Syrische Anschlagspläne im Libanon "Das ist es, was Baschar will"

Einer der wichtigsten Verbündeten des Assad-Regimes im Libanon steht jetzt unter Anklage: Ex-Minister Michel Samaha soll eine Anschlagsserie auf Unterstützer der syrischen Rebellen geplant haben. Der Fall offenbart, wie die Angst vor Islamisten in der Region instrumentalisiert wird.

Libanesische Einsatzkräfte vor Samahas Residenz: Spektakuläre Festnahme
REUTERS

Libanesische Einsatzkräfte vor Samahas Residenz: Spektakuläre Festnahme

Von , Beirut


Ein Einsatzkommando führte den noch immer einflussreichen Mann ab: Einst bekleidete Michel Samaha, 64, den Posten des libanesischen Informationsministers; jetzt ist er angeklagt wegen Sprengstoffschmuggels. Und weil er in einen Anschlagsplan verwickelt sein soll, der sich gegen Unterstützer der Rebellen im benachbarten Syrien richtete.

Die Sicherheitskräfte griffen am Donnerstag zu, es war eine spektakuläre und öffentlichkeitswirksame Aktion. Die Libanesen rätselten tagelang: Warum geht ihre Regierung so rigoros gegen denn Mann vor? Schließlich wird die Regierung Libanons durch die Hisbollah gestützt, die wiederum dem syrischen Regime den Rücken stärkt. Und Samaha ist einer der engsten Verbündeten des syrischen Regimes im Libanon. Also ein Mann des eigenen Lagers.

Jetzt wurde klar, was ihm vorgeworfen wird, es wurde offiziell Anklage erhoben. Samaha soll daran beteiligt gewesen sein, 20 große Sprengsätze ins Land geschmuggelt zu haben. Und er soll geplant haben, sie im Nordlibanon zünden zu lassen - dort, wo die Unterstützung für die syrischen Rebellen am größten ist. Ziel seien unter anderem libanesische Parlamentsabgeordnete, die Syriens Opposition unterstützen. Angeklagt außer Samaha und einigen Helfern sind auch der oberste syrische Geheimdienstchef Ali Mamluk und ein weiterer syrischer Brigadegeneral.

Samaha soll bereits gestanden haben

Die Beweislage scheint eindeutig: Einer der Männer, die angeheuert worden waren, die Bomben zu platzieren, wandte sich an die Polizei. Er hatte Samaha mit versteckter Kamera gefilmt. "Das ist es, was Baschar will", soll Samaha auf dem Band zu hören sein, sich auf Syriens Präsident Baschar al-Assad beziehend. Geheimdienstchef Ali Mamluk persönlich habe ihm die Bomben und Geld übergeben, um die Attentäter zu bezahlen. Die Sprengsätze, bereits verteilt auf mehrere Orte im Libanon, wurden gefunden, ebenso 170.000 US-Dollar in bar in Samahas Residenz.

Konfrontiert mit den Video-Aufnahmen soll, so eine Justiz-Quelle, Samaha gestanden haben. Gezündet werden sollten die Bomben während eines mehrtägigen Besuchs des Kirchenführers der Maroniten, einer christlichen Religionsgemeinschaft, der vom 13. Bis 16. August geplant war. Möglicherweise sollte so ein radikal-islamistischer Hintergrund inszeniert werden.

Die Korrespondentin der "Washington Post" in Beirut, Liz Sly, twittere, Samaha selbst habe ihr vor kurzem noch in einem Gespräch erzählt, er habe Kenntnis davon, dass eine Terrorgruppe Bombenanschläge im Libanon plane: "Und jetzt ist Samaha selbst angeklagt, die Anschläge geplant zu haben. Wenn die Vorwürfe stimmen, ist das Assad-Regime auf frischer Tat ertappt worden, im Libanon zu tun, wofür man es schon lange im Verdacht hatte." Laut der Tageszeitung "an-Nahar" ähnelt der jetzt gefundene Sprengstoff einem Material, das schon bei früheren Anschlägen benutzt wurde.

Nachdem Libanons Präsident und der Premierminister sich beide ausdrücklich hinter die Anklage gegen Samaha gestellt haben, dürfte die bisher Assad-freundliche Position der libanesischen Regierung sich nachhaltig ändern.

Nicht minder dramatisch ist die Anklage aus ermittlungstechnischer Sicht: Wie der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, gibt es eine Reihe von Indizien, welche die Authentizität jener mysteriösen dschihadistischen Terrorgruppe "al-Nusra-Front" in Zweifel zieht, die sich zu über 100 Anschlägen auf das Assad-Regime bekannt hat. Schon nach der US-Invasion im Irak habe das syrische Regime die dortigen al-Qaida-Strukturen verdeckt, aber massiv unterstützt und das Einsickern von Selbstmordattentätern organisiert.

In einem Treffen Anfang 2010 mit US-Diplomaten in Damaskus brüstete sich der ranghöchste syrische Geheimdienstler seines raffinierten Umgangs mit al-Qaida: "Wir greifen nicht gleich an. Wir betten uns bei denen ein und handeln erst im passenden Moment". Sein Name: Ali Mamluk.

