Hass und Gewalt im Libanon: Syrien exportiert seinen Krieg

Aus Tripoli berichtet Ulrike Putz

Greift der Krieg aus Syrien auf die Nachbarländer über? Im Libanon ist er schon angekommen. In der Hafenstadt Tripoli im Norden bekriegen sich Assad-Anhänger und -Gegner bis aufs Blut.

Kämpfe im Libanon O: Schlachtfeld Tripolis Fotos
REUTERS

Oben auf dem Hügel verehren sie Baschar al-Assad: Sein Name ziert als Graffito die Hauswände, sein Poster die lokalen Cafés. "König der Hölle" hat jemand auf ein Plakat gekritzelt. Es ist als Kompliment gemeint.

Unten im Tal hassen sie Assad und dessen Anhänger vom Berg bis aufs Blut: "Sobald die Rebellen den Krieg in Syrien gewonnen haben, werden wir die da oben auslöschen", sagen die Männer, die im Stadtviertel Bab al-Tabbane im Schatten der Häuser sitzen. Sie warten auf den Abend, auf die nächste Schlacht in einem jahrzehntealten Kleinkrieg, der schon bald weltweit Schlagzeilen machen könnte.

Der Berg, Dschabel Mohsen genannt, überragt die libanesische Hafenstadt Tripoli. Auf ihm wohnen etwa 50.000 Menschen: Alawiten, Anhänger der islamischen Glaubensgemeinschaft, der auch die syrische Herrscherfamilie der Assads angehört. Unten in der Stadt, die sich zwischen Berg und Meer drängt, leben eine halbe Million Sunniten. Die meisten von ihnen sind erklärte Gegner des syrischen Regimes.

Diese Mischung war schon immer explosiv: Schon während des libanesischen Bürgerkriegs kämpften Berg und Tal in Tripoli auf verschiedenen Seiten. Die Erinnerung an von der jeweils anderen Seite verübte Massaker aus jener Zeit wird oben wie unten am Leben gehalten. Der Hass wird an die nächsten Generationen vererbt, an Deeskalation scheint niemand Interesse zu haben. Damit bieten der Dschabel Mohsen und Umgebung ein ideales Schlachtfeld, auf dem der Libanon regelmäßig seine zahlreichen Konflikte ausficht.

Doch nun stehen sich nur 35 Kilometer von Tripoli entfernt in Syrien das alawitisch geprägte Regime und eine sunnitisch dominierte Rebellenarmee in einem zunehmend blutigen Machtkampf gegenüber. Wegen seiner grenznahen Lage war Tripoli seit Beginn des Aufstands gegen das Assad-Regime in den Konflikt verwickelt: Verwundete Kämpfer der Freien Syrischen Armee werden hier zusammengeflickt, vom Krieg aus ihrer syrischen Heimat vertriebene Familien finden in der Hafenstadt Unterschlupf.

Andererseits leben hier eben jene Alawiten, die seit Jahrzehnten die syrischen Interessen im Libanon wahren und im Gegenzug von Damaskus beschützt und bewaffnet werden. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis Tripoli zum Nebenschauplatz des Krieges in Syrien werden würde. Am vergangenen Wochenende kam es dabei erstmals zu so schweren Gefechten, dass sie weltweit Aufmerksamkeit erregten. Bei den bislang schwersten Kämpfen zwischen Assad-Anhängern und -Gegnern starben 14 Menschen. Seitdem gibt es jeden Abend neue Scharmützel. Am Donnerstag wurde ein Mann angeschossen, dann griff die libanesische Armee ein.

"Eines Tages werden sie aufwachen, dann steht die syrische Armee in Tripoli"

Wie heikel die Lage ist, hat sich auch in westlichen Hauptstädten herumgesprochen. Bei einem Besuch in Beirut machte sich nun Bundesaußenminister Guido Westerwelle ein Bild von der Lage. "Wir sind in großer Sorge, dass die Gewalt in Syrien auf den Libanon überspringt", sagte Westerwelle am Donnerstag nach einem Treffen mit dem libanesischen Präsidenten Michel Suleiman. Damaskus sei ja nur zwei Autostunden von Beirut entfernt. Es bestehe zudem die Gefahr, dass die Kämpfe in Syrien auf die gesamte Region übergreifen.

