Drusen in Syrien Israels riskanter Treueschwur

Militante Islamisten haben ein Drusendorf auf den syrischen Golanhöhen angegriffen, das Machthaber Assad die Treue hält. Nun will Israel die religiöse Minderheit schützen. Ein Versprechen, das große Risiken birgt.

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Hader liegt, umgeben von malerischen ockerfarbenen Hügeln, auf den Golanhöhen, in der syrischen Provinz Kuneitra. In dem kleinen Dorf leben rund 5000 Menschen. Die meisten von ihnen sind Drusen. Seit Beginn des Bürgerkrieges sind die Angehörigen der religiösen Minderheit in Syrien immer wieder zwischen die Fronten geraten. Doch nun ist die Lage eskaliert. In der vergangenen Woche zündete ein islamistischer Selbstmordattentäter eine Autobombe. Er tötete neun Menschen, Dutzende wurden verletzt.

Mit dem Anschlag begann ein Angriff der islamistischen "Eroberungsfront Syriens" (Dschabhat Fatah al-Scham) auf das nahe der israelischen Grenze gelegene Hader. Truppen des syrischen Machthabers Baschar al-Assad schlugen die Milizionäre, die noch bis Sommer 2016 unter dem Namen Nusra-Front auftraten und offiziell zum Terrornetzwerk al-Qaida gehörten, zurück.

Die "rote Linie" der Drusen in Israel

Die Kämpfe blieben nicht unbeobachtet - auf der anderen Seite der Grenze standen israelische Soldaten, aber auch Drusen, die in Israel leben. Einige von ihnen versuchten sogar, die Grenzanlagen nach Syrien zu stürmen, um ihren Glaubensbrüdern zu helfen.

Der geistige Führer der Drusen in Israel, Scheich Muwaffak Tarif, forderte Israels Polit- und Militärführung anschließend auf, das Dorf dauerhaft zu schützen. Er bezeichnete den Islamistenangriff als "rote Linie".

Israels Führung sieht das offenbar genauso. "Die Armee ist vorbereitet und bereit, den Einwohnern des Dorfes zu helfen", sagte ein Sprecher der Streitkräfte. Man fühle sich den Drusen verpflichtet und werde weder die Besetzung des Dorfes durch Islamisten zulassen, noch andere Versuche, Hader zu schaden. Auch Ministerpräsident Benjamin Netanyahu teilte via Twitter mit, "unsere drusischen Brüder" unterstützen zu wollen. Ein Versprechen, das große Risiken birgt.

Bislang hat Israel immer nur dann militärisch in den Bürgerkrieg eingegriffen, wenn es seine eigenen Sicherheitsinteressen gefährdet sah. Die Angriffe richteten sich gegen syrische militärische Stützpunkte wie die Chemiewaffenfabrik Maysaf, gegen Waffentransporte der von Iran finanzierten libanesischen Schiitenmiliz Hisbollah oder waren Antworten auf syrischen Beschuss der israelischen Seite der Golanhöhen.

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Der nun in Jerusalem getroffenen Kursänderung dürften drei Überlegungen zugrunde liegen: Einerseits will man das weitere Erstarken sunnitischer Extremisten auf den Golanhöhen unterbinden. Israel vertraut den Blauhelmtruppen der Vereinten Nationen nicht, die seit 1974 die israelisch-syrische Demarkationslinie auf dem Bergplateau überwachen.

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Israel: Pufferzone Golanhöhen

Andererseits unterstützt Israel bereits moderate Rebellen auf der syrischen Seite der Golanhöhen. Die nun getroffene Offensivstrategie dürfte vor diesem Hintergrund auch ein Signal an das mit Iran verbündete Assad-Regime in Damaskus und die Hisbollah sein. Israelische Militärs fürchten, die Schiitenmiliz könnte sich auf den Golanhöhen dauerhaft festsetzen.

Bereits vor zwei Wochen veröffentlichten israelische Medien den - mutmaßlichen - Namen und das Foto des Hisbollah-Kommandeurs, der für die Südsyrienfront und die Golanhöhen zuständig sein soll. Die Veröffentlichung passierte die Militärzensur, ein Zeichen dafür, dass die israelische Armee ein deutliches Zeichen an die Hisbollah senden wollte.

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Eskalation mit Ansage: Schattenkrieg in der Levante

Und dann sind da noch die Drusen selbst. Die religiöse Minderheit lebt seit Jahrhunderten in der gesamten Levante verteilt, im Libanon und in Syrien, in Jordanien und in Israel. Sie sind zwar aus dem schiitischen Islam hervorgegangen, gehören aber nominell weder dem Schiitentum noch dem Sunnitentum an.

Loyal zum Staat, loyal zur Gemeinschaft

Die daraus resultierende Stellung als Minderheit, die von Sunniten und Schiiten gleichermaßen mit Argwohn betrachtet wird, führte dazu, dass die im 11. Jahrhundert entstandene Religionsgemeinschaft seit Gründung der Nationalstaaten im Nahen Osten einerseits loyal zur jeweiligen Zentralmacht ist. Andererseits stehen die Drusen über die Ländergrenzen hinweg füreinander ein.

In Israel genießen die Drusen ein hohes Ansehen - eben weil sie seit der Staatsgründung 1948 den wechselnden Regierungen in Jerusalem die Treue halten und - obwohl keine Juden - in der israelischen Armee dienen; viele davon auch in Kampf- und Spezialeinheiten. Ihr Wort hat bei den Militärs Gewicht.

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Bürgerkrieg in Syrien: Drusen auf dem Golan in Gefahr

Allein: So loyal die in Israel lebenden Drusen zum jüdischen Staat sind, so loyal sind die in Syrien lebenden Drusen zu Baschar al-Assad - die Bewohner von Hader eingenommen - und die Drusen auf beiden Seiten der Grenze zueinander. Dieses komplexe Beziehungsgeflecht birgt enormes Konfliktpotential.

Sollten die Islamisten das Dorf Hader ein weiteres Mal angreifen oder gar versuchen einzunehmen, könnte die Situation entstehen, dass sowohl israelische als auch syrische Truppen eingreifen - ein Dreikampf jeder gegen jeden und mittendrin die Drusen.

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