Mehr zu Syrien im neuen SPIEGEL. Hier können Sie das Heft kaufen.



insgesamt 64 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bayrischcreme 12.08.2012
1.
Man stelle sich folgende Meldung vor: FSA-Unterstützer in Libanon verhaftet: Anschlagspläne in Aleppo und Damaskus. "Das ist es was die USA, die Saudis und die Türken wollen."
el-gato-lopez 12.08.2012
2. Naivität
Zitat von sysopREUTERSEiner der wichtigsten Verbündeten des Assad-Regimes im Libanon steht jetzt unter Anklage: Ex-Minister Michel Samaha soll eine Anschlagsserie auf Unterstützer der syrischen Rebellen geplant haben. Der Fall offenbart, wie die Angst vor Islamisten in der Region instrumentalisiert wird. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,849611,00.html
Ach die Naivität bei SPON und anderen deutschen Medien - die Briten scheinen da etwas weltgewandter als ex-Grossmacht und politischer ex-Big Player - ist nur noch putzig. Die "Angst" vor Islamisten muss man in Nahost gar nicht mehr "instrumentalisieren" weil die meisten Menschen eh wissen, dass es sich um extrem heterogene und unberechenbare Gruppen handelt - von Steinzeit-Dogmatikern, die sich auf irgendeiner heiligen Mission befinden bis zu "hired guns", Privatarmeen irgendeines "Schattenspielers" oder schlicht kriminellen Gangs, die sich einfach ein religiös/ideologisches Deckmäntelchen gesucht haben. Hinzu kommen noch einflussreiche Geschäftsleute, Prediger (Sadr im Irak) Regierungen (VAE, Saudis, Iran..) und überregional arbeitende politische und religiöse Gruppen die alle aus ganz eigenen Motiven heraus wechselnde Koalitionen eingehen. Bestes Beispiel ist hier Katar, dass a) sich beim Westen anbiedert b) sich zur Regionalmacht hochzuarbeiten versucht c) Medien-Propaganda über Al-Jazeera gegen die alten Arabo-Nationalisten und linken Baathisten betreibt und d) dessen Herrscherhaus aus politisch/religiösen Gründen die internationale Muslimbruderschaft und weitaus gewaltätigere Gruppen direkt und indirekt finanziert. Ganz zu schweigen von den grundlegenden Konflikten bezüglich Ethnie, Religionsgruppe und -strömung, alte Rechnungen aufgrund gesellschaftlicher Umbrüche etc. Alles gute Gründe für den Westen, sich aus diesem Schachspiel Nahost mit zu vielen Figuren und Spielern herauszuhalten...
dontbelievethehype 12.08.2012
3. Volksverdummung
Zitat von bayrischcremeMan stelle sich folgende Meldung vor: FSA-Unterstützer in Libanon verhaftet: Anschlagspläne in Aleppo und Damaskus. "Das ist es was die USA, die Saudis und die Türken wollen."
Das Schlimme ist, das es noch genug unkritische und nicht informierte Menschen gibt, die so etwas mittragen. Wenn eine Welle der Empörung durchs amerikanische Volk gehen würde, sowie seinerzeit die Friedensbewegungen in Vietnam, könnte man die Kriegstrommler zumindest bremsen.
JDR 12.08.2012
4. ...
Zitat von sysopREUTERSEiner der wichtigsten Verbündeten des Assad-Regimes im Libanon steht jetzt unter Anklage: Ex-Minister Michel Samaha soll eine Anschlagsserie auf Unterstützer der syrischen Rebellen geplant haben. Der Fall offenbart, wie die Angst vor Islamisten in der Region instrumentalisiert wird. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,849611,00.html
Der Name ist in der Tat pikant. Samaha diente unter dem durch einen Bombenanschlag getöteten Herrn Hariri ... Möglicherweise hatte die Regierung auch gar nicht die Gelegenheit, den Fall noch zu vertuschen, wie es bei dem letzten Mordversuch an einem syrienkritischen Politiker (http://www.dailystar.com.lb/News/Politics/2012/Jul-05/179401-detonators-found-in-building-housing-harbs-office.ashx) noch der Fall ist. Hier hatte das Militär die unmittelbare Führung und Beweise, welche nicht erst von einem Ministerium der terrornahen Regierung herausgegeben werden mussten. Eine Änderung der generellen pro-syrischen Linie der libanesischen Regierung ist daher wohl auch nicht erwarten. Denkbar wäre jedoch, dass die Auswirkungen die Machtverhältnisse im Land wieder weiter ins Lager der M14 verschieben. Beirut wird weiter lavieren und versuchen, möglichst wenig offenes Spannungspotenzial zu generieren. Ein Eingreifen zugunsten von Samaha ist trotz der vergleichbaren Geisteshalteung vieler Regierungsmitglieder unwahrscheinlich, da dies im Falle eines eindeutig überführten Verräters zur Eruption der aufgestauten Spannungen führen würde.
cabo_de_agua 12.08.2012
5. Die Zukunft gehört dem syrischen Volk ohne Assad
Der Anteil der Islamisten in der freien syrischen Armee ist niedriger, gar viel niedriger als in den Medien propagandiert wird. Zweitens, an wem sollen sich die Rebellen wenden außer an den Islamisten??? Es wollte niemand helfen und da ist es nur natürlich, dass sie sich an solchen kampferprobten Söldner wenden...ich denke nicht, dass diese Islamisten in der neuen Regierung einen nennenswerten Einfluss haben werden...Das syrische Volk wird durch freie Wahlen die richtigen Leute wählen...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.