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Kommentar zum Sturz von Despoten: Diktatur kann erträglicher sein als Anarchie

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Saddam Hussein, Gaddafi - und bald Assad? Wenn Despoten stürzen, scheint das ein Grund zur Freude. Doch was nach der Diktatur folgt, ist oft noch schlimmer.

Syriens Diktator Assad: Ein Übel - aber vielleicht das kleinere? Zur Großansicht
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Syriens Diktator Assad: Ein Übel - aber vielleicht das kleinere?

Der Sturz von Diktatoren gibt vielerlei Grund zur Freude. Weil ein Verbrecher nicht mehr an der Macht ist. Weil auf die Diktatur vielleicht eine demokratischere Ordnung folgt. Oder weil man einfach glaubt, dass alles besser sei als Despotie. Doch das ist falsch. Der Krisenbogen der scheiternden Staaten, der sich von Pakistan bis Mali erstreckt, zeigt, dass es etwas Schlimmeres geben kann als Diktatur, schlimmer als Unfreiheit und Unterdrückung: Bürgerkrieg und Anarchie. Die Weltpolitik könnte in Zukunft weniger vom Gegensatz zwischen demokratischen und autokratischen Staaten bestimmt sein als vom Gegensatz zwischen funktionierenden und versagenden Staaten.

Die friedlichen Revolutionen in Osteuropa erweckten den Eindruck, dass auf das Ende autoritärer Herrschaft quasi automatisch die Demokratie folgt. Aber schon in Jugoslawien wurde klar, dass es leichter ist, Diktatoren zu stürzen als eine funktionierende, schon gar demokratische Ordnung aufzubauen. Wenige Wochen der Bombardierung reichten aus, um das Regime eines Milosevic, Saddam, Gaddafi oder Mullah Omar ins Wanken zu bringen. Dagegen ist es selbst in Bosnien oder im Kosovo mit jahrelangem Einsatz nur mühsam gelungen, halbwegs demokratische Verhältnisse herzustellen.

Politische Instabilität weckt die Sehnsucht nach Ordnung, manchmal nach Ordnung um jeden Preis. Deshalb bereitet sie oft den Boden für Extremisten. Dem Nationalsozialismus, dem Stalinismus, den Taliban und jetzt dem Islamischen Staat gingen Phasen der Instabilität voraus. Ist Stabilität also ein Wert an sich? Wer das bejaht, gilt leicht als Zyniker, dem Freiheit und Menschenrechte gleichgültig sind. Das Argument der Stabilität ist nicht sympathisch. Es klingt nach schnöder Realpolitik. Es ist ein Eingeständnis der begrenzten Möglichkeiten des Westens, seine Werte und sein Lebensmodell zu exportieren. Oft wird es missbraucht, um Geschäftemacherei mit Diktatoren zu rechtfertigen. Und es dient den Despoten zur Rechtfertigung ihrer Unterdrückungspolitik. Trotzdem ist es nicht falsch. Diktatur kann erträglicher sein als Anarchie. Wenn Menschen vor der Wahl zwischen einer funktionsfähigen Diktatur und dem Chaos eines scheiternden Staates stehen, wäre die Diktatur oft das kleinere Übel.

Die Frage nach der Alternative

Demokratie kann nur innerhalb eines Minimums an staatlicher Ordnung funktionieren. Und sie kann diese Ordnung nicht unbedingt herstellen. Wenn der kulturelle Lernprozess fehlt, den Europa seit den Konfessionskriegen mit der Aufklärung und der Entwicklung von Gewaltenteilung und Demokratie durchlaufen hat, reicht es nicht aus, einen Diktator zu stürzen und Wahlen abzuhalten. Westliche Politik sollte daher in Zukunft dem Funktionieren eines Staates höheren Wert beimessen. Wenn der Westen Autokraten zum Teufel wünscht, muss die Frage nach der Alternative eine Rolle spielen. Und wenn das nächste Mal eine Intervention ansteht - sei es militärisch oder mit Sanktionen - sollte vorher gefragt werden, was auf den Diktator folgt.

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Ist Diktatur besser als Anarchie?

