hier auch keine Resolution erlassen hat. Das wird wohl auch nicht so schnell der Fall sein, da China und Russland sich querstellen werden. Da sind die Akteure des Lybieneinsatzes leider selbst Schuld, dass sie sich in einer so einer Situation befinden. Die Ideallösung wäre, wenn Russland oder die Türkei als Handelspartner von Syrien hier eingreifen würden. Das hätte zweierlei Vorteil: 1. Egal wer von beiden eingreift würde zeigen, dass er seinen beanspruchten Platz in der Weltgemeinschaft auch durch Taten unterstreicht. Besonders die Türkei wäre hier in der Position. 2. Der Kampf gegen die Demonstranten (solange diese noch nicht aktiv den Kampf gegen ihre Regierung aufgenommen haben sind sie keine Rebellen) würde unterbunden werden und das Töten würde vermindert oder unterbunden. Leider sind wohl wie immer nur die westlichen Staaten der Nato bereit sich für so etwas einzusetzen. Natürlich spielen wirtschaftliche Interessen, wie Ressourcen auch immer eine Rolle. Aber auch andere Länder brauchen Öl, Gas etc. Warum z.B. greift dann China nicht ein? Im Endeffekt ist es mir lieber, wenn man aktiv eingreift und dabei noch ein paar unschuldige beschützt anstatt zuzuschauen, um sein Öl zu bekommen. Gruß Havena
cour-age 11.06.2011
4. und
Zitat von hupfhupfDie Amerikaner haben kein Geld und keine Lust mehr, die Europäer keine militärischen Kapazitäten, keine Lust und ebenfalls kein Geld.
die Chinesen und Russland haben ihr VETO eingelegt.
lynx2 12.06.2011
5. Das wäre gut so: keine Lust mehr und..
Zitat von hupfhupfDie Amerikaner haben kein Geld und keine Lust mehr, die Europäer keine militärischen Kapazitäten, keine Lust und ebenfalls kein Geld.
... kein Geld mehr. Die Merkel wurde mit dem Friedenspreis eingeseift, d.h.: Angie, mußt mehr Geld ins Militär investieren. Und das wird sie tun. Die Rüstungslobby wird ihr das schon beibringen. Eine Marionette muß nicht sprechen können, sie muß nur laufen, wenn an den Fäden gezogen wird.
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