Damaskus/Istanbul - Schwere Artillerie, Kampfhubschrauber und nun auch Kampfflugzeuge: Der Krieg in Syrien wird mit immer rigoroseren Mitteln geführt. In den Metropolen Aleppo und Damaskus zwingen laut Augenzeugenberichten Regierungstruppen die Rebellen zum Rückzug. Diese wiederum sollen demnach selbst hart gegen mutmaßliche Unterstützer des Assad-Regimes vorgehen. Diese Angaben lassen sich derzeit nicht unabhängig überprüfen.
Als Folge befinden sich inzwischen Hunderttausende Syrer auf der Flucht, dem Land droht eine humanitäre Katastrophe. Das Nachbarland Jordanien hat sich nun entschlossen, in der Nähe der Grenzstadt Mafrak ein Zeltlager für 130.000 Flüchtlinge zu errichten. Am kommenden Montag sollen die ersten zehntausend Unterkünfte zur Verfügung stehen. Derzeit bringen sich täglich etwa tausend Syrer in dem Königreich in Sicherheit. Dort gibt es bislang nur ein kleineres Auffanglager, in dem es kürzlich wegen der beengten Verhältnisse zu einem Aufruhr kam.
Laut Angaben des Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR steigt die Zahl syrischer Flüchtlinge in den Nachbarländern dramatisch. Mehr als 120.000 seien in Jordanien, im Libanon, in der Türkei und im Irak registriert. Zusätzlich gebe es eine große Dunkelziffer von nicht registrierten Flüchtlingen. Viele seien auf humanitäre Hilfe und auf Spenden angewiesen, drei Viertel von ihnen seien Frauen und Kinder. Die Bundesregierung stellt Millionen bereit, auch Schiffe der Bundeswehr könnten zum Einsatz kommen.
Regierungstruppen erlangen Oberhand in Metropolen
In den größten Städten des Landes, Aleppo und Damaskus, scheinen die Regierungstruppen die Oberhand zu gewinnen. Mit massiven Truppenverstärkungen und dem Einsatz von Kampfhelikoptern, Artilleriegeschützen und Panzern gingen sie am Mittwoch in den beiden Städten gegen die Aufständischen der Freien Syrischen Armee (FSA) vor.
"Wir halten uns noch in sechs Bezirken am Rand von Aleppo, und wir haben Verluste", sagte Abu Omar al-Halebi, ein Kommandeur der FSA, der Nachrichtenagentur dpa am Telefon. Laut Angaben der Rebellen wurden mindestens 2000 syrische Soldaten nach Aleppo in Marsch gesetzt. Das Regime soll die Wirtschaftsmetropole mit Kampfflugzeugen bombardieren lassen, wie die britische BBC berichtet.
In Damaskus hielten die Rebellen am Mittwoch noch das südliche Viertel al-Hadschar al-Aswad, das ihnen zufolge von Regierungstruppen mit Kampfhubschraubern beschossen wurde. Das Gebiet ist eine der letzten Hochburgen der Rebellen in der Hauptstadt, nachdem sie in den vergangenen Tagen von den Regimetruppen aus etlichen anderen Stadtvierteln verdrängt worden waren.
Russland hat das verbündete Assad-Regime ungewöhnlich nachdrücklich vor dem Einsatz von Chemiewaffen gewarnt. Das Regime in Damaskus müsse sich strikt an das Genfer Protokoll halten, das den Einsatz von Giftgas und ähnlichen Kampfstoffen verbietet, forderte Vizeaußenminister Michail Bogdanow am Mittwoch bei einem Treffen mit dem syrischen Botschafter in Moskau.
Zwei Diplomaten kehren Assad den Rücken
Aus Protest gegen die Gewalt des Regimes sollen zwei weitere syrische Diplomaten Assad den Rücken gekehrt haben. Die Botschafterin in Zypern, Lamia al-Hariri, habe sich von Damaskus losgesagt und sei in Katar gelandet, teilte ein Sprecher des oppositionellen Syrischen Nationalrats (SNC) am Mittwoch mit. Auch ihr Mann Abd al-Latif Dabbagh, der bis zuletzt Botschafter in den Vereinigten Arabischen Emiraten gewesen sei, hat sich laut Angaben des SNC abgesetzt. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Angaben bislang nicht.
Die Türkei hat wegen der eskalierenden Gewalt ihre Grenze zu Syrien für den Personen- und Güterverkehr weitgehend geschlossen - für Flüchtlinge bleibt sie laut dem Zoll- und Handelsminister Hayati Yazici jedoch nach wie vor offen. Zuletzt hatten Rebellen mindestens zwei Grenzübergänge zur Türkei unter ihre Kontrolle gebracht. An dem Grenzposten Bab al-Hawa wurden Dutzende türkische Lastwagen von Bewaffneten geplündert.
Zudem glauben offenbar einige prominente Mitglieder der Assad-Familie nicht mehr an ein Überleben des Regimes. Wie die Nachrichtenagentur dpa in Istanbul aus gut unterrichteten Kreisen erfuhr, sollen Assads Onkel Mohammed Machluf und dessen Söhne versucht haben, Kontakte im Ausland zu knüpfen. Sie suchten Schutz, falls Assad untergehen sollte.
fdi/Reuters/AFP/dpa/AP
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