Syrischer Arzt über Idlib "Die Waffenruhe hat den Menschen Hoffnung gegeben"

Vier Wochen Waffenruhe in Idlib - für die Bewohner war es ein Segen. Nun entscheidet sich, ob die Feuerpause Bestand hat. Der Arzt Ahmad Tarakji war in der syrischen Provinz und schildert seine Eindrücke.

Demonstration in der Provinz Idlib
DPA

Demonstration in der Provinz Idlib

Ein Interview von


In diesen Tagen entscheidet sich das Schicksal der syrischen Provinz Idlib - mal wieder. Vor einem Monat hatten sich Russland und die Türkei auf die Einrichtung einer demilitarisierten Pufferzone in Idlib geeinigt. Dadurch sollte eine Militäroffensive der syrischen Armee gegen die Rebellen in der Provinz abgewendet werden.

Nun endet die Frist zur Umsetzung dieses Abkommens. Die knapp drei Millionen Menschen in Idlib hoffen, dass die fragile Waffenruhe in der Provinz anhält.

Der Mediziner Ahmad Tarakji ist gerade aus Idlib zurückgekehrt. Tarakji wurde in Aleppo geboren, lebt aber seit Jahrzehnten in Kalifornien. Vor 20 Jahren gründete er die Syrian American Medical Society. In der Organisation haben sich in den USA lebende Syrer zusammengetan, um Medizinern in ihrem Heimatland zu helfen. Seit Beginn des Bürgerkriegs 2011 hat das Bündnis sein Engagement deutlich verstärkt und unterstützt Dutzende Krankenhäuser in Syrien.

Zur Person
  • SPIEGEL ONLINE
    Dr. Ahmad Tarakji ist Präsident der Syrian American Medical Society. Er lebt in Fresno, Kalifornien, und ist dort als Herzchirurg tätig. Mehrmals im Jahr reist er nach Syrien, um Ärzte im Bürgerkriegsland zu unterstützen.

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Tarakji über die humanitäre Lage in Idlib, die Hoffnungen der Syrer und die Angriffe auf medizinische Einrichtungen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Tarakji, Sie sind gerade aus Idlib zurückgekehrt. Wie würden Sie die humanitäre Lage vor Ort beschreiben?

Ahmad Tarakji: Ich habe die fünf größten Krankenhäuser in der Region besucht. Das medizinische Personal ist noch immer fest entschlossen, seine Arbeit fortzuführen. Das Problem ist die schwindende Unterstützung durch die Uno und die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Vorräte an einfachen Medikamenten wie Antibiotika in den Krankenhäusern reichen nur für eine Woche. Die Lücken müssen dann von Nichtregierungsorganisationen geschlossen werden. Oder die Patienten müssen sich die Medikamente auf dem Schwarzmarkt kaufen, was sehr teuer ist.

Tarakji mit Mitarbeitern in syrischem Krankenhaus
Syrian American Medical Society/ SAMS

Tarakji mit Mitarbeitern in syrischem Krankenhaus

SPIEGEL ONLINE: Was sind denn die Gründe für die fehlende Unterstützung von Uno und WHO?

Tarakji: Eine Zeit lang hatten beide gute Gründe dafür, nicht zu viel Material in die Krankenhäuser zu liefern, weil die Einrichtungen so oft von syrischer und russischer Armee bombardiert wurden. Aber jetzt wird immer klarer, dass die syrische Regierung die Büros von Uno und WHO in Damaskus beeinflusst. Sie knicken ein vor dem Druck der Regierung, die ihren Büros in Damaskus sogar verbietet, auch nur mit den Krankenhäusern zu kommunizieren, die sich in Regionen außerhalb der Regierungskontrolle befinden. Das hat etwa zur Folge, dass wir vor einem Jahr die WHO gebeten haben, Krankenhäuser mit Medikamenten gegen Tuberkulose zu beliefern. Darauf warten wir immer noch.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich die Waffenruhe in Idlib ausgewirkt?

Tarakji: Die Waffenruhe hat den Menschen Hoffnung gegeben. Sie haben angefangen, beschädigte Straßen und Häuser zu reparieren, es gibt Märkte, auf denen Bauern Blumen und Granatäpfel verkaufen. Aber die Leute sind skeptisch, was die Haltbarkeit der Feuerpause betrifft. Wir hoffen auf einen dauerhaften, landesweiten Waffenstillstand. Aber dafür brauchen wir einen internationalen Schutzschirm, nicht nur einen Deal zwischen Russland und der Türkei.

Markt in der Provinz Idlib
AFP

Markt in der Provinz Idlib

SPIEGEL ONLINE: Der sogenannte Genfer Friedensprozess unter Uno-Führung wäre der richtige Rahmen dafür.

Tarakji: Ja. Aber das Problem ist, dass die Zivilgesellschaft in Genf gar nicht vertreten ist, sich große Teile des syrischen Volks also nicht repräsentiert fühlen. Aber die Zivilgesellschaft ist der Garant für eine stabile Zukunft. Vertreter der Zivilgesellschaft müssen in dem politischen Prozess eine Stimme bekommen und ich fordere Deutschland und die EU auf, sich dafür starkzumachen.

SPIEGEL ONLINE: Viele ihrer Kollegen sind in den vergangenen Jahren bei vorsätzlichen Angriffen auf Krankenhäuser getötet worden. Trotzdem haben die Vereinten Nationen die Koordinaten der Krankenhäuser in Idlib an die Regierungen Russlands und Syriens übermittelt. Halten Sie das für richtig?

Tarakji: Ehrlich gesagt war das sogar unsere Idee. Syrische und russische Drohnen haben Rettungswagen aus der Luft verfolgt. So haben sie herausgefunden, wo sich unsere Krankenhäuser befinden und haben sie dann angegriffen. Also waren unsere Krankenhäuser für sie eh kein Geheimnis mehr. Wir wollten, dass Russland Verantwortung übernimmt und keine Entschuldigung mehr für die Angriffe hat. Seit wir die Koordinaten öffentlich gemacht haben, sind sechs Krankenhäuser bombardiert worden. Leider hat es darauf kein starke Reaktion der Uno gegeben. Wir fordern eine Verurteilung durch den Sicherheitsrat.

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mittelspurfahrer 15.10.2018
1. In dem Artikel
wird nur von den Bewohnern von Idlib berichtet, die durch die Feuerpause durchatmen können. Wie schaut es aber vor Ort wirklich aus? In und um Idlib haben sich sehr viele radikale Islamiste, besser bekannt unter den Namen "moderate Rebellen", aus den schon befreiten Gebieten Syriens zurückgezogen. Aus Berichten von Bewohnern von Ost-Aleppo und Ost-Ghouta wissen wir, dass das dortige Leben kein Zuckerschlecken war. Schuld daran waren nicht nur die Bombardierung dieser Gebiete durch Russland, sondern die Geiselhaft durch die "moderaten Rebellen". Die "Rebellen" benutzten die Bewohner als lebende Schutzschilder. Auch wurde die Scharia rigoros dort umgesetzt. Wie froh die Bewohner die Befreiung durch Assad und Russland gefeiert haben kann man im Netz nachlesen und anschauen. Da ja für Herrn Sydow die radikalen Islamisten alles liebe Buben sind (aus seiner Feder habe ich bisher noch nichts negatives über diese Gruppierung gelesen) frage ich mich, warum Herr Sydow mal nicht nach Idlib fliegt um uns mit realen Journalismus zu bedienen. Jürgen Todenhöfer war auch schon mal für ein Jahr im IS-Kalifat und hat davon berichtet.
bran_winterfell 15.10.2018
2. @1 naja...
Also ich lese im Netz eher von ständigen Demonstrationen gegen das Added-Regime in den Städten der Provinz Idlib... Woanders in Syrien wären solche Demonstrationen nicht besonders ratsam, vermute ich. Da sehnen sich nicht sonderlich viele danach, zurück unter die Knute des "geliebten' Herrschers zu kommen
PeaceNow 15.10.2018
3. Sehr interessant
das diese Organisation NUR in der letzten Terroristenenklave in und um Idlib aktiv ist und NIRGENDS sonst in Syrien. Sitz dieser Organisation den USA, ok, dann ist alles klar. Und die Hoffnung auf Frieden und Fortsetzung des Waffenstillstand in Idlib begraben aktuell leider wieder einmal die Terroristen, denn die größte Terrorgruppe HTS weigert sich bis heute abzuziehen und die Frist ist nun abgelaufen. Die Finanziers von HTS vom Golf und aus Saudiarabien wollen ihre nützlichen Idioten offenbar bis zum Ende ausnutzen. Der SAA und ihren Verbündeten bleibt daher wieder mal nichts anderes übrig als die Terroristen zu bekämpfen. Dabei werden wieder viele Zivilisten sterben welche von den Terroristen als Schutzschilde missbraucht werden. Und wieder werden dann die Westmedien Assad und Russland beschuldigten und verurteilen.
mittelspurfahrer 15.10.2018
4. @2
In Idlib konkurrieren mittlerweile bis zu 40 Terrorgruppen, die insgesamt ungefähr 50.000 Menschen zählen. Das diese Gruppen in der Lage sind "Demonstrationen" gegen die Regierung Assad auf die Beine zu stellen ist nicht schwer. Ich lesen aber auch, dass die Auseinandersetzung zwischen den einzelnen Gruppierungen in letzter Zeit zugenommen haben. Ich will nicht bestreiten, dass Assad nicht der perfekte Präsident ist, aber er ist immer noch besser wie die Kopfabschneider der "moderaten Rebellen". Was aus Syrien geworden wäre, wenn es die "Rebellen" mit Unterstützung der USA, GB, FRA und Israel geschafft hätten Assad zu beseitigen, kann man sehr gut in Libyen verfolgen. Chaos pur und jetzt fragen Sie mich bitte nicht wehr für dieses Chaos verantwortlich ist.
hdwinkel 15.10.2018
5. Untersuchungen
Es hat auch schon andere Untersuchungen in Idlib gegeben, z.B. verweist Herr Pany auf unabhängigere in Telepolis : https://www.heise.de/tp/features/Syrien-Bevoelkerung-angewidert-von-Milizen-4108331.html Dort hört sich das dann etwas anders an: "Weite Teile der Millionen, die in Gebieten unter der Kontrolle der Rebellen leben, sind von der syrischen Revolution desillusioniert, angewidert von den Rebellen-Gruppen und frustriert von der Regierung und Verwaltung der lokalen Opposition und den NGOs in ihren Regionen." ( Elizabeth Tsurkov) Von Herrn Sydow kommen leider überhaupt keine Details über die hunderte Milizen