Terrormiliz in Syrien "Islamischer Staat" schickt jetzt Frauen an die Front

Die Frau als "Schafhirtin im Haushalt" - dieses Bild hat der IS lange propagiert. Doch der Terrorgruppe fehlen Kämpfer, Aufnahmen belegen einen Kurswechsel: Sie zeigen Frauen mit Sturmgewehren, mitten im Gefecht.

Szene aus IS-Video
islamistisches Propadandavideo

Szene aus IS-Video

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Der "Islamische Staat" (IS) ist nicht mal mehr ein Zwergstaat. Die Terrormiliz hat so gut wie ihr gesamtes Territorium im Irak und in Syrien verloren. Fast alle ihre Kämpfer sind tot oder auf der Flucht. Offenbar ist die Verzweiflung so groß, dass die Dschihadisten nun auch Frauen an die Front schicken.

Der IS hat ein Video veröffentlicht, in dem mehrere mit Sturmgewehren bewaffnete Frauen im Kampf zu sehen sind. Ob es sich tatsächlich um Frauen handelt, lässt sich nicht mit letzter Gewissheit sagen: Die Personen sind von Kopf bis Fuß vollverschleiert, tragen einen Gesichtsschleier und Handschuhe. "Die keuschen Frauen im Dschihad streben nach Rache für ihre Religion und die Schwestern, die von den kurdischen Apostaten gefangen genommen worden sind", kommentiert jedoch ein IS-Sprecher die Bilder in dem Video. Es ist das erste Mal, dass die Terrororganisation Frauen im Kampf zeigt.

Offenbar stammen die Aufnahmen aus dem Euphrattal. Dort, südöstlich von Deir al-Sor nahe der irakischen Grenze, hat der IS sein letztes Rückzugsgebiet in Syrien gefunden. Die Dschihadisten kämpfen dort einerseits gegen Truppen und Milizen des Assad-Regimes und andererseits gegen Einheiten der "Syrischen Demokratischen Kräfte", eines Kampfverbands, der von der kurdischen YPG-Miliz dominiert wird. Auf jene Kurden nimmt der IS in seinem Video Bezug.

Szene aus IS-Video
islamistisches Propadandavideo

Szene aus IS-Video

Die Bilder der kämpfenden Frauen sind so etwas wie die letzte Stufe in einer Entwicklung, die sich seit Monaten abgezeichnet hat. Jahrelang hatte die Terrororganisation deutlich gemacht, dass sich die Rolle der Frau im IS auf den eigenen Haushalt beschränken müsste, wo sie die nächste Generation der Dschihadisten aufzieht. Noch im Frühjahr 2017 brachte ein IS-Propagandamagazin die Rolle der Frau auf die Formel: "Die Frau ist die Schafhirtin im Haushalt ihres Ehemannes und trägt die Verantwortung für ihre Herde."

Im Oktober 2017 sprach ein anderes IS-Propagandaorgan dann aber erstmals von der "Pflicht der Frauen, Dschihad gegen den Feind zu führen". Die Terrormiliz begründete das mit den Härten und dem Schmerz, den sie im Krieg erlitten habe. Deshalb sei es erforderlich, dass fortan Frauen die Männer in der Schlacht unterstützten. Als Vorbild nannte der IS Nusaybah bint Kaab, eine Zeitgenossin des Propheten Mohammed. Laut islamischer Überlieferung soll die Frau 625 in der Schlacht von Uhud zum Schwert gegriffen und gekämpft haben, obwohl sie eigentlich nur die muslimischen Soldaten mit Wasser versorgen sollte.

So recht angekommen sind der Kurswechsel und die öffentliche Aufforderung aber offenbar noch nicht überall im "Kalifat". Das belegt ein offener Brief von zwei IS-Anhängerinnen aus der vergangenen Woche: Darin beklagen sich "Umm Abdullah" und "Umm Abdul Rahman" beim selbst ernannten Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi darüber, dass sie in den Kampf wollen - aber offenbar nicht gelassen werden. "Unsere größte Hoffnung ist es, als Märtyrer zu sterben", erklären die Frauen in dem auf Französisch verfassten Schreiben, das auf einem IS-nahen Kanal im Nachrichtendienst Telegram veröffentlicht wurde. "Sagt nicht: 'Ihr seid Frauen', denn das wissen wir. Aber wir sind Frauen mit den Seelen von Männern."

Die Aufnahmen der kämpfenden IS-Frauen rütteln auch am Bild, das gefangen genommene Terroristinnen aus Deutschland und anderen europäischen Ländern von ihrer Zeit im sogenannten Kalifat zeichnen. Sie behaupten, so gut wie nie das Haus verlassen und schon gar nicht gekämpft zu haben. Nun führt der IS vor, dass es sehr wohl kämpfende Frauen in seinen Reihen gibt.



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