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Deutscher Salafist in Syrien: Vom Niederrhein in den Heiligen Krieg

Von und , Dinslaken

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Mustafa K. im syrischen Azaz: In einer anderen Welt

Ein Deutscher posiert in Syrien mit abgeschlagenen Köpfen und lässt das grausame Bild ins Internet stellen. Wie wird ein Paketzusteller und Familienvater aus Dinslaken zum fanatischen Gotteskrieger? Eine Spurensuche.

"Hauen Sie ab", schreit der junge Mann in Pluderhosen, "alle Journalisten sind Lügner und Hetzer!" "Meine Schwester darf nicht mit Männern sprechen", sagt die junge Frau, "das ist in unserer Religion so."

Wer in Dinslaken wissen will, wie ein Paketzusteller vom Niederrhein zum fanatischen Gotteskrieger werden konnte, hat mitunter den Eindruck, er taucht in eine andere Welt ein. Eine Welt, in der archaische Regeln gelten und Hass herrscht.

Dabei stammt Mustafa K., 24, doch aus einer gewöhnlich-grauen Arbeitersiedlung, gegenüber die Zeche, nebenan ein Café. K. aber scheint sich davon nicht nur räumlich weit entfernt zu haben. Der Salafist reiste wohl im vergangenen Frühsommer nach Syrien und schloss sich dort der als besonders brutal geltenden Gruppierung "Islamischer Staat im Irak und Syrien" an. Vor knapp zwei Wochen tauchte dann im Netz ein Foto auf, das Mustafa K. zeigt, wie er den Kopf eines Enthaupteten in der Hand hält und dazu in die Kamera lächelt. Zu seinen Füßen liegt ein weiterer Kopf, links davon ist ein menschlicher Torso zu sehen.

Radikalisierung in rasanter Geschwindigkeit

In Sicherheitskreisen gilt die grausame Aufnahme, über die bereits der WDR und die "Bild"-Zeitung berichteten, als authentisch. Man habe keine Hinweise darauf, dass dieses offenbar in der Stadt Azaz aufgenommene Bild manipuliert wurde, heißt es. Demnach könnte es sich bei den Toten um Rebellen der Freien Syrischen Armee oder um kurdische Kämpfer handeln. Das Foto, das eine neue Dimension der Brutalität deutscher Dschihadisten markiert, hatte der ehemalige Pizzabote Philip B., 26, auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht. Auch er stammt wie Mustafa K. aus der Dinslakener Salafisten-Zelle.

Nach Erkenntnissen der Behörden halten sich derzeit neben B. und K. bis zu sechs weitere Kader aus der niederrheinischen Stadt in Syrien auf. Diese sogenannte Lohberger Gruppe, benannt nach einem Stadtteil Dinslakens, soll sich um den selbsternannten Prediger Mustafa T. gruppiert haben. Einer von ihnen, David G. alias Abdullah Dawud, starb vor einigen Wochen in dem Bürgerkrieg, seine Glaubensbrüder verkündeten den vermeintlichen Märtyrertod.

"Für mich ist das ein Haufen von Psychopathen", empört sich eine Angehörige von Mustafa K., auch sie strenggläubige Muslima. "Für das, was Mustafa und die anderen in Syrien machen, werden sie in der Hölle schmoren." Ihrer Darstellung zufolge radikalisierte sich ihr Verwandter in den vergangenen zwei Jahren mit rasanter Geschwindigkeit. "Das ist einfach eskaliert." Sie hätten nichts dagegen tun können.

Auch andere Weggefährten erinnern sich an einen jungen Mann, der irgendwann Jeans und Sweatshirt gegen Pluderhose und Parka tauschte. Der in Gesprächen immer provozierender auftrat und unumstößlich davon überzeugt war, die einzig wahre Wahrheit erkannt zu haben. Einer, der handeln wollte, nicht nur reden. In einem Dinslakener Jugendheim empörte er sich lautstark über liederlichen Rap, wenige Stunden später brachen Unbekannte dort ein und verwüsteten die Musikanlage. Das war im Dezember 2012.

Unheilvolle Wechselwirkung

Vielleicht war diese Zeit, in der ihm andere die Welt in Schwarz und Weiß sortierten, das erste Mal in seinem Leben, dass Mustafa K. das Gefühl von Halt hatte. Die Hauptschule in Dinslaken hatte er ohne Abschluss verlassen, einen Ausbildungsplatz nie gefunden. Eine Zeitlang schlug er sich als Paketzusteller und bei einer Industriereinigungsfirma durch, doch eine Perspektive eröffnete sich ihm nicht.

Auch seine Frau, eine konvertierte Deutsche, und seine Tochter schienen ihm kein Anker sein zu können, dafür der Islam, in einer ebenso radikalen wie verzerrend-einfachen Auslegung. Er war jetzt Teil von etwas Größerem und nicht mehr allein.

Die Behörden beobachten schon seit geraumer Zeit eine unheilvolle Wechselwirkung zwischen der deutschen Islamisten-Szene und dem Konflikt in Syrien. Sie wissen von rund 300 zu allem Entschlossenen, die in das Kriegsgebiet gereist sind, Tendenz steigend. "Damit wächst die Gefahr terroristischer Handlungen auch in Deutschland", warnt der Präsident des Verfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen. Besonders beunruhige ihn ein Dutzend Dschihadisten, die mittlerweile "radikalisiert und kampferprobt" nach Deutschland zurückgekehrt seien.

Mustafa K. allerdings wird wohl nicht zu ihnen gehören. In Sicherheitskreisen ist zu hören, er habe "keine Rückkehrabsicht". Das grausame Bild sei eine Schlussbotschaft gewesen. Und auch seine Frau stellt sich allem Anschein nach auf ein Leben ohne ihren Mann ein. "Sie muss jetzt wieder verheiratet werden", sagt ihre Angehörige. Dann schließt sie die Tür.

Mitarbeit: Roman Lehberger, Jörg Schindler

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Fotostrecke
Bürgerkrieg: Europäische Dschihadisten in Syrien

Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki; Imad Khamis (designiert)

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