Saddam Hussein, Gaddafi - und bald Assad? Wenn Despoten stürzen, erscheint das oft als Grund zur Freude. Doch was auf die Diktatur folgt, ist oft viel schlimmer. Sollte der Westen im Zweifel lieber einen Gewaltherrscher an der Macht dulden, um Chaos und Bürgerkrieg zu vermeiden?

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insgesamt 286 Beiträge
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1. Anarchie und Anomie
Norbert Rost 29.09.2014
Sehr geehrte Frau Hoffmann, dem Artikeltenor kann ich gut folgen und wundere mich nur, warum diese Aspekte 2014 ERNEUT diskutiert werden müssen. Jeder halbwegs gebildete Mensch wußte das schon vor dem letzten Irak-Krieg. Was mich am Artikel stört ist aber die Wortwahl. "Anarchie" bedeutet die Abwesenheit von Herr-Schaft und ist keineswegs gleichbedeutend mit "Chaos". Das Wort, nach dem Sie suchen sollten, ist Anomie, die Abwesenheit sozialer Regeln und Gesetze. Dem aufgeklärten Bürgertum auf diesem Planeten stünde es gut zu Gesicht, wenn es sowohl die harte Herrschaft von Diktatoren wie auch die völlig Regellosigkeit kritisieren würde. Anarchie meint im Wort-Sinne, dass kein Mensch über den Menschen herrschen würde. Allerdings erlaubt es die Anomie in den gescheiterten Staaten sehr wohl, dass terrorisierende Mörder ihren Nächsten beherrschen: Durch Mord und Angst. Mit Anarchie hat das nur wenig zu tun.
2. IS ist keine Anarchie
poly.kerl 29.09.2014
Ich befürchte die großen Flächeneroberung der IS sind nur mit Unterstützung eines großteils der Bevölkerung möglich. Es entsteht eine neue Ordnung, die auf den Willen der dortigen Mehrheit beruht. Zusammenbruch der postkolnialen Strukturen, eine neue Ordnung (unter der auch ich nicht leben möchte), anderer keine Anarchie
3. Die Entscheidung...
fabse09 29.09.2014
...über solch ein Thema sollte immer noch der Bevölkerung des Landes, die darunter zu leiden hat, selbst überlassen werden. Eine TED-Abstimmung mit drei Antwortmöglichkeiten, die von Lesern durchgeführt wird, die sich in keinster Weise solche existenziellen Nöte mehr vorstellen können: Das ist mal zynisch!
4. Diktatur der GroKo?
fleischwurstfachvorleger 29.09.2014
Was kommt danach? Was kommt nach Merkel? Unser Land wird bespitzelt. Grundrechte werden eingeschränkt. Korrupte Politiker sind nur bedingt verfolgbar Weitreichende Entscheidungen werden am Volk vorbei gefällt, um wirtschaftliche Interessen bedienen zu können: Aufnahme neuer Staaten in die EU, Bankenkrise, Außenpolitik, Abhöraffäre, Bundeswehrskandale, ESM Mit CETA, TTIP und TiSA sollen wir gänzlich entmachtet werden. Auch wir Leben also in einer Diktatur. Was kommt danach?
5. Natürlich ist Demokratie
erasmus89 29.09.2014
und was wir darunter definieren für uns ein elementares Gut. Jedoch können und dürfen wir nicht mehr unsere Maßstäbe an Staaten legen, deren Strukturen gänzlich anders sind. Natürlich müssen wir Zivilgesellschaften stärken. Das Problem aber an westlicher Krisenbewältigung sind die zahlreichen undemokratischen und verbrecherischen Angriffskriege, Sabotagen und Morde in sich konsolidierenden Staaten gewesen, vom Iran über Irak und Syrien, über Ägypten bis Libyen, über Chile bis Venezuela. Die westlichen Neokonservativen mit ihrer irren Ideologie zerstören die Reputation westl. Demokratien durch ihre geopolitischen Spinnereien. Die Geheimdienstskandalen, die sich herauskristallisierenden Demokratiedefizite in der Wirtschaft und den politischen Strukturen führen weiterhin zu einer Infragestellung der Demokratie. Auch bei uns können dadurch Fragmentierung, Revanchismus und Bürgerkriege entstehen, sollten die westl. Regierungen nicht auf die Stimmen ihrer Völker hören. Edward Snowden ist das Synonym für die Auflehnung gegen die immer autoritärer geführten Demokratien.
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Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Imad Khamis

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