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Syrien-Krieg: Eine Million Flüchtlinge brauchen dringend Winterhilfe

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Flüchtlinge: Barfuß in den Winter Fotos
DPA

Kinder laufen barfuß durch Schlamm, ihre Eltern bauen in klirrender Kälte Hütten aus Holzlatten und Plastik: Im Nahen Osten droht ein strenger Winter, doch viele syrische Flüchtlinge sind nicht gewappnet.

Hamburg - Flüchtlingshelfer beschreiben dramatische Umstände, unter denen syrische Vertriebene im Libanon, in Jordanien, der Türkei und im Nordirak leben: Kinder, die barfuß durch knöcheltiefen Schlamm laufen. Familien, die in kargen, kalten Rohbauten leben. Männer und Frauen, die keine Decken, keine wärmende Kleidung besitzen. Auf der Flucht vor Tod und Zerstörung haben viele bereits großes Leid erfahren. Und nun steht das nächste Problem bevor: der Winter.

In den vergangenen Jahren war dieser noch relativ mild, nun erwarten Meteorologen und Flüchtlingshelfer deutlich härtere Witterungen. "Die Temperaturen werden hier bald unter null Grad fallen, dann wird es schneien", sagt Susanne Carl von der Hilfsorganisation Humedica, die im Libanon stationiert ist. Für manche Regionen werden sogar minus 16 Grad erwartet.

Mehr als drei Millionen Menschen sind vor Bürgerkrieg und Terror des "Islamischen Staats" in die Nachbarstaaten Syriens geflohen. Und das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen UNHCR geht laut einem kürzlich veröffentlichten Bericht davon aus, dass etwa eine Million von ihnen nicht für den anstehenden Winter gerüstet sind.

"Es mangelt an allem, es fehlt schon an grundlegenden Dingen wie Essen und Hygiene", sagt René Schulthoff, der für das Deutsche Rote Kreuz im Libanon aktiv ist, aber auch andere Gegenden bereist. Und Susanne Carl von Humedica ergänzt: "Öl, Gas, Decken und Winterkleidung, Schuhe - es fehlt an allen Ecken und Enden. Die Lage ist katastrophal."

Vor allem fehlt Geld: Das Flüchtlingswerk schätzt, dass es eine Finanzierungslücke von 58 Millionen US-Dollar gibt - trotz bereits investierter 154 Millionen US-Dollar. Vor dem Winter müsse man deshalb abwägen, wo man hilft, schreibt die UNHCR. Die Organisation sagt ganz klar: "Für diejenigen, die UNHCR nicht priorisieren kann, könnten die Bedingungen hart werden."

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Karte: In welchen Nachbarstaaten die syrischen Flüchtlinge leben

Privatpersonen und Regierungen zieren sich, für Flüchtlinge in Syrien und den angrenzenden Ländern große Spenden zu leisten. Unicef-Chef Anthony Lake monierte jüngst, dass eine angemessene Versorgung der Menschen in Syrien und den Nachbarländern nicht gewährleistet sei. Die Menschenrechtler von Amnesty International warfen der Europäischen Union kürzlich gar Versagen vor.

Sechs Thermodecken, eine Plastikplane

Flüchtlingshelfer sehen vor allem die Dauer des Konflikts als Spendenhemmnis: "Der Syrien-Konflikt zieht sich schon so lange hin, da fragen sich die Leute: Was bringt es denn? Da wird ohnehin nur weiter Krieg geführt", sagt DRK-Mann Schulthoff: "Aber es ist wichtig, dass die Menschen sehen, dass es auch den Flüchtlingen, die nicht direkt in Konfliktgebieten leben, extrem schlecht geht und auch diesen geholfen werden muss."

Viele Organisationen haben Winterprogramme aufgelegt. Das Deutsche Rote Kreuz etwa unterstützt im Libanon 500 Flüchtlingsfamilien mit Isoliermaterial, im Nordirak werden 3000 Familien, 15.000 Menschen insgesamt, mit Winter-Kits ausgerüstet. Darin enthalten: Dämmmaterialien, Öfen, Gutscheine für Kerosin.

Die UNHCR unterstützt allein im Irak 150.000 Menschen mit Isoliermaterial für Zelte. Laut "Winterization Plan" bekommt jede Familie: sechs Thermodecken, einen Wasserkanister, einen Kerosinkanister (zusätzlich noch 200 Liter Kerosin), einen Heizofen und eine Plastikplane.

