Luftschläge in Syrien An Israel traut Putin sich nicht ran

Immer wieder greift Israel Militäranlagen des syrischen Regimes an. Assads Partner Russland könnte eingreifen - tut es aber nicht. Warum?

Israelischer Kampfjet (Archiv)
REUTERS

Israelischer Kampfjet (Archiv)

Von und


Es ist fast schon ein Ritual geworden: Wann immer die israelische Armee militärische Anlagen in Syrien angreift, droht das Regime von Baschar al-Assad mit Vergeltungsschlägen. Und immer unternimmt Damaskus danach: nichts.

So wird es auch diesmal sein: In der Nacht zum Freitag schlugen sechs Raketen auf dem Militärflughafen Mezze am Rand der syrischen Hauptstadt ein. Die Anlage liegt nur rund vier Kilometer vom Präsidentenpalast in Damaskus entfernt, auch Assad dürfte die Explosionen eine halbe Stunde nach Mitternacht gehört haben. Offenbar galt der Angriff einem Munitionslager; israelische Medien spekulieren, die Armee habe Boden-Luft-Raketen zerstört, die an die von Iran und Syrien unterstützte Hisbollah-Miliz im Libanon geliefert werden sollten.

Mindestens 15 israelische Angriffe auf Syrien

Offiziell äußert sich Israel nicht zu dem Angriff. Es gehört zur Strategie des Landes, Freund und Feind über das Handeln in Syrien im Unklaren zu lassen. In den vergangenen Jahren hat es jedoch mindestens 15 Luftangriffe in Syrien gegeben, die Israel zugerechnet wurden. Sie richteten sich gegen den hochrangigen Hisbollah-Kommandeur Jihad Mughniyeh, den libanesischen Terroristen Samir Kuntar und mehrere mutmaßliche Waffenlieferungen, die von Iran über Syrien an die Hisbollah gehen sollten.

Israel sieht sich nicht als Kriegspartei im syrischen Bürgerkrieg. Es ist vielmehr ein Krieg im Krieg, den der jüdische Staat gegen seine Feinde Hisbollah, Syrien und Iran führt.

Dabei lässt sich die Regierung von Benjamin Netanyahu auch nicht davon abschrecken, dass Russland die Luftüberwachung in Syrien seit Beginn seiner Militärintervention im September 2015 massiv ausgebaut hat. Das russische Militär hat im Bürgerkriegsland Boden-Luft-Raketen der Typen S-300 und S-400 stationiert. Diese Waffensysteme haben eine Reichweite von 400 Kilometern und könnten damit selbst Flugzeuge über israelischem Gebiet angreifen.

Offenbar hat die russische Stationierung moderner Radaranlagen und Flugabwehrraketen Israels Militär dazu veranlasst, den Flughafen Mezze nicht mit Kampfjets, sondern mit Boden-Boden-Raketen anzugreifen. Schon Anfang Dezember hatte Israel dasselbe Ziel mit demselben Waffensystem attackiert. Damals zerstörten die Raketen unter anderem einen Hangar in Mezze.

Bislang lässt Russland Israel in Syrien ungehindert gewähren. Zum nächtlichen Luftangriff auf seinen Verbündeten Assad war bis zum Nachmittag kein Wort aus dem Kreml zu hören. Anhänger des syrischen Diktators kritisieren diese Tatenlosigkeit scharf: Warum hat Russland modernste Luftabwehrsysteme stationiert, wenn sie dann nicht zum Einsatz kommen? Die russischen Boden-Luft-Raketen könnten nämlich auch israelische Marschflugkörper abfangen.

Israel hat sich mit Assad arrangiert

Aber Moskau hat weder Interesse an weiteren Spannungen in der Region noch daran, in den Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah hineingezogen zu werden. Die Kreml-Strategen wissen, dass Israel nicht zu Kompromissen bereit ist, wenn es die nationale Sicherheit in Gefahr sieht. Zwar unterstützt Russland das Assad-Regime nach Kräften, allerdings ist Moskau nicht bereit, für den syrischen Diktator eine militärische Eskalation mit Israel zu riskieren.

Wladimir Putin und Benjamin Netanyahu
AP

Wladimir Putin und Benjamin Netanyahu

Netanyahu und der russische Präsident Wladimir Putin haben sich in den vergangenen Jahren bemüht, die bilateralen Beziehungen zu verbessern. Allein seit Herbst 2015 trafen sich beide Politiker viermal. Außerdem telefonieren sie regelmäßig miteinander. Netanyahu bezeichnet die Beziehungen als "freundschaftlich", auch wenn er immer wieder erleben muss, dass Russland im Uno-Sicherheitsrat gegen Israel stimmt - so zuletzt am 23. Dezember bei der Resolution gegen den israelischen Siedlungsbau. Putin profitierte aber davon, dass Netanyahu und der scheidende US-Präsident Barack Obama einander nicht ausstehen konnten.

Russland betrachtet Israel als wichtigen Partner in der Region. Der Handel zwischen beiden Ländern blüht, russische Touristen sind die zweitgrößte Urlaubergruppe in Israel. Drei Minister in Netanyahus Kabinett sprechen russisch, der bekannteste von ihnen ist Verteidigungsminister Avigdor Lieberman. Er hat seit seinem Amtsantritt im Mai den Kontakt mit Moskau maßgeblich intensiviert.

Israel hat sich auch mit Assad arrangiert. Aus Sicht des Sicherheitsapparats ist das syrische Regime ein berechenbarer Feind. Politisches Chaos oder gar die Machtübernahme durch sunnitische Salafisten, die von der "Befreiung Jerusalems" träumen, sind für den jüdischen Staat ein Alptraum. Hier decken sich die Interessen von Putin und Netanyahu.

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.