Humanitäre Not im Süden Syriens Zum Warten verdammt

Hunderttausende sind vor der Offensive der syrischen Regierungstruppen geflohen, ihnen fehlt das Nötigste zum Überleben. Doch die Helfer kommen nicht durch, warnt Corinne Fleischer vom Welternährungsprogramm.

Syrische Flüchtlinge in der Provinz Quneitra
AFP

Syrische Flüchtlinge in der Provinz Quneitra

Ein Interview von


Sie fliehen vor Bombardements und schweren Gefechten: Nach Uno-Angaben suchen etwa 320.000 Menschen Schutz in den Grenzregionen der syrischen Provinzen Daraa und Quneitra, so viele wie noch nie.

Die Versorgung mit Nahrungsmitteln, Kraftstoff und anderen Waren ist durch die Offensive der Regierungstruppen und Russlands vielerorts unterbrochen, die Zerstörungen sind groß.

Doch humanitäre Hilfe erreicht die Geflüchteten nur in manchen Regionen. Besonders dramatisch ist die Lage im Südwesten.

Zur Person
  • World Food Programme
    Corinne Fleischer ist Landesdirektorin des Uno-Welternährungsprogramms (WFP) in Syrien. Zuvor verantwortete sie von Rom aus die Versorgungsketten für Hilfsgüter in aller Welt. Wegen der Eskalation in Südsyrien ist sie nach Jordanien gereist, um von dort Nahrungsmittellieferungen zu organisieren.

SPIEGEL ONLINE: Frau Fleischer, Sie kommen gerade von der jordanischen Grenze zu Syrien. Wie geht es den Menschen vor Ort?

Fleischer: Viele der Geflüchteten müssen auf der syrischen Seite unter freiem Himmel ausharren. Manche sind in Moscheen oder Schulen untergekommen, andere teilen sich Zelte mit mehreren Familien. Doch es ist sehr heiß und trocken, die Menschen laufen Gefahr, zu dehydrieren. Zudem stehen viele der Vertriebenen unter Schock, sind traumatisiert oder orientierungslos. Ein Mann erzählte uns, er und die anderen seien unter Beschuss weggelaufen.

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Syrisch-jordanische Grenze: Humanitärer Einsatz des Welternährungsprogramms

SPIEGEL ONLINE: Wie können Sie den Geflüchteten helfen?

Fleischer: Wir versorgen sie mit Nahrungsmitteln und anderen Hilfsgütern. Vor der Eskalation der Gefechte haben wir Ressourcen für rund 250.000 Menschen in die Region gebracht, dadurch konnten wir zum Beispiel schon 35.000 Geflüchteten am Nassib-Grenzübergang helfen. Sie bekommen von uns Nahrung in Dosen, die sofort verzehrt werden kann, etwa Hühnerfleisch, Bohnen oder Hummus. Einige Menschen haben auch bei Bekannten Schutz gesucht, denen können wir Nahrungsmittel zum Kochen liefern. Das gilt aber nur für die Grenze zu Jordanien.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es in den anderen Teilen Südsyriens aus?

Fleischer: Wir sind sehr besorgt über die Situation in der Provinz Quneitra nahe der Golanhöhen. Dort befinden sich etwa 170.000 Geflüchtete, die dringend humanitäre Hilfe brauchen. Wir haben aber keinen Zugang.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Fleischer: Es ist zu gefährlich. Aufgrund der heftigen Gefechte in unmittelbarer Nähe kann die Sicherheit unserer Konvois nicht garantiert werden. Der vom Uno-Sicherheitsrat bestimmte Grenzübergang - der wichtigste Überlebenskorridor - ist zu.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das für die Hilfslieferungen?

Fleischer: Wir haben zwar alle nötigen Ressourcen mobilisiert, also Medizin, Wasser, Nahrung und Behelfsunterkünfte, sind aber zum Warten gezwungen. Auch die Nichtregierungsorganisationen, mit denen wir in Syrien zusammenarbeiten, sind zum Teil vertrieben worden. Daher appellieren wir an alle Konfliktparteien, uns einen sicheren und sofortigen Zugang nach Quneitra zu garantieren. Die Menschen dort brauchen jetzt Hilfe.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass sich die Lage bald beruhigt?

Fleischer: Das ist schwer zu sagen. Klar ist, dass es nicht reicht, wenn nur das WFP vor Ort ist. Die internationale Gemeinschaft muss sich bewegen und auch mehr finanzielle Mittel bereitstellen. Letztes Jahr mussten wir unser Programm so stark zurückstufen, dass wir statt vier nur noch drei Millionen Menschen helfen konnten.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es in anderen Teilen Syriens aus, wo die Regierung wieder die Kontrolle erlangt hat?

Fleischer: Dort ist die Situation stabiler geworden. Wir wollen jetzt die Logistik und den Handel wieder ankurbeln, damit die Menschen nicht mehr von monatlichen Nahrungsmittelpaketen abhängig sind. Man kann ihnen zum Beispiel Gutscheine für lokale Geschäfte geben und die Landwirtschaft wieder aufbauen, damit die Menschen ihren Bedarf selbst decken können.

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