Syrien-Konflikt: Dutzende Tote bei Luftangriff auf Bäckerei

Bei einem Luftangriff der syrischen Armee in der Provinz Hama sind nach Angaben von Aktivisten Dutzende Menschen getötet worden, die vor einer Bäckerei Schlange standen. Angesichts des blutigen Konflikts wächst die Sorge der Westmächte um den Einsatz von Chemiewaffen.

Hamburg/Jerusalem - Der Bürgerkrieg in Syrien tobt mit unverminderter Gewalt: In dem Ort Halfaya in der Provinz Hama im Zentrum des Landes sind Sonntag offenbar mehr als zehn, wenn nicht Dutzende Menschen bei einem Luftangriff der syrischen Armee getötet worden. Die Angaben stammen von einer oppositionsnahen Organisation und lassen sich nur schwer durch unabhängige Quellen verifizieren, da die syrische Regierung eine Medienblockade verhängt hat.

Die in Großbritannien ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte erklärte, die Menschen seien von Jagdbombern der syrischen Luftwaffe angegriffen worden, während sie vor einer Bäckerei Schlange standen. Der Ort Halfaja wird von den Aufständischen kontrolliert. Das Rebellennetzwerk "Lokale Koordinierungskomitees" sprach in einer Erklärung von einem "Massaker".

"Als ich zu der Stelle kam, konnte ich viele Tote am Boden liegen sehen. Frauen und Kinder waren dabei, es gab auch Dutzende Verwundete", sagte Samer al-Hamawi, ein Aktivist in der Stadt. Ramel Abdelrahman von der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte sagte am Sonntagabend: "Es ist immer noch völlig unklar, wie die Opferzahlen sind. Von Videobildern her schätze ich die Zahl auf um die 50 oder mehr, aber nicht höher als 100. Aber im Moment bleibe ich bei einer geschätzten Zahl von mehreren Dutzend, bis wir genauere Informationen haben".

Später sprachen die Aktivisten von mindestens 60 Todesopfern und 50 Schwerverletzten. Wegen der Belagerung durch die Armee herrsche in dem Ort Lebensmittelknappheit. Nach Angaben der von London aus operierenden Beobachtungsstelle, die über ein Netzwerk aus Aktivisten, Ärzten und Soldaten in ganz Syrien verfügt, kamen bei den Gefechten in Syrien seit März 2011 bereits mehr als 44.000 Menschen ums Leben.

Ende August hatte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch Assads Truppen vorgeworfen, innerhalb von drei Wochen allein in der nordsyrischen Provinz Aleppo mindestens zehn Bäckereien bombardiert zu haben. Dabei seien viele Menschen getötet worden, allein 60 bei einem Bombardement in der Stadt Aleppo Mitte August.

Kein Anzeichen für Assad-Rücktritt

Ein Ende des Konflikts ist nicht abzusehen. Doch offenbar bringen die Rebellen die Truppen des syrischen Herrschers Baschar al-Assad immer mehr in Bedrängnis. Nach Angaben der syrischen Opposition haben die Milizen am Wochenende einen Militärstützpunkt in der Nähe der Hauptstadt Damaskus erobert. Wie der Nachrichtensender al-Dschasira unter Berufung auf die Freie Syrische Armee berichtete, hatte es zuvor heftige Kämpfe um das Lager unweit der Ortschaft Ras al-Ain gegeben. Im Großraum Damaskus gibt es seit Wochen erbitterte Gefechte, bei denen auch Assads Truppen schwere Verluste hinnehmen mussten.

Bis jetzt lässt der syrische Präsident jedoch keine Anzeichen erkennen, er könne dem Druck der Aufständischen nachgeben und zurücktreten oder ins Ausland flüchten. Auch der russische Außenminister Lawrow hält einen baldigen Rücktritt oder eine Flucht Assads für abwegig: "Assad geht nirgendwo hin, egal, was andere wollen", sagte Lawrow am Samstag auf dem Rückflug vom EU-Gipfel in Brüssel zu Journalisten.

Besonders in Israel, dem südlichen Nachbar Syriens, stelle man sich dennoch auf "weitreichende Veränderungen" ein, sagte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am Wochenende auf einer Kabinettssitzung. Israels Alarmbereitschaft rührt vor allem aus der Sorge um die chemischen Kriegsmittel, die Assad angeblich über das Land verstreut gebunkert haben soll. Laut US-Angaben lagern in Syrien bis zu 1000 Tonnen Kampfgas, darunter 700 Tonnen Sarin.

Chemiewaffen angeblich unter Kontrolle

Je mehr Assads Militär in die Enge gedrängt wird, desto größer wird die Sorge der internationalen Beobachter, der autokratische Regierungschef könnte sich hinreißen lassen, die Chemiewaffen gegen das eigene Volk einzusetzen. In einem anderen Schreckensszenario würden die tödlichen Gase in die Hände der zumeist islamisch geprägten Rebellengruppen fallen, Anfang Dezember gab es bereits Meldungen, die al-Qaida nahe stehende al-Nusra-Front habe eine Chlorgasfabrik südlich von Aleppo in ihre Gewalt gebracht und könnte dort theoretisch Kampfmittel herstellen. Vor allem in Israel ist man daher vorsichtig, zu laut nach Assads Rückzug zu rufen. Sollte Syrien nach dem Sieg der Rebellen im Chaos versinken, hätten womöglich islamistische Extremisten der Qaida oder Hisbollah, erklärte Feinde Israels, Zugriff auf Tausende Tonnen Chemiewaffen.

