Syrische Flüchtlinge in Jordanien Jeder Zweite träumt von Europa

Die Bilder vom Empfang der Migranten in Deutschland beflügeln auch die syrischen Flüchtlinge in Jordanien. Laut einer UNHCR-Studie erwägt jeder Zweite, ebenfalls auf die gefährliche Reise nach Europa zu gehen.

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Flüchtlingscamp Zatari, Jordanien: Berlin rechnet mit Ausreisewelle
REUTERS

Flüchtlingscamp Zatari, Jordanien: Berlin rechnet mit Ausreisewelle


Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) rechnet mit einem starken Anstieg der Ausreisen von syrischen Flüchtlingen, von denen Hundertausende bisher in Jordanien Zuflucht gefunden haben. Laut einer aktuellen Umfrage seiner Organisation unter den rund 520.000 nach Jordanien geflohenen Syrern beschäftige sich derzeit bereits jeder Zweite mit Abwanderungsgedanken, sagte Volker Schimmel, Chef der dortigen UNHCR-Mission, zu SPIEGEL ONLINE.

"Wir sehen immer mehr die Absicht, das Risiko der Reise auf sich zu nehmen", beschreibt Schimmel die Lage. Jordanien hatte wie die Türkei seit dem Beginn der Syrien-Krise im Jahr 2011 bis zu einer Dreiviertelmillion syrische Flüchtlinge aufgenommen. Insgesamt schätzt das UNHCR die Zahl der Syrer in den Nachbarländern Jordanien und Türkei auf bis zu vier Millionen.

In Jordanien hat das UNHCR mit dem Camp in Zatari ein riesiges Flüchtlingslager errichtet, dort leben mehr als 82.000 Syrer. Das Camp nahe der syrischen Grenze gleicht eher einer Stadt als einem Lager. Viele Menschen haben sich dort darauf eingerichtet, dass sie vielleicht nie wieder in ihre Heimat zurückkehren werden. Weitere 520.000 Syrer leben bei Freunden und Verwandten oder in vom UNHCR bezahlten Wohnungen.

Schlechte Lage in Jordanien

Ein Grund für den immer stärker werdenden Drang nach Europa ist die zunehmend schlechte Lage in Jordanien. Das World Food Programme (WFP) musste zum Beispiel wegen Budgetknappheit kürzlich die Lebensmittelhilfe für 230.000 Flüchtlinge in dem kleinen Staat einstellen.

Das UNHCR beobachtet die Situation mit Sorge. "Die Schlepper- und Schleusernetzwerke sind etabliert", sagt Schimmel. "Mehr als die Hälfte der Flüchtlinge kennt laut unseren Erhebungen die Preise und weiß, an wen man sich wenden muss und welche Stationen auf dem Weg nach Europa zu meistern sind."

Ein weiterer Anreiz unter den Flüchtlingen sind die aktuellen Nachrichten. Mehrere Flüchtlinge in Jordanien sagten in Telefoninterviews mit SPIEGEL ONLINE, die Ankündigung Deutschlands zur unbürokratischen Anerkennung von syrischen Asylsuchenden habe sich unter ihren Landsleuten wie ein Lauffeuer verbreitet.

Auch die große Sympathie für Kanzlerin Merkel, die von den Syrern in sozialen Netzwerken teilweise fast wie eine Heilige verehrt wird, bewegt offenbar viele der Flüchtlinge in Jordanien, über eine Reise nach Deutschland nachzudenken oder sie bereits zu planen.

In Deutschland wird die Mobilisierung der syrischen Flüchtlinge aus den Nachbarstaaten von der Regierung mit Sorge beobachtet. Neben den rund sieben Millionen Binnenflüchtlingen in Syrien selbst stellen die Migranten in den Nachbarländern eine mögliche weitere Großaufgabe für die EU-Länder dar, wenn sie ihre Zuflucht dort verlassen würden.

Regierung befürchtet Ausreisewelle

Außenminister Frank-Walter Steinmeier mahnte am Montag in der "Süddeutschen Zeitung", vorsichtig, die Lage der Menschen im Nahen Osten nicht zu vergessen, "die sich derzeit überlegen, aus den Flüchtlingslagern in der Türkei, im Libanon oder Jordanien den äußerst gefährlichen und risikoreichen Weg nach Europa einzuschlagen". Für sie müssten in ihren Zufluchtsorten mehr Perspektiven geschaffen werden.

Intern fürchtet die Regierung aber bereits eine Ausreisewelle der Flüchtlinge aus den Nachbarländern. Diese würde die Zahl der in Europa ankommenden Syrer noch einmal steigen lassen. Die bisherigen Schätzungen, dass allein dieses Jahr bis zu eine Million Flüchtlinge in Deutschland ankommen, müssten dann nach oben korrigiert werden.

Deshalb wurde auch beim Koalitionsgipfel am Sonntag in Berlin bereits über Hilfen für die Nachbarstaaten diskutiert, um die Lage für die Flüchtlinge dort erträglicher zu gestalten und die Menschen von der Ausreise nach Europa abzuhalten.

Das Auswärtige Amt (AA) erhielt aktuell zusätzliche 400 Millionen Euro. Damit sollen sogenannte Stabilisierungsprogramme und unter anderem die "Unterstützung bei der Versorgung und Betreuung von Flüchtlingslagern in den Krisenregionen" verstärkt werden.

Ob die Maßnahmen schnell etwas bewirken, ist ungewiss. Bei den Flüchtlingen in Jordanien heißt es, besonders die Bilder aus Deutschland, wo ankommende Syrer fast begeistert an den Bahnhöfen empfangen werden, wirke auf viele erstmals seit Jahren wieder wie eine echte Chance auf ein besseres Leben.



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