"Die Zeit wird knapp"

Schulthoff vom Deutschen Roten Kreuz beschreibt den Mangel der Flüchtlinge anhand eines Beispiels aus dem Libanon sehr eindrücklich: "Die Flüchtlinge haben auf irgendwelchen Äckern Holzlatten zusammengezimmert und mit Plastik bezogen. Es gibt kein Abwassersystem. Wenn es dort regnet und schneit, dann fließt alles in die Plastikbehausungen rein. Die Leute versuchen, ihre Unterkünfte winterfest zu machen, dafür brauchen sie Material. Es gibt zwar teilweise Gasöfen zum Kochen, aber damit können sie nicht heizen."

Die Hilfe für die Flüchtlinge muss schnell erfolgen, sonst könnte es womöglich zu der von Entwicklungsminister Gerd Müller auf der Flüchtlingskonferenz in Berlin Ende Oktober prophezeiten "Jahrhundertkatastrophe" kommen. Auch UNHCR-Regionaldirektor Amin Awad drängt: "Die Zeit wird knapp."

In der vergangenen Woche gab es folgende Meldung aus dem Libanon: In der Grenzstadt Arsal, in der Tausende vertriebene Syrer in unbeheizten Zelten leben, starben zwei Kinder an Lungenentzündungen, die sie sich aufgrund der Kälte zugezogen hatten. Sie waren zwei und drei Tage alt.

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1. Deutschland
gallihalli 01.12.2014
versorgt ca. 150.000 Asylanten aus den Vorjahren, die zwar abgelehnt wurden, aber wegen "schlechter Presse" nicht in ihre Herkunftsländer zurück geführt werden. Es dürfte sich hierbei ausnahmslos um Wirtschaftsflüchtlinge handeln. Kostet uns jährlich Milliarden. Warum werden diese nicht endlich heimgeschickt, damit man die wirklichen Opfer, vor allem Kinder mit ihren Müttern ins Land holt und den wirkich hilfsbedürftigen Asyl gewährt? Mit den Kosten für die Wirtschaftsflüchtlinge, die in diesem Jahr hinzukommen und die man wegen der polical correctness sich ebenfalls nicht heimzuschicken getraut, könnte man wohl einige Hundertausend wirklich betroffene versorgen.
2. wie
holzpferd 01.12.2014
engagieren sich wirklich reiche Staaten wie die vereinigten arabischen Emirate oder Saudi-Arabien?
3. Was mach eigentlich die USA ?
Dodelik 01.12.2014
Haben die jetzt mehr Flüchtlinge aufgenommen ? Im letzten Jahr haben die säge und schreibe 38 Syrische Flüchtlinge Aufgenommen ! Das ist doch ein schlechter Witz. Und dann regt sich die UNO über Europa auf das wir zu wenig machen. Unfassbar.
4. Riesige Zeltlager
alarik 01.12.2014
sollen im Hedjaz ( nahe Makkah und Medina ) stehen, Spitzenklasse, aber nur für muslemische Pilger. Und die bringen Geld, islamitische Flüchtlinge dagegen kosten nur.. Und das soll die EU und UNO gefälligst übernehmen.. Man kann auch nirgendwo in den Medien, auch in Holland nicht, den Grund erfahren weshalb die reichsten Staaten aus der Dar al Arab, nicht angemessen helfen.. Woher kommt das wohl , fragen sich viele Leute.. Ja Herr / Frau Holzpferd, da stellen Sie genau die richtige Frage, nur wer von den Mächtigen gibt wo Antwort ?
5. Probleme müssen vor Ort gelöst werden!
ghfgfh 01.12.2014
Genau das ist die richtige Frage. Warum engagieren sich nicht Länder wie Saudi-Arabien etc. im großen Maßstab. Dies sind sehr reiche Länder, die teils auch noch sehr riesig und dünn besiedelt sind. Kommen die Flüchtlinge nach Europa werden sie kulturell vollkommen entwurzelt und in einer Umwelt untergebracht die ihnen vollkommen fremd ist. Wir sind nicht alle gleich, die kulturellen Unterschiede sind viel größer als viele immer denken und eine Neuorientierung fällt vielen sehr schwer. In Saudi-Arabien beispielsweise ist sehr viel Raum und Kapital vorhanden um die Flüchtlingsströme aufzufangen. Sprache, Kultur, Religion, alles weitestgehend identisch. Damit wäre den Flüchtlingen mehr geholfen, als sie nach Europa zu holen. Aber mal realistisch und sachlich zu denken ist leider nicht en vogue. Und nicht zuletzt müssen die Ursachen bekämpft werden. Die Flüchtlinge immer aufzunehmen ist nur eine kurzfristige Antwort, langfristig muss dort endlich Frieden und Wohlstand einkehren.
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