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Flüchtlingslager in Damaskus: Assads zynischer Plan

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Flüchtlingslager Jarmuk: Zwei Quadratkilometer Trümmerlandschaft Fotos
AP Photo/UNRWA

Seit der Eroberung durch den "Islamischen Staat" blickt die Welt erschrocken auf Jarmuk. Uno-Generalsekretär Ban spricht von einem "Todeslager". Dabei hat das Assad-Regime die Menschen in dem Stadtteil von Damaskus schon seit Jahren ausgehungert.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Wer es nach Jarmuk schaffte, hatte Glück im Unglück. In wenigen Orten des Nahen Ostens war es für palästinensische Flüchtlinge einfacher, sich nach der Vertreibung ein neues Leben aufzubauen. 1957 richtete die syrische Regierung das Lager am südlichen Stadtrand von Damaskus ein. Die Vereinten Nationen bauten Krankenhäuser auf, internationale Geldgeber sorgten für Kindergärten und Schulen.

Aus dem Flüchtlingscamp wurde ein Stadtteil mit mehrstöckigen Gebäuden, mit Cafés und Geschäften. Heimat für etwa 150.000 Menschen. Da waren zwar die Hinweisschilder mit dem Schriftzug "Lager Jarmuk", aber äußerlich unterschied sich das zwei Quadratkilometer große Viertel kaum von anderen Stadtteilen in Damaskus.

Das ist vorbei. Heute ist Jarmuk im vom Bürgerkrieg verwüsteten Syrien noch schlimmer getroffen als andere Orte. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon spricht von einem "Todeslager", die verbliebenen rund 16.000 Flüchtlinge lebten "im schwärzesten Loch der Hölle".

In der vergangenen Woche überrannten Kämpfer der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) das Viertel. Sie gingen rücksichtslos gegen Einwohner vor, die sich ihnen in den Weg stellten, mehrere Männer wurden enthauptet.

Mit der Eroberung durch den IS ist die Weltöffentlichkeit schlagartig auf das Schicksal der Menschen in Jarmuk aufmerksam geworden. Doch ihr Leiden hat lange vorher begonnen. In der Geschichte des Lagers verdichtet sich nämlich die Geschichte des syrischen Bürgerkriegs in den vergangenen vier Jahren.

Video: Statement von Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon

Das Assad-Regime hat seit Jahrzehnten die "Volksfront zur Befreiung Palästinas - Generalkommando" (PFLP-GC) in Jarmuk regieren lassen. Syriens Führung kontrolliert und finanziert die Organisation, die für zahlreiche Anschläge in Israel verantwortlich ist. Als in Syriens Städten Zehntausende gegen die Regierung protestierten, gingen auch in Jarmuk Palästinenser auf die Straße, die sich nicht länger von der PFLP-GC als Assads verlängertem Arm drangsalieren lassen wollten.

Im November 2011 brannte eine aufgebrachte Menge das Hauptquartier der PFLP-GC in Jarmuk nieder. Deren Milizionäre erschossen 14 Protestierer. In der Folge schlossen sich palästinensische Assad-Gegner der oppositionellen "Freien Syrischen Armee" (FSA) an.

Ende 2012 brachen heftige Kämpfe zwischen FSA und PFLP-GC aus. Assads Armee kam seinen Verbündeten zu Hilfe. Die Luftwaffe bombardierte Jarmuk, das nur wenige Kilometer vom Präsidentenpalast in Damaskus entfernt liegt. Trotzdem gelang es den Aufständischen nach wochenlangen Gefechten, den Großteil des Viertels unter Kontrolle zu bringen.

Das syrische Regime reagierte mit kollektiver Bestrafung. Die Armee riegelte Jarmuk weitgehend ab, große Teile des Viertels sind seit mittlerweile mehr als zwei Jahren ohne Strom und Wasser. Lebensmittel und Medikamente gelangen nur auf Schleichwegen in das Lager.

Lebensmittelverteilung in Jarmuk (Februar 2014) Zur Großansicht
AP

Lebensmittelverteilung in Jarmuk (Februar 2014)

Ende 2013 gab es die ersten Hungertoten. Die Menschen fingen an, Gras zu pflücken, um ihre Familien zu ernähren. Im Februar vergangenen Jahres machte ein Fotograf der Vereinten Nationen ein Foto in Jarmuk, das um die Welt ging. Nach Monaten war es dem Uno-Hilfswerk für die Palästinenser gelungen, Lebensmittel in das Viertel zu bringen. Tausende Menschen standen Schlange. Assads Regime hatte Jarmuk schon damals in ein Todeslager verwandelt.

Wie in anderen Teilen Syriens auch, kämpften bald verschiedene Milizen um Macht und Einfluss. Radikale Islamisten, säkular orientierte Gruppen und palästinensische Pro-Assad-Einheiten stritten rücksichtslos um die Kontrolle über die zwei Quadratkilometer große Trümmerlandschaft in Damaskus.

Das zynische Kalkül des Regimes ging auf: Die ausweglose Lage hat mehr und mehr junge Männer in Jarmuk in die Arme des IS getrieben. In der Hoffnung auf Unterstützung von der militärisch stärksten Miliz in Syrien, nahmen Palästinenser aus Jarmuk Kontakt zum IS auf und schlossen sich der Terrormiliz an.

Bei der Eroberung des Stadtteils Anfang April hatten IS-Kämpfer, die das Lager von Süden angriffen, so Hilfe von Einwohnern vor Ort. Darunter sollen auch Dschihadisten gewesen sein, die vorher in Reihen der Nusra-Front gekämpft hatten. Der syrische Ableger von al-Qaida ist eigentlich der Erzfeind des IS.

Der einzige Profiteur dieser verheerenden Lage ist Assad. Er präsentiert seine Armee nun als einzigen Garanten dafür, die Dschihadisten aus Jarmuk zu vertreiben. Dabei ist ihm das Schicksal der eingeschlossenen Menschen egal. Der Diktator hat ihnen monatelang jede Hilfe verweigert, und erst in der vergangenen Woche warfen seine Truppen aus Hubschraubern Fassbomben auf den Stadtteil ab.

Eingekeilt zwischen Assads Truppen und dem IS bleibt für die Menschen in Jarmuk kaum noch Hoffnung.


Zusammengefasst: Die Menschen in dem palästinensischen Flüchtlingslager Jarmuk in Damaskus leiden seit Jahren. Das Assad-Regime hat sie von humanitärer Hilfe abgeschnitten. Ausgerechnet der Diktator bietet sich nun an, das Viertel aus der Gewalt des "Islamischen Staates" zu befreien. Damit würde sein zynischer Plan aufgehen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 113 Beiträge
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1. Die Lösung ist nur Assads Beseitigung
abc-xyz 10.04.2015
Yarmouk wird durch Assadtruppen ausgehungert wie im Mittelalter. Dass das im 21. Jahrhundert noch passieren kann, ist an Scham kaum zu überbieten. Es ist kein Wunder, dass sich dann IS und Co. bilden können. An wen sollen sich die Menschen denn sonst wenden wenn wir ihnen die Hilfe untersagen. Der Artikel fasst es richtig zusammen. Nur Assad wünscht sich dieses Zerwürfnis und wenn man sich den Bestseller von Michael Weiß und Hassan Hassan durchliest, sieht man dass die IS primär eine Ausgeburt des syrischen Geheimdienstes ist.
2. Lieber Herr Sydow
erasmus89 10.04.2015
genauso zynisch Assad sein mag: Es war der Westen, der die Rebellen so massiv aufgerüstet hat, dass diese in die Städte einfielen und sich dort verschanzten. Nun können sie selbst raten, wie Merkel oder Obama auf so eine Entwicklung in ihren Ländern reagiert hätten. Schauen sie nach Yemen, dann wissen sie, dass die Welt nunmal nicht aus Schwarz und Weiß besteht, wie es auf den Journalistenschulen gelehrt wird. Der Zynismus regiert die Welt. Und es sind leider die Journalisten, die immer noch glauben, dass sie ihren Lesern eine Welt von Gut und Böse verkaufen können. So ist das aber nicht. Reflektierte Leser wissen, welchen massiven Anteil die Golf-Diktaturen und der ignorante Westen bei der Radikalisierung der Rebellen und der Verschlechterung der Lage in Syrien haben.
3.
torpedo-of-truth 10.04.2015
Es ist einfach ein Wahnsinn was dort passiert. Der Mensch ist und bleibt der schlimmste Parasit auf dieser Welt. Was für eine Welt hinterlassen wir nur für unsere Kinder? Nur noch traurig.
4. neben den Christen, den Jesiden und den Kurden,
hussaho 10.04.2015
die unter den IS unendlich zu leiden haben, deren Frauen und Kinder verschleppt, vergewaltigt und deren Männer gemordet werden, wird die Weltöffentlichkeit nun endlich auch auf das Leid der Palästinenser in Syrien hingewiesen, die im Gegensatz zu den anderen Kriegs-Leidenden eine von der UN finanzierte und nahezu selbstverwaltete Flüchtlingsbetreuung zur Linderung der Not einsetzen kann. Was ist da schiefgelaufen zwischen den Palästinensern und dem IS?
5.
Atheist_Crusader 10.04.2015
Wieder einer von Assads brilliant-bösen Plänen enthüllt. Komisch, dass es immer die sind, mit denen er sich selbst mehr schadet als nützt. Ebenso komisch, dass er mit all dieser brillianten Boshaftigkeit noch immer nicht seinen Krieg gewonnen hat. Aber ich warte schon auf die nächste Enthüllung. Wie wär's mit einem chemischen Angriff auf Israel, um die Antisemiten für sich zu gewinnen, während er die nuklearen Gegenschläge erträgt?
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Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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