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Geplanter US-Militärschlag: Syriens Christen geraten zwischen die Fronten 

Aus Harissa berichtet

Syrische Christen beten für Frieden: "Sonst können wir ja nichts tun" Fotos
AFP

Sie sind vor dem Krieg geflohen - weil sie die Rebellen fürchten und von Assad keinen Beistand erwarten können. Viele syrische Christen sind im Libanon gestrandet und folgen dem Aufruf des Papstes. Sie beten für ihr Land - und dass der US-Militärschlag nicht kommt.

Sie sind dem Aufruf des Papstes gefolgt, für Syrien zu beten. Doch ganz wohl scheint einigen nicht dabei. "Schaut, es gibt nicht einmal besondere Sicherheitsvorkehrungen, nicht zu fassen!", sagt die junge Libanesin, während sie mit ihren Verwandten die Treppenstufen zur Kathedrale von Harissa nimmt. Die Pilgerstätte in Harissa, knapp 30 Kilometer nördlich von Beirut, liegt auf einer Anhöhe und gilt als eines der Wahrzeichen Libanons. Schon von weitem ist ihre tonnenschwere weiße Marienstatue zu sehen.

Dass kein Wachpersonal Taschen und Beutel prüft, ist in diesen Tagen im Libanon schon auffällig. Man lebt im Schatten des großen Nachbarn Syrien. Auch im Libanon werden die Bombenanschläge häufiger. Bisher zielten die Anschläge auf Sunniten und Schiiten, doch die Christen sind besonders nervös. Mit Sorge verfolgen sie die zunehmend islamistischen Töne, die die Rebellen im benachbarten Syrien anstimmen. Sie sehen auch ihren Lebensstil über kurz oder lang in Gefahr.

Auf dem Parkplatz vor der Kathedrale stehen vier Freunde, Tony, Jenny, George und Mark. Ihre Familiennamen möchten sie nicht nennen. Es ist ihnen nicht geheuer, mit westlichen Journalisten zu sprechen. Die drei Männer tragen ordentlich gebügelte Hemden, Jenny ein kurzes Sommerkleid. Sie sind mit ihren Familien gekommen, um dem Aufruf des Papstes zu folgen. "Wir wollen für Syrien beten. Sonst können wir ja nichts tun", sagt George.

Einige Christen stehen zwischen den Fronten

Die vier kennen sich aus Aleppo, sie waren Nachbarn dort. Tony, Jenny, George und Mark sind syrische Christen. Vor 14 Monaten, als der syrische Bürgerkrieg auch ihre Stadt erfasste, packte jeder von ihnen einen großen Koffer und nahm den nächsten Flieger nach Beirut. Zwei, drei Monate später sei die nächste große Welle ihrer früheren Nachbarn aus Aleppo angekommen, erzählt Jenny, alles Christen. "Wer kann, ist weg", sagt sie.

Die meisten Christen, im Libanon wie in Syrien, lehnen die syrischen Rebellen ab. Tony, Jenny, George und Mark unterstützen entschieden Baschar al-Assad. Vor dem Aufstand waren die vier Freunde Teil der Oberschicht Aleppos. Für sie sind die Rebellen Barbaren, die ihr gutes, altes Leben bedrohen. Es ist eine Perspektive, die sich die vier Christen genauso mit Sunniten der Oberschicht teilen könnten.

Nicht wenige Christen finden sich zwischen den Fronten wieder. Im Libanon etwa halten es viele nicht unbedingt mit dem syrischen Regime. Zu viele von ihnen haben schlechte Erfahrungen während der syrischen Besatzung des Libanons zwischen 1976 und 2005 mit den Assads gemacht. Doch die Rebellen sind für sie keine Alternative. Einen möglichen US-Militärschlag sehen sie mit gemischten Gefühlen. Tony, George, Mark und Jenny lehnen ihn entschieden ab.

"Die Welt muss verhindern, dass Amerika die syrische Armee bombardiert", sagt George. "Das sind unsere Soldaten. Sie kämpfen für uns gegen die Terroristen."

Den Westen betrachten die syrischen Christen mit Misstrauen

Jenny hat im Libanon Arbeit als Leiterin einer Schule für syrische Flüchtlinge gefunden. George, Mark und Tony leben von ihren Ersparnissen. Alle drei waren Arzneimittelhersteller. Vor dem Krieg war Aleppo für seine Pharmaindustrie bekannt. "Unser Haus ist noch unberührt", sagt George, "aber meine Lagerhallen wurden geplündert." "Wir haben alle unser Unternehmen verloren", sagt Tony.

Wohl fühlen sich die vier Syrer im Libanon nicht. Keiner hat libanesische Freunde, man trifft sich untereinander. Viele Libanesen hätten Ressentiments gegenüber den Millionen Syrern, die mit dem Krieg in das kleine Land gekommen seien, erzählt George.

Tony fürchtet neue Gewalt. "Wann war der Libanon jemals stabil?", fragt er. "Wir wollen nur einen Ort, an dem unsere Kinder in Sicherheit aufwachsen können", sagt Jenny.

Wenn die vier könnten, würden sie gern mit ihren Familien in den Westen ausreisen. Doch sie haben die nötigen Visa nicht. Die Flüchtlingspolitik einiger europäischer Länder, darunter auch Deutschland, den christlichen Syrern Vorzug vor anderen Syrern bei der Asyl-Erteilung zu geben, sehen sie skeptisch.

