Humanitäre Katastrophe in Syrien: Krieg im SOS-Kinderdorf

Von

Fotostrecke: Syriens humanitäre Katastrophe Fotos
AP

Der Bürgerkrieg in Syrien hat seinen Weg sogar bis in die SOS-Kinderdörfer gefunden. Das Kinderdorf in Aleppo wurde zum Kampfplatz zwischen Rebellen und Regime. Die Organisation brachte die Kinder in die Hauptstadt Damaskus, doch auch hier werden sie nachts von Bomben aus dem Bett gerissen.

Damaskus - Der Krieg in Syrien ist bis in die SOS-Kinderdörfer vorgedrungen. Von den zwei Heimen in dem Land ist das in Aleppo bereits evakuiert worden, die Kinder wurden nach Damaskus gebracht. "In den Mauern unseres Dorfes in Aleppo sind jetzt Einschusslöcher", erzählt die 31-jährige Syrerin Rasha Muhrez, Nothilfekoordinatorin für die Organisation SOS-Kinderdörfer weltweit in Syrien. "Damit haben wir noch Glück gehabt im Vergleich dazu, wie es sonst zum Teil in Syrien aussieht - immerhin stehen die Wände noch!" Nur im Zaun um das Dorf klaffen zwei breite Löcher - ein Panzer des syrischen Regimes fuhr mittendurch.

Der Bürgerkrieg in Syrien ist zu einer der schlimmsten humanitären Katastrophen der vergangenen Jahre geworden. Antonio Guterres, Uno-Hochkommissar für Flüchtlinge, bezeichnete Syrien als größte Katastrophe, die er gesehen habe. Er hat bereits in Afghanistan und im Irak Flüchtlinge betreut, doch der Krieg in Syrien sei noch brutaler und zerstörerischer als diese beiden, sagte er im April.

Von einst rund 22 Millionen Syrern sind nach konservativen Schätzungen der Uno 6,8 Millionen auf Hilfslieferungen angewiesen. Millionen Menschen sind auf der Flucht, knapp hunderttausend wurden getötet, davon ein Großteil Zivilisten. "Jeder in Syrien ist betroffen", sagt Rasha Muhrez.

Muhrez lebt in Damaskus, wo es noch vergleichsweise sicher ist. Doch auch ihr Leben ist überschattet vom Krieg. Immer wieder schlagen auch in der Hauptstadt Rebellengeschosse ein - selbstgebastelt, klein und unpräzise. Sie sind tödlich, wenn man sich zur falschen Zeit am falschen Ort befindet.

Die Zivilisten geraten ins Kreuzfeuer

Der Freund eines Freundes von Muhrez wurde getötet, als das Geschoss das Auto traf, mit dem beide unterwegs waren. "Es ist ein Wunder, dass meinem Bekannten nichts passiert ist", sagt sie. Muhrez' Mutter kam mit dem Schrecken davon, als zwei Geschosse auf dem Pausenhof der Schule einschlugen, in der sie unterrichtet.

"Es heißt, man stirbt nur, wenn man direkt von dem Geschoss getroffen wird, nicht wenn man in einem Gebäude ist", sagt Muhrez. Deswegen versucht sie, so wenig wie möglich auf der Straße unterwegs zu sein. Die Nothilfekoordinatorin übernachtet mittlerweile in den Büros von SOS-Kinderdorf im Zentrum von Damaskus und fährt nur am Wochenende nach Hause - dann mit Vollgas und ohne anzuhalten. "Auf der Strecke gibt es Scharfschützen", sagt sie.

Innerhalb Syriens hat sich ihr Bewegungsradius dramatisch eingeschränkt. Früher war sie regelmäßig in Aleppo. Heute traut sie sich nicht mehr, die Straße in den Norden zu nehmen. "Die öffentlichen Busse fahren noch, aber es gibt viele Checkpoints auf dem Weg."

Muhrez gehört einer Minderheitengruppe an. Dies verrät ihr Ausweis, der Geburtsort in Kombination mit dem Namen. Ihr selbst ist diese Zugehörigkeit nicht wichtig, sie versteht sich als Syrerin. Doch sie weiß, dass viele dies inzwischen anders sehen könnten. Der Konflikt bekommt zunehmend eine religiöse Dimension. Deswegen hat Muhrez Angst, an den Checkpoints zum Ziel der Rebellen zu werden - entführt für Lösegeld oder als Pfand für einen Geiselaustausch. "Das Risiko ist es mir nicht wert", sagt sie. Sie verlässt Damaskus nur noch über die Straße nach Beirut in den Libanon, die vom Regime kontrolliert wird.

Je nachdem, wo man lebt oder wie man heißt, gerät man ins Kreuzfeuer der einen oder anderen Seite. Ein SOS-Kinderdorf-Mitarbeiter starb, als sein Haus unter Regime-Beschuss über ihm zusammenbrach. Ein anderer verschwand vor eineinhalb Jahren und gilt inzwischen als tot.

"Wir bezeichnen Verschwinden als Entführung, wenn die Opposition dahinter steckt und als Verhaftung, wenn es die Regierung war", sagt Muhrez. Sie selbst hat Freunde auf beide Arten verloren. Einer ihrer Cousins wurde erschossen, weil er als Anwalt am staatlichen Gericht als Regime-Anhänger galt.

