Aus Antakya berichtet Raniah Salloum
Im öffentlichen Krankenhaus der Großstadt Antakya kennen sich die syrischen Rebellen schon besser aus als das Personal. Die türkischen Krankenschwestern, Ärzte und Abteilungsleiter wissen nicht, wie viele Syrer derzeit in dem Hospital sind. Dafür weiß Jasser: "Wir haben hier derzeit rund 50 Kämpfer der Freien Syrien Armee in Behandlung. Drei davon sind gerade in der Orthopädie, bitte folgen Sie mir". Dann humpelt er voraus durch die überfüllten Gänge der Notaufnahme.
Lediglich der dicke Verband am linken Fuß lässt erahnen, dass Jasser ein Rebellenkämpfer ist. Der fröhliche 30-Jährige erinnert mit seinem weißen Adidas-Hemd, der Baseballkappe und den Sandalen eher an einen Urlauber. Dazu ist er so schmächtig, dass man ihm kaum zutraut, eine Kalaschnikow zu halten. Doch genau damit hat er vor zwei Monaten zum ersten Mal auf die Soldaten von Baschar al-Assad geschossen.
"Meine Heimat war bedroht. Da habe ich zur Waffe gegriffen. Ich muss doch meine Familie schützen", sagt Jasser. Er stammt aus Haffa, einer Kleinstadt im bergigen Hinterland der Küste. Sie geriet im Juni in die internationalen Schlagzeilen: Die syrische Armee hatte Anfang des Monats eine Offensive auf Haffa eröffnet, mit Artillerie und Kampfhubschraubern. Uno-Beobachter wurden von der Armee erst Mitte Juni in die Stadt gelassen. Da war Haffa menschenleer.
Verletzten in Syrien droht Haft oder Tod
Jassers Frau flüchtete mit der zweijährigen Tochter ein paar Dutzend Kilometer nach Norden in die Region Dschabal Akrad, wo sie mit anderen Flüchtlingen noch immer ausharrt. Jasser versteckte sich mit einer Gruppe von 35 Kämpfern in der Nähe der Stadt. Immer wieder lieferten sie sich Gefechte mit den syrischen Soldaten und mit regimetreuen Milizen - bis zum 9. Juli. Da hatte Jasser schon morgens ein ungutes Gefühl. "Ich wusste, dass an diesem Montag irgendetwas schiefgehen würde." Mittags trafen ihn zwei Kugeln in den linken Fuß und zertrümmerten zwei Mittelfußknochen. Abends mussten sich die Rebellen zurückziehen.
Was folgte, war eine gefährliche Reise. Verletzte können sich in den Krankenhäusern Syriens nicht behandeln lassen - ihre Wunden weisen sie als Regimegegner aus. Ihnen droht Verhaftung oder Tod. Aktivisten unterhalten daher ein Netz aus Behelfskliniken im Untergrund, doch sicher sind die Verletzten auch dort nicht. Sobald bekannt wird, wo eine medizinische Einrichtung ist, gerät sie ins Visier der Regierungstruppen.
Der angeschossene Jasser wurde von den Rebellen ins Auto geladen. Sie fuhren ihn in die Nähe der türkischen Grenze. Die letzten Kilometer trugen sie ihn, damit die syrischen Wachposten sie nicht entdecken würden. An der Grenze legten sie ihn ab und riefen im öffentlichen Hospital von Antakya an. Ein Krankenwagen holte ihn ab.
"So schnell wie möglich zurück"
"In Antakya bin ich sicher", sagt Jasser, "hier kann ich den Bruch auskurieren". Ihm wurden zwei Metallstäbe in den Fuß eingesetzt, um die Knochensplitter zusammenzufügen. Jede Nacht fahren von Antakya aus Krankenwagen an die türkisch-syrische Grenze, um Verwundete einzuladen. In drei Kliniken der 200.000-Einwohner-Stadt werden Syrer umsonst behandelt. Untergebracht sind sie in nahegelegenen Flüchtlingslagern, von wo aus täglich Shuttles zu den Hospitälern fahren. "Was die türkische Regierung für uns tut, ist gut", sagt Jasser. Er will seine Familie in die Türkei holen. "Es ist zwar kein gutes Leben im Lager - man kann nichts tun. Aber es ist ein sicheres."
Fast alle Syrer, die im Krankenhaus von Antakya auf eine Behandlung warten, stammen aus der nördlichen Küstenregion Syriens, wo Sunniten auf Alawiten prallen. Mehrere Flüchtlinge werfen den regimetreuen Truppen und Milizen vor, Sunniten bewusst aus dieser Region zu vertreiben, die auch als Dschabal Ansariye bekannt ist - dem Berg der Alawiten. Sie gilt als Stammesland der Minderheitskonfession, der Assad angehört. Dagegen sind aus der Nordprovinz Idlib fast keine Verwundeten mehr in Antakya. Offenbar ist Idlib für die Aufständischen inzwischen ausreichend sicher, dass sie auch vor Ort Verletzte versorgen können. "In Idlib gibt es kein Regime mehr", sagt ein Rebell.
Jasser will nicht in Antakya bleiben. "Ich bin hier nur auf Kur", sagt er. Zehn Tage muss er noch bleiben, dann sei sein Fuß hoffentlich wieder einigermaßen in Ordnung. "Ich will so schnell wie möglich wieder zurück, kämpfen."
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