"Das ist ein Versuch der Europäer, einen Keil zwischen uns und unsere Regierung zu treiben", sagt Jenny. "Sie wollen, dass wir Christen uns gegen Baschar al-Assad stellen, aber das werden wir nicht. Baschar beschützt uns."

Die Christen werden von der Politik instrumentalisiert

"Wir haben ja gehört, was in Maalula passiert ist", sagt George. Er glaubt fest die schrecklichen Geschichten, die über die alte christliche Stadt erzählt werden. Vor einigen Tagen waren kurzzeitig Rebellen in das Zentrum von Maalula vorgedrungen. Die Stadt ist zusammen mit einigen benachbarten sunnitischen Dörfern einer der wenigen Orte, wo noch Aramäisch gesprochen wird, die Sprache Jesu.

Maalula liefert ein Beispiel dafür, wie die Christen in dem syrischen Bürgerkrieg instrumentalisiert werden. Kurz nachdem die Rebellen dort einmarschierten, berichteten die syrischen Staatssender von furchtbaren Szenen. Die Rebellen hätten die Kirchen geschändet und Heiligtümer zerstört.

Daraufhin meldete sich eine Oberschwester des Thekla-Klosters von Maalula zu Wort und widersprach. Die Rebellen hätten sich nicht an den Heiligtümern vergriffen, stellte sie klar. Eine christliche Einwohnerin sagte der Nachrichtenagentur Reuters: "Wir müssen fair bleiben. Sie scheinen nicht Kirchen oder Häuser geplündert zu haben." In Videoaufnahmen, die die Stadt und die Rebellen nach dem Einmarsch zeigen, sind keinerlei Schäden an den Kirchen zu sehen.

Seit einigen Tagen ist nun auch die syrische Armee mit Panzern und Artillerie in Maalula im Einsatz. Die entstehenden Schäden wird Damaskus den Rebellen in die Schuhe schieben und diese wiederum dem Regime.

Beide Seiten im syrischen Bürgerkrieg wissen, wie wichtig die Lage der Christen ist, um die Gefühlslage im Westen zu beeinflussen. Deswegen entwirft das Regime regelmäßig Schreckensszenarien von geschändeten Kirchen und massakrierten Christen - und deswegen macht die syrische Opposition inzwischen Listen derjenigen Kirchen, die durch Beschuss der Assad-Militärs beschädigt wurden und wirft dem Regime Entführungen von Bischöfen vor. Wer für was verantwortlich ist, verkommt in den Wirren des Krieges und der polarisierten Stimmung zur politischen Glaubensfrage.

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1. ohje
paulroberts 08.09.2013
Zitat von sysopAFPSie sind vor dem Krieg geflohen - weil sie die Rebellen fürchten und von Assad keinen Beistand erwarten können. Viele syrische Christen sind im Libanon gestrandet und folgen dem Aufruf des Papstes. Sie beten für ihr Land - und dass der US-Militärschlag nicht kommt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-konflikt-syrische-christen-beten-im-libanon-fuer-frieden-a-921034.html
Was für ein Religionsdurcheinander.Moslems verschiedener Coleur, syrische Christen, die amerikanische McDonalds Version des Christentums - ob das mal gut geht?
2.
atech 08.09.2013
Zitat von sysopAFPSie sind vor dem Krieg geflohen - weil sie die Rebellen fürchten und von Assad keinen Beistand erwarten können. Viele syrische Christen sind im Libanon gestrandet und folgen dem Aufruf des Papstes. Sie beten für ihr Land - und dass der US-Militärschlag nicht kommt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-konflikt-syrische-christen-beten-im-libanon-fuer-frieden-a-921034.html
das Beten wird nichts nützen, der Militärschlag kommt, wenn Präsident Obama meint, dass er jetzt genug Unterstützung dafür hat. Schließlich soll es sogar Proteste in der US-Militärführung gegen einen solchen Militärschlag gegeben haben, solange Obama nicht sagen könnte, was mit einem solchen Militärschlag überhaupt erreicht werden soll und welche Pläne er für die Zeit "danach" habe. Die Furcht vor den islamistischen Rebellen besteht auf der Seite der Christen zu Recht, aber weniger weil sie Christen sind, sondern weil sie das Assad-Regime unterstützten. Die Islamisten werden nach einem Sturz Assads Syrien von ihren Feinden säubern wollen. Und es wird noch Jahrzehnte dauern, bis die Menschen in der Region begreifen, dass Religion nie Frieden bringt, sondern immer nur Feindschaft zwischen Menschen sät.
3. es ist ein Religionskrieg
spon-facebook-10000009156 08.09.2013
Dieser ganze Krieg ist ein totaler Wirrwarr, doch es ist ein Religionskrieg, dessen sollten wir uns alle bewusst sein. Diesen Krieg kann man nicht mit einem Angriff des Westens beenden, es geht um ganz andere Dinge, ehe diese Dinge nicht geklärt sind, gibt es im Nahen Osten keinen Frieden.
4. optional
Ernst August 08.09.2013
Raniah geh beten. Du hast es nötig.
5. Mc Cain der Unbelehrbare
westin 08.09.2013
Es scheint,dass Mc Cain die Jichadisten bevorzugt. http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=8x_vusWz33c
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Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Imad Khamis

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