Vorerst seien die Bestände jedoch sicher, sagte der israelische Sicherheitsexperte Amos Gilad am Wochenende. Das bestätigte auch der russische Außenminister Sergej Lawrow. Syriens Armee habe die zuvor in mehreren Lagern über das ganze Land verteilten Chemiewaffen an zwei zentralen Punkten zusammengetragen. Assads Regierung tue alles, um die Gasvorräte zu schützen, sie seien bis auf Weiteres "unter Kontrolle", so Lawrow. Die chemischen Waffen, deren Besitz Syrien offiziell dementiert, sorgen seit Wochen für Spannungen zwischen Assads Regime und den Nato-Mächten. US-Präsident Obama drohte Syrien mit einer militärischen Intervention, sollten die Chemiewaffen gegen die Aufständischen eingesetzt werden. Die syrische Regierung versicherte daraufhin mehrfach, sie werde die Waffen nur im Fall eines Angriffs aus dem Ausland einsetzen. Russland gilt als einer der letzten Verbündeten Assads und verhinderte im Uno-Sicherheitsrat mehrfach ein Vorgehen gegen dessen Führung.

Sergej Lawrow glaubt jedoch nicht, dass die Westmächte große Lust auf eine militärische Operation in Syrien hätten. "Ich habe das Gefühl, dass sie darum beten, dass Russland und China auch weiterhin den Einsatz fremder Truppen blockieren. Denn wenn es erst einmal eine Resolution gibt, dann müssen sie auch handeln, aber dazu ist keiner von ihnen bereit."

bor/dpa/AFP/Reuters

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 113 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
widder58 23.12.2012
Zitat von sysopBei einem Luftangriff der syrischen Armee in der Provinz Hama sind nach Angaben einer Aktivistengruppe mehr als zehn Menschen getötet worden, die vor einer Bäckerei Schlange standen. Angesichts des blutigen Konflikts wächst die Sorge der Westmächte um den Einsatz von Chemiewaffen. Syrien-Konflikt: Sorge um Chemiewaffen-Einsatz wächst - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-konflikt-sorge-um-chemiewaffen-einsatz-waechst-a-874533.html)
Das Geschafel um Chemiewaffen ist doch langsam sehr auffällig- offenbar steht die Fakeaktion von "Rebellen" mit dem Zeug unmittelbar bevor, die das Eingreifen des Westens provozieren soll. Nach "Angaben einer Aktivistengruppe" heißt, dass die Opfer beim Bäcker genauso schlecht durch eine Rebellengranate zu Tode kamen.
2. Stilmittel
batmanmk 23.12.2012
Zitat von sysopBei einem Luftangriff der syrischen Armee in der Provinz Hama sind nach Angaben einer Aktivistengruppe mehr als zehn Menschen getötet worden, die vor einer Bäckerei Schlange standen. Angesichts des blutigen Konflikts wächst die Sorge der Westmächte um den Einsatz von Chemiewaffen. Syrien-Konflikt: Sorge um Chemiewaffen-Einsatz wächst - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-konflikt-sorge-um-chemiewaffen-einsatz-waechst-a-874533.html)
"Doch offenbar bringen die Rebellen die Truppen des syrischen Herrschers Baschar al-Assad immer mehr in Bedrängnis. Nach Angaben der syrischen Opposition haben die Milizen am Wochenende einen Militärstützpunkt in der Nähe der Hauptstadt Damaskus erobert. Wie der Nachrichtensender al-Dschasira unter Berufung auf die Freie Syrische Armee berichtete," Offenbar gab es unter Berufung auf meinen entfernenten Onkel dessen Schwager vermutlich einen solchen Fall, wobei es sich nicht letztendlich sicher beweisen lässt, da Assad keine westlichen Journalisten ins Land lässt. Habe ich etwas vergessen?
3. Wer bombt denn da
zompel 23.12.2012
Angst vor Chemiewaffen: Westliche Elitetrupps stehen an Syriens Grenze bereit - Krise in der arabischen Welt - FOCUS Online - Nachrichten (http://www.focus.de/politik/ausland/krise-in-der-arabischen-welt/angst-vor-chemiewaffen-westliche-elitetrupps-stehen-an-syriens-grenze-bereit_aid_887364.html) Der Westen mischt da unten doch schon länger mit. Wer uns da doch schon lange anlügt ?
4. Ok
Steep 23.12.2012
Die Rebellen bringen den Krieg in die Stadt Halfaja und besetzen/kontrollieren sie und Assads Truppen sind also die bösen Belagerer. Ich verstehe das klingt total plausibel. Auch nicht schlecht wie ihr es geschafft habt im Untertitel der Unterschrift noch komplett Deplazierend die bösen Chemiewaffen unterzubringen.
5. laut meldungen aus halfaya...
Schroekel 23.12.2012
Zitat von sysopBei einem Luftangriff der syrischen Armee in der Provinz Hama sind nach Angaben einer Aktivistengruppe mehr als zehn Menschen getötet worden, die vor einer Bäckerei Schlange standen. Angesichts des blutigen Konflikts wächst die Sorge der Westmächte um den Einsatz von Chemiewaffen. Syrien-Konflikt: Sorge um Chemiewaffen-Einsatz wächst - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-konflikt-sorge-um-chemiewaffen-einsatz-waechst-a-874533.html)
...sind bei dem Luftangriff durch eine MIG von Assads Miliz bis zu 300 Personen ums Leben gekommen. At least 300 killed in regime airstrike near Syrian bakery (http://english.alarabiya.net/articles/2012/12/23/256715.html). Man wird nicht vergessen, wer Assads Armee ausgerüstet und sie weiter ausrüstet, Herr Putin.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Bürgerkrieg in Syrien
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 113 Kommentare
  • Zur Startseite