Israelischer Luftschlag in Syrien Angriff auf Assads Chemiewaffenfabrik

Israel hat in der Nacht einen syrischen Militärstützpunkt bombardiert. Dort soll Assads Armee Chemiewaffen und Fassbomben hergestellt haben. Der Zeitpunkt des Luftschlags war offenbar kein Zufall.

Israelischer F15-Kampfjet bei Übung
REUTERS

Israelischer F15-Kampfjet bei Übung

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Um 2.42 Uhr erschütterten laute Explosionen den Nordwesten Syriens. Nach Angaben der syrischen Armee haben israelische Kampfjets in der Nacht zum Donnerstag mehrere Raketen auf einen Militärstützpunkt in der Nähe der Kleinstadt Masyaf abgefeuert. Zwei Soldaten sollen dabei ums Leben gekommen sein.

Allem Anschein nach richtete sich der Angriff gegen keine gewöhnliche Militäreinrichtung, sondern gegen ein Chemiewaffen-Forschungszentrum sowie eine Raketenfabrik. Das berichten die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte, israelische Medien sowie Amos Yadlin, der frühere Chef des israelischen Militärgeheimdienstes Aman. "Die Einrichtung, die in Masyaf angegriffen wurde, produziert die Chemiewaffen und Fassbomben, die Tausende syrische Zivilisten getötet haben", schrieb Yadlin auf Twitter. Der Angriff habe sich gegen "ein syrisches Militärforschungszentrum" gerichtet, "das unter anderem Präzisionsraketen entwickelt und herstellt."

Offiziell äußert sich die israelische Armee nicht zu dem Vorfall. Es gehört zur Strategie Jerusalems, Freund und Feind über Militäroperationen im Ausland im Unklaren zu lassen. Fakt ist, dass das libanesische Militär in der Nacht zum Donnerstag mehrere israelische Flugzeuge im libanesischen Luftraum registriert hat. Nach syrischer Darstellung sollen die Jets von dort aus auf Masyaf gefeuert haben. Der Ort liegt nur rund 50 Kilometer von der Grenze entfernt.

Die Anlage in Masyaf gehört zum Syrischen Wissenschafts- und Forschungszentrum (SSRC). Offiziell dient das Zentrum zivilen Zwecken, doch nach Einschätzung westlicher Geheimdienste und der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) spielte das SSRC eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung des syrischen Chemiewaffenprogramms. Die USA haben deshalb 271-SSRC-Mitarbeiter auf ihre Sanktionsliste gesetzt. Das Zentrum unterhält in Syrien mehrere Einrichtungen, die Anlage in Masyaf ist nur eine davon.

In den vergangenen 15 Jahren ist eben jene Einrichtung mehrfach in den Fokus geraten: 2004 behauptete der syrische Regimegegner Nizar Nayouf, der irakische Diktator Saddam Hussein habe kurz vor der US-geführten Invasion Chemie- und Biowaffen nach Masyaf bringen lassen. Einen Beleg dafür gab es nie, angesichts der Rivalität zwischen den Regimen in Bagdad und Damaskus erscheint dieses Szenario auch nicht besonders wahrscheinlich.

2010 veröffentlichte die "Jerusalem Post" Satellitenbilder, die verdächtige Bewegungen in Masyaf zeigten. Unter anderem waren Gegenstände zu sehen, die aussahen, wie Raketen. Das Fachblatt "Jane's Intelligence" meldete 2012 unter Berufung auf Quellen in Damaskus, dass in Masyaf chemische Munition und Scud-Raketen hergestellt würden

Im Mai dieses Jahres berichtete die BBC unter Berufung auf einen westlichen Geheimdienst, dass in der SSRC-Anlage in Masyaf noch immer Chemiewaffen entwickelt und hergestellt würden.

Offiziell hat das Assad-Regime 2013 sein Chemiewaffenprogramm beendet und ein Jahr später sämtliche Gift- und Nervengasbestände aufgegeben. Doch es waren eben nur jene C-Waffen, die das Assad-Regime selbst deklariert hatte. Und die OPCW-Inspektoren können seither auch nur jene Einrichtungen besuchen, deren Existenz die Regierung in Damaskus zugibt. Die Anlage in Masyaf gehört offenbar nicht dazu. Zwar haben OPCW-Kontrolleure seit 2014 mehrere SSRC-Einrichtungen in Syrien besucht - Masyaf aber offenbar nicht. Jedenfalls taucht die Anlage in keinem OPCW-Dokument zur Arbeit der Mission in Syrien auf.

Der Angriff erfolgt einen Tag, nachdem die Uno-Untersuchungskommission für Syrien das Assad-Regime für den Sarin-Angriff auf die Kleinstadt Chan Scheichun vom 4. April verantwortlich gemacht hat. Und er erfolgt während eines großangelegten Manövers, bei dem die israelische Armee einen Krieg gegen die Hisbollah simuliert. Israel will um jeden Preis verhindern, dass die Schiitenmiliz in den Besitz von Chemiewaffen gelangt.

In den vergangenen fünf Jahren hat Israels Militär nach Angaben des früheren Luftwaffenchefs Amir Eshel fast hundert Mal Konvois der Hisbollah und der syrischen Armee im Nachbarland angegriffen. Doch die meisten dieser Luftschläge erfolgten im Süden Syriens, in der Nähe der Grenze und der Umgebung von Damaskus. Seit Russland vor zwei Jahren an der Seite Assads in den Krieg gezogen war, hat Israel nie so weit im Norden losgeschlagen.

"Der Angriff der vergangenen Nacht ist keine Routine", sagt deshalb auch Ex-Geheimdienstchef Yadlin. Masyaf liegt nur rund 50 Kilometer von der russischen Militärbasis Chmeimim entfernt. Dort hat Wladimir Putin sein modernstes Luftabwehrsystem stationiert. Entweder hat das S-400-System versagt oder Moskau hat den israelischen Angriff gebilligt. Klar ist laut Yadlin in jedem Fall: "Die Präsenz der russischen Luftabwehr verhindert keine Angriffe, die Israel zugeschrieben werden."

Von hoher symbolischer Bedeutung ist auch das Datum des Luftschlags: Fast genau auf den Tag genau vor zehn Jahren, am 6. September 2007, zerstörten israelische Bomber in der Operation "Obstgarten "den syrischen Reaktor al-Kibar. Dort soll das Regime Atomwaffen entwickelt haben.

Damals beendete Israel das syrische Nuklearwaffenprogramm. Zehn Jahre später hofft Israel, Assads Chemiewaffenprogramm zumindest zurückzuwerfen.

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