Bürgerkrieg in Syrien: Rima Dalis Kampf gegen das Schweigen

Von , Beirut

Sie ist eine Gegnerin Assads und sie steht zu ihren Überzeugungen. Die 33-jährige Syrerin Rima Dali will nicht namenlos und anonym gegen den Diktator kämpfen, sondern in aller Offenheit und ohne Gewalt. So bringt sie allerdings auch die Rebellen gegen sich auf.

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Aktivistin Dali: "Wir haben viel an Unterstützung verloren"

Wenn Rima Dali Bilanz ziehen soll, wie sich Syrien in den vergangenen sechs Monaten verändert hat, sagt sie: "Jetzt werden noch mehr Leute umgebracht." Vor knapp einem halben Jahr, am 8. April 2012, stellte sich die 33-jährige Syrerin mit einem roten Plakat auf die Straße vor dem Parlamentsgebäude in Damaskus. Darauf stand in weißer Schrift: "Stoppt das Töten! Wir wollen ein Syrien für alle Syrer!" Nach zehn Minuten wurde sie von der Polizei festgenommen und für vier Tage eingesperrt.

Ihr mutiger Protest vor dem Parlament wurde über YouTube eine landesweite Kampagne, mit der sich viele Syrer identifizieren konnten. "Jeder hat die Gewalt und das Blutvergießen satt, Assad-Gegner wie Assad-Unterstützer", sagt Dali.

Doch Stimmen von Aktivisten wie Rima Dali, die 2011 an den ersten friedlichen Protesten teilnahmen, werden inzwischen kaum noch gehört. Sie gehen in der Gewalt unter. Die nächtlichen Demonstrationen, die nach wie vor nahezu täglich in Syrien stattfinden, werden nicht mehr wahrgenommen. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, die nicht mit Waffen in der Hand durch die Straßen zieht, hat sich zu Hause verbarrikadiert und hofft, dass der Krieg aufhört. Diese Menschen bleiben unsichtbar.

Veränderungen lassen sich nicht mit Gewalt erzwingen

"Ich glaube fest daran, dass unsere Revolution im Licht der Öffentlichkeit stattfinden muss", sagt Rima Dali. "Aber wir können den Leuten jetzt nicht sagen, geht auf die Straße. Dann werden sie umgebracht."

Dali glaubt dennoch, dass nur gewaltfreie Mittel Veränderungen in Syrien bewirken können. "Die Rebellen haben uns viel internationale Sympathie gekostet. Wir haben viel an Unterstützung verloren." In ihren Worten klingt Enttäuschung mit. "Wir hatten gedacht, das Regime sei dumm. Wenn es Leute umbringt, gräbt es sein eigenes Grab." Aber längst sei klar, dass die Welt nicht einschreite und damit die Gewalt in dem Land billige.

Die Frage nach der Bewaffnung der Proteste hatte die Bewegung der Aufständischen im vergangenen Jahr gespalten. Ein Teil, vor allem die jungen Aktivisten aus den Städten, setzte weiterhin auf gewaltfreien Widerstand. Ein anderer Teil schloss sich der Freien Syrischen Armee an, wie sich der Dachverband der Rebellen nennt. Sie wollten sich zur Wehr setzen gegen die brutale Repression des Regimes. Viele der Kämpfer stammten aus den ärmlichen Landregionen und Vororten. Sie fühlten, dass sie nicht viel zu verlieren hatten.

Je länger der Krieg dauert, desto brutaler und unbeliebter werden die Rebellen. "Wir wissen nicht mehr, wer die Freie Syrische Armee ist. Es gibt jetzt viele bewaffnete Gruppen in Syrien", sagt Dali. "Wenn jetzt jemand verhaftet wird und verschwindet, wissen wir nicht, ob es das Regime war, die Freie Syrische Armee oder Kriminelle. Die syrische Gesellschaft steht in der Mitte, zwischen dem Regime und den Rebellen."

Die Mehrheit verbarrikadiert sich zu Hause

Sie selbst sieht sich ebenfalls zwischen den Fronten. "Man zieht von beiden Seiten an mir. Die Leute fragen: 'Bist Du für das Regime oder gegen das Regime? Was ist deine Religion?'" Solche Frage nerven sie. "Ich habe mir meine Religion nicht ausgesucht. Ich bin Syrerin, reicht das nicht?" Rima Dalis Familie ist alawitisch wie die Assads und wie ein Großteil der Elite-Einheit der Assad-Armee. "Syrer bringen Syrer um. Das ist es, was für mich im Vordergrund steht", sagt Dali.

2008, als Damaskus voll war von Flüchtlingen des irakischen Bürgerkriegs, arbeitete Rima Dali dort für das Uno-Flüchtlingswerk UNHCR. "Ich habe gelernt, was Bürgerkrieg bedeutet. Ich weiß, was morgen passiert und übermorgen. Noch sind wir in Syrien nicht so weit. Die Leute haben zwar Angst voreinander, aber sie handeln nicht danach. Die Mehrheit verbarrikadiert sich zu Hause."

Rima Dali konzentriert sich inzwischen auf die Zeit nach Assad. "Wir überlegen, wie wir das neue Syrien aufbauen für alle Syrer." Sie nimmt an international finanzierten Workshops im Ausland teil, in denen es um Themen wie Übergangsjustiz und die Prävention konfessioneller Gewalt geht. Dies bringt ihr einige Kritik von Aktivisten in Syrien ein. Sie werfen Dali vor, sie sei dabei zum "Donor Darling" zu werden, zum Liebling der internationalen Gemeinschaft, anstatt sich um die Flüchtlinge in Syrien zu kümmern. "

Sie will, dass ihr echter Name verwendet wird. Sie will den unzähligen anonymen syrischen Aktivisten ein Gesicht geben und ist einverstanden, ein Foto von sich zu veröffentlichen - auch zu ihrem eigenen Schutz, wie sie sagt: "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Leute, die festgenommen werden, besser behandelt werden, wenn sie bekannt sind." Angst hat sie trotzdem. Jedes Mal am Grenzübergang fürchtet sie, festgehalten zu werden. "Ich warte jedes Mal auf das Geräusch des Stempels."

Die 33-Jährige schlägt mit ihrer Faust auf den Tisch, als würde sie einen Pass abstempeln. "Zack - erst dann bin ich erleichtert."

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insgesamt 21 Beiträge
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1. Ein Ende der Unterstützung für Hardliner
seine-et-marnais 01.10.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINESie ist eine Gegnerin Assads und sie steht zu ihren Überzeugungen. Die 33-jährige Syrerin Rima Dali will nicht namenlos und anonym gegen den Diktator kämpfen, sondern in aller Offenheit und ohne Gewalt. So bringt sie allerdings auch die Rebellen gegen sich auf. http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-friedliche-protestbewegung-sieht-sich-zwischen-den-fronten-a-858272.html
Ich denke nur so ist langfristig eine Lösung für Syrien möglich. Die Hardliner dürfen nicht mehr unterstützt werden. Offensichtlich kann man doch seine Opposition ausdrücken ohne sofort vom Regime beseitigt zu werden. Inwieweit ist das möglich ohne von den Rebellen beseitigt zu werden? Der Ansatz Brahimis ist gut und sollte von allen Staaten unterstützt werden. Denn zusätzlich zu allen Problemen vorher kommt jetzt noch dazu dass die verfeindeten Gruppen wieder zusammenleben müssen, trotz Zehntausender von Toten, Millionen von Flüchtlingen in Syrien selbst und in den Nachbarländern und einer zerstörten Infrastruktur und Wirtschaft.
2. Keine Skrupel?
Stauss 01.10.2012
"Sie nimmt an international finanzierten Workshops im Ausland teil," Wo sie doch wissen muss, dass die Rebellen gegen die syrische Regierung vom Ausland finanziert werden. Solange geostrategische Interessen anderer Länder dem im Wege stehen, wird es nie Frieden in Syrien geben.
3.
lifeguard 01.10.2012
Zitat von seine-et-marnaisIch denke nur so ist langfristig eine Lösung für Syrien möglich. Die Hardliner dürfen nicht mehr unterstützt werden. Offensichtlich kann man doch seine Opposition ausdrücken ohne sofort vom Regime beseitigt zu werden. Inwieweit ist das möglich ohne von den Rebellen beseitigt zu werden? Der Ansatz Brahimis ist gut und sollte von allen Staaten unterstützt werden. Denn zusätzlich zu allen Problemen vorher kommt jetzt noch dazu dass die verfeindeten Gruppen wieder zusammenleben müssen, trotz Zehntausender von Toten, Millionen von Flüchtlingen in Syrien selbst und in den Nachbarländern und einer zerstörten Infrastruktur und Wirtschaft.
selbst wenn das gelingen sollte, die hardliner auf beiden seiten zur vernunft zu bringen ( was ich nicht glaube, jede seite sieht sich im besitz der wahrheit), wie sollen verfeindete gruppen wieder zueinanderfinden? das ist das tragische an bruderkriegen, das die einstigen gegner wieder unter dem dach der gemeinsamen nation leben müssen ,egal wie es ausgegangen ist. und die feindschaft hören ja nicht auf, nur weil dann irgendwann mal die waffen schweigen.
4. ...
ein anderer 01.10.2012
""Wir hatten gedacht, das Regime sei dumm. Wenn es Leute umbringt, gräbt es sein eigenes Grab." Aber längst sei klar, dass die Welt nicht einschreite und damit die Gewalt in dem Land billige." Diese Erwartungshaltung, wenn das Regime zu viele tötet kommt der Westen zu Hilfe, war anscheinend weit verbreitet. Sogar ein saudischer Gesandter verliess die erste Konferenz der "Freunde Syriens" apprupt als der Westen ein direktes Eingreifen ausschloss. Mein erster Gedanke, als ich diese Meldung las war, dass der Westen die Saudis anfänglich im Glauben liess er würde schon eingreifen. Man muss sich auch die Frage stellen ob die Bildung der FSA und damit der bewaffnete Aufstand eigentlich nur das Ziel hatte den Westen zum Eingreifen zu bringen. Es war doch jedem klar, dass die anfänglich wenigen FSA-Kämpfer die sich in Homs verschanzt hatten nicht die Zivilisten beschützen konnten sondern diese erst zur Zielscheibe machten.
5. Unparteilich...
stallino 01.10.2012
zu bleiben dürfte schwierig sein. Die 33-Jährige sollte lieber am inner-syrischen Versöhnungsdialog teilnehmen. Die syrische Regierung hat mehrfach signalisiert, dass sie zu großen Zugeständissen in Richtung auf mehr Freiheit und Demokratie bereit ist, und mit allen Oppositionellen zusammenarbeiten will. Der Annan-Plan ist wohl der einzige Auswege aus der jetzigen Krise, denn er sieht vor, dass als allererster Schritt die Waffen schweigen müssen. Dannach kann über alles gesprochen werden. Wenn der Westen seine Blockadehaltung zu Gesprächen nicht bald aufgibt und die Dinge einfach so weiter laufen läßt, wird sich die Kampfkraft und Effektivität der syrische Armee weiterentwickeln.
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