Überlebende aus syrischem Daraya Der Hölle entkommen

Damaskus' Vorort Daraya war ein Symbol des Widerstands gegen Diktator Assad - heute ist er eine Geisterstadt. Brandbomben und Hunger haben die letzten Bewohner vertrieben. Ein Überlebender berichtet.

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"Manchmal gehe ich die Straße hinunter und frage mich: Bin ich in einem Traum gelandet? Oder in einem Albtraum?" Erst vor zwei Tagen ist der einstige Informatikstudent Hussam Ayash im nordsyrischen Idlib angekommen.

In der Region werden zwar täglich Städte und Dörfer von den Jets der syrischen und russischen Luftwaffe bombardiert. Aber es sei "ganz okay", verglichen mit dem Ort, aus dem er und etwa tausend weitere Menschen kommen: Daraya.

Jene Vorstadt von Damaskus, die fast vier Jahre lang von den Truppen des Assad-Regimes abgeriegelt, ausgehungert und sukzessive eingeäschert wurde mit allem, was die Waffenarsenale hergaben. Nur, dass die letzten etwa 4000 Bewohner nicht aufgaben. Bis vor einer Woche: "Wir hatten nichts mehr, nur noch die Wahl, alle zu sterben oder alle zu gehen", sagt Ayash.

Nach Verhandlungen des Lokalrats mit russischen und syrischen Militärs verließen in den letzten Augusttagen die Überlebenden Daraya in Bussen des syrischen Halbmonds. Sie hatten die Wahl, ins Rebellengebiet nach Idlib oder in ein Internierungslager bei Damaskus gebracht zu werden. Ihre Revolution ist vorbei, aber sie sind davongekommen - mit dem Leben und einer kleinen Reisetasche. "In den letzten hundert Tagen dachte ich immer nur daran, wie ich sterben werde. Schnell, langsam? Als ich im Bus saß, hatte ich das Gefühl, neu geboren zu sein. Aber es sind gemischte Empfindungen."

Hussam Ayash
privat

Hussam Ayash

Näher war der syrische Aufstand dem Präsidentenpalast von Machthaber Baschar al-Assad nie gekommen als in Daraya, das nur ein paar Kilometer südlich liegt und direkt an den Militärflughafen Mezze grenzt. Aber auch friedlicher als in Daraya hatte er kaum irgendwo sonst begonnen. Vor 2011 war die Vorstadt mit über 100.000 Einwohnern höchstens bekannt gewesen als Zentrum der Herstellung intarsienverzierter Holzmöbel im traditionellen Damaszener Stil.

Aber dann gingen in Daraya die Menschen auf die Straße.

Ghiath Matar, einer der Initiatoren, wurde bekannt als Advokat der gewaltfreien Demonstrationen von Daraya. Dort wurde die einrückende Armee mit Blumen, Wasserflaschen und der Botschaft begrüßt: "Wir sind nicht gegen euch, wir sind gegen den Diktator - schießt nicht auf eure Landsleute!"

Dafür wurde Matar Anfang September 2011 vom Geheimdienst verhaftet und über vier Tage zu Tode gefoltert. Seine Familie bekam eine wundenübersäte, am Bauch zusammengenähte Leiche zurück. Der zivile Protest konterkarierte die Propaganda aus Damaskus, laut der sich in Syrien nur vom Ausland gesteuerte Radikale erheben würden.

Flüchtlinge auf dem Weg aus Daraya
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Flüchtlinge auf dem Weg aus Daraya

Als im August 2012 reguläre Truppen und irreguläre Milizen unter Kommando von Assads Bruder Maher in Daraya einfielen, von Haus zu Haus zogen, mehrere Hundert Bewohner ermordeten, organisierten die Befehlshaber ihre Propaganda gleich mit: Am Tag nach dem Morden stand die junge Sprecherin eines Privatsenders von Assads Cousin inmitten eines Leichenfeldes und erzählte, "Terroristen" wären für dieses Massaker verantwortlich.

"Mithilfe der russischen Luftwaffe bombardierten sie immer präziser"

Nach dem Mordfeldzug flohen 90 Prozent der Bewohner. Wer blieb, erlebte die Hölle. Wasserleitungen wurden gekappt, die Stromversorgung auch. Im Herbst 2012 schloss sich der Belagerungsring. Fortan deckte die Armee die Enklave mit jenen Fassbomben ein, die mehrstöckige Häuser in Schutthaufen verwandeln. Hussam Ayash und anfangs etwa 2000 Männer bewaffneten sich, verteidigten das Ruinenviertel. Ihnen kam entgegen, dass Daraya nicht arm gewesen, der Grund teuer, die Bebauung dicht und mehrstöckig war.

Aber zum Überleben gab es nur Wasser aus einigen Quellen, Gemüse und Getreide aus winzigen Parzellen zwischen Ruinen sowie Mehl und Reis, die auf Schleichwegen hereingeschmuggelt oder von korrupten Soldaten zu Wucherpreisen verkauft wurden. "Seit auch die russische Luftwaffe Angriffe flog, bombardierten sie immer präziser", erinnert sich Ayash. Die Quellen, die Schmuggelpfade, die winzigen Felder wurden nach und nach zerstört.

Im April gab es einen Aufruf der Frauen von Daraya, die Bewohner vor dem Hungertod zu bewahren. Im Mai erhielt ein erster Uno-Konvoi die Erlaubnis, die Eingeschlossenen zu versorgen, doch am letzten Armeecheckpoint wurde er zurückgeschickt. Stattdessen bombardierten Jets die Wartenden auf der anderen Seite. "Wir waren am Ende", resümiert Ayash, der zwischenzeitlich 18 Kilo Gewicht verloren hatte: "Nichts mehr zu essen, keinen Diesel für die letzten Generatoren, kein Wasser. Und dann die Brandbomben", er nennt sie Napalm, "sie haben noch einmal mehr Menschen umgebracht als die normalen Bomben."

Am 19. August ging das Notlazarett von Daraya in Flammen auf, "es war das einzige. Wir hatten immer nur eines. Das war das Ende". Mehrere Wochen lang hätten sie sowohl mit russischen Repräsentanten als auch mit dem Regime über eine Evakuierung verhandelt, "vielleicht hat das Druck ausgeübt auf Damaskus, dass wir am Ende tatsächlich lebend rauskamen".

Keine Raketenangriffe an diesem letzten Morgen

"Um sechs Uhr morgens am letzten Tag schlugen keine Raketen ein", erinnert er sich an den letzten Tag in Daraya, "um zehn Uhr gab es keine Kampfjets und Bomben wie sonst, und mittags kam das Angebot: Alle, restlos alle Menschen müssen Daraya verlassen. Sonst würden sie es dem Erdboden gleichmachen. Tod oder Gehen."

Als die Nachricht von der Evakuierung bekannt wurde, beklagte Uno-Sonderbotschafter Staffan di Mistura, die Uno sei nicht einmal informiert worden: "Die Welt beobachtet, was geschieht!"

Hussam Ayash, der die Evakuierung mit organisierte, erinnert sich daran ganz anders: "Wir hatten die Uno immer wieder gebeten, die Fahrt zu überwachen. Aber von denen kamen nur ein paar Leute am ersten Tag zum Sammelpunkt der Busse. Die wollten nichts mit uns zu tun haben und sind rasch wieder weggefahren."

Anders als in früheren Fällen wurden die Busse unbehelligt von Syriens Armee bis nach Idlib oder ins Auffanglager gelassen. Außerdem laufen Verhandlungen mit zwei weiteren belagerten Vorstädten von Damaskus und Homs für ein ähnliches Abkommen.

Für die Überlebenden aus Daraya war die Ankunft im Norden, als wären sie von einer Zeitmaschine durch die vergangenen vier Jahre katapultiert worden, so Ayash: "Bei uns gab es keine Nusra-Front und keine ideologisch Verrückten, niemanden von außen", weil auch einfach niemand durch den Belagerungsring gekommen sei, "keine Scharia-Gerichte und Warlords. Bei uns unterstanden die beiden Rebellengruppen bis zum Schluss dem zivilen Rat der Stadt. Das Regime hat es geschafft, jene Stadt, die die Seele der ersten Generation der Revolution war, zu beseitigen."

"Wir werden wiederkommen"

Daraya hat seine Bewohner verloren. Niemand durfte bleiben, das war Kern der Vereinbarung. Tage nach der Evakuierung feierten Militärs und Mullahs einer schiitischen Miliz aus dem Irak die Eroberung der Stadt inmitten der Ruinen.

Hussam Ayash will erst einmal in Idlib bleiben und seine Verlobte heiraten, die vier Jahre lang auf ihn gewartet habe. Sie hätten, sagt er, noch in Daraya ein Komitee gegründet, das sich nun darum kümmere, allen erst einmal ein Dach über dem Kopf zu besorgen. Und dann? "Wir wissen es auch noch nicht." Aber es sei egal, was das Regime mit der Stadt mache. Egal, ob die Gerüchte stimmen, dass es dort seine irakischen, afghanischen Verbündeten unterbringen möchte: "Sie sollen daran denken, dass diese Stadt ihre Bewohner hat, die noch leben und eines Tages zurückkommen werden."


Zusammengefasst: In Daraya, einer Vorstadt von Damaskus, lief der Widerstand gegen Assad zunächst bemerkenswert friedlich. Dann belagerte die Armee den Ort, hungerte die Menschen aus, bombardierte. Tausende harrten unter katastrophalen Bedingungen aus. Erst im September 2016 ließen sie sich evakuieren und wurden mit Bussen weggebracht. Doch viele wollen zurück, irgendwann.



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