Bomben reißen die Kinder aus den Betten

Die Arbeit von Rasha Muhrez hat sich im Laufe des Krieges verändert. Derzeit leben alle rund 280 von SOS-Kinderdorf betreuten Waisen in dem verbliebenen Heim in dem Damaszener Vorort Kudsaja, sagt Muhrez. In Sicht- und Hörweite liegt das Militärforschungszentrum, das israelische Bomben mehrmals getroffen haben. Die Kinder wurden nachts von den Explosionen aus den Betten gerissen.

Das Kinderdorf liegt nahe einer Frontlinie zwischen Rebellen-Scharfschützen und Regime-Checkpoints. Nach 17 Uhr darf niemand mehr das Dorf verlassen - beide Seiten schießen auf alles, was sich bewegt. Nun soll ein 300-Quadratmeter-Bunker gebaut werden, um die Kinder zu schützen. An alle Seiten appelliert die Organisation, das Dorf als neutrale Sicherheitszone zu respektieren.

SOS-Kinderdörfer weltweit hat die Mission in Syrien um Notfallhilfe erweitert: Die Organisation liefert jetzt auch Essen, Medikamente und Hygieneartikel an Familien - und plant, ihr Engagement weiter auszubauen. Millionen Menschen sind innerhalb Syriens auf der Flucht. Der Frontverlauf wechselt ständig und damit die Gegenden, die als sicher gelten. "Rund 80 Prozent der Familien mussten schon mehrmals fliehen", sagt Muhrez. Von ihren eigenen Verwandten leben die meisten nicht mehr in Syrien. "Wer kann, hat Arbeit im Ausland gefunden", sagt sie.

Wie viele Syrer bereits das Land verlassen haben, ist unklar. Offiziell als Flüchtlinge im Ausland registriert sind inzwischen über eine Million Syrer. Menschen wie Muhrez' Verwandte, die sich nicht als Flüchtlinge registrieren lassen, sondern auf eigene Faust ihr Glück versuchen, erscheinen in keiner Statistik.

"Es ist eine Tragödie, auch was das intellektuelle Kapital Syriens angeht", sagt Rasha Muhrez. Sie will in Syrien bleiben, so lange es geht. "Es mag wie ein Klischee klingen, aber ich habe den Eindruck, dass ich hier und gerade jetzt am meisten bewegen kann", sagt sie. Fliehen will sie erst dann, wenn die Kämpfe das Zentrum von Damaskus erreichen. "Für mich ist das Wichtigste, dass die Straße in den Libanon offen bleibt - das ist mein letzter Ausweg."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Immer und immer wieder!
fritzlothar 15.05.2013
Warum werden für Kriegsgerät Milliarden ausgegeben und warum wird nicht deutlich mehr in die Friedensforschung investiert? Liegt es daran, daß man an Waffen bestens verdient und daß das Schicksal von Menschen einfach nur ein Kollateralschaden ist? Alle Religionen versagen hier - vollständig!
2. Sprachregelung
sysiphus-neu 15.05.2013
Frau Salloum beschreibt zwei Aktivitäten der FSA-Nusra-Sonstige-Gangster: Einerseits beschießen sie mit unpräzisen Granaten wahllos Damaskus, andererseits entführen und ermorden sie Menschen - entweder für geld oder wegen der falschen Konfession/Loyalität. Beide Tätigkeiten sind das Kerngeschäft von Terroristen - so etwas machte z.B. die Hamas regelmäßig. Frau Salloum hatte m.W. nir ein Problem damit, die Hamas als Terroristen zu bezeichnen. Warum beschönigt sie die gleichen Verbrecher in Syrien immer noch als "Rebellen"?
3. Zwischen den Zeilen...
hElsar 15.05.2013
Und da fragt man noch, welche Seite die meisten Bürger Syriens wohl bevorzugen? Die "Rebellen" die wahllos Städte unter Artilleriebeschuss nehmen, die Menschen aus Ihren Wohnungen vertreiben, die Menschen als Schutzschilde nehmen und das Land zurück ins Mittelalter führen wollen?
4.
stopfiatmoney 15.05.2013
Tja, vielleicht begreift man es nach über 80.000 Toten, dass das mediale Anheizen von Konflikten und Gewalt ein Fehler war.
5.
Tommi16 15.05.2013
Zitat von sysopDer Bürgerkrieg in Syrien hat seinen Weg sogar bis in die SOS-Kinderdörfer gefunden. Das Waisenheim in Aleppo wurde zum Kampfplatz zwischen Rebellen und Regime. Die Organisation brachte die Kinder in die Hauptstadt Damaskus, doch auch hier werden sie nachts von Bomben aus dem Bett gerissen. Syrien ist die größte humanitäre Katastrophe seit 30 Jahren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-ist-die-groesste-humanitaere-katastrophe-seit-30-jahren-a-899717.html)
Es bleibt für mich nur eine Frage: Wer hat den Krieg in das SOS-Kinderdorf gebracht ?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Bürgerkrieg in Syrien
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 18 Kommentare
  • Zur Startseite

Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Syrien-Reiseseite


Karte