In Tripoli will man von solchen Befriedungsversuchen nichts wissen. "Die Zeit der Abrechnung ist gekommen", sagen die sunnitischen Kämpfer. Sie hoffen, dass Assad - der Schutzpatron ihrer Feinde - schon bald gestürzt wird. "Dann werden die für all die Jahre zahlen, die sie uns von ihrem Berg aus beschossen haben", sagt ein Kommandeur in Bab al-Tabbane, der sich mit dem Kampfnamen Abu Ali vorstellt. Abu Ali ist siegessicher: "Assad hat keine Chance. Und sein Ende ist das Ende seiner Verbündeten im Libanon."

Oben auf dem Berg weisen die alawitischen Kämpfer einen möglichen Sturz Assads weit von sich. "Das ist undenkbar", sagt Ali Fidda, einer der politischen Führer des Viertels. Doch trotz der markigen Worte steht ihm die Sorge ins Gesicht geschrieben: Ohne Rückendeckung aus Syrien hätten die libanesischen Alawiten wenig Überlebenschancen, und das wissen sie auch.

In einem hoch auf dem Berg gelegenen Café mit Panoramablick machen sich die Männer des Viertels deshalb gegenseitig Mut: Bevor er seine Getreuen im Libanon ihrem Schicksal überlasse, werde Assad in den Libanon einmarschieren, sagt ein Kämpfer mit dem Decknamen Abu Hussein. Syrien hatte den Libanon bis 2005 jahrzehntelang militärisch besetzt gehalten. So soll es nach Willen Abu Husseins bald wieder sein: "Unsere Feinde hier schlafen. Eines Tages werden sie aufwachen, und dann steht die syrische Armee in Tripoli."

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insgesamt 35 Beiträge
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1. Vielen Dank für diese Reportage
Europa! 08.06.2012
Zitat von sysopGreift der Krieg aus Syrien auf die Nachbarländer über? Im Libanon ist er schon angekommen. In der Hafenstadt Tripoli im Norden bekriegen sich Assad-Anhänger und -Gegner bis aufs Blut. Ein Besuch. Syrien-Konflikt greift auf Tripoli im Libanon über - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,837739,00.html)
Wieder einmal zeigt sich, dass es bei den Auseinandersetzungen in der arabischen Welt nicht um "Freiheit", "Demokratie" oder sonst irgendwelche hehren westlichen Vorstellungen geht, sondern um religiösen Fanatismus, Stammeskämpfe und persönliche Intrigen und Hass. Jedewede Einmischung in diesen Ländern ist schwachsinnig.
2. Alles arabischer Frühling
c59 08.06.2012
Zitat von sysopGreift der Krieg aus Syrien auf die Nachbarländer über? Im Libanon ist er schon angekommen. In der Hafenstadt Tripoli im Norden bekriegen sich Assad-Anhänger und -Gegner bis aufs Blut. Ein Besuch. Syrien-Konflikt greift auf Tripoli im Libanon über - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,837739,00.html)
Das ist doch alles nur der "arbabische Frühling". Woher diese Sorgen? In Libyen hat uns das so gut gefallen, dass wir sogar NATO-Flugzeuge geschickt haben ...
3.
testthewest 08.06.2012
Zitat von sysopGreift der Krieg aus Syrien auf die Nachbarländer über? Im Libanon ist er schon angekommen. In der Hafenstadt Tripoli im Norden bekriegen sich Assad-Anhänger und -Gegner bis aufs Blut. Ein Besuch. Syrien-Konflikt greift auf Tripoli im Libanon über - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,837739,00.html)
Tja, was hätten wir lieber, einen alawitischen Diktator und eine westlich geprägte Diktatur, oder lieber einen Mix aus sunnitischen Warlords und ein afghanistanähnlichen Zustand? Dumm, aber ich glaube Russland und China machen das diesmal richtig.
4. Mit der Dummheit
Salozzo 08.06.2012
und den animalischen Trieben der Menschen ist immer Geld zu verdienen. Die Profiteure aller Länder reiben sich schon heftig die Hände.
5. noch hinzufügend
Bedie 08.06.2012
Zitat von c59Das ist doch alles nur der "arbabische Frühling". Woher diese Sorgen? In Libyen hat uns das so gut gefallen, dass wir sogar NATO-Flugzeuge geschickt haben ...
und wem der Westen in diesen Konflikten auch helfen mag, er hilft immer den Falschen. Die Gerechtigkeit ist ein scheues Reh, welches sich gerne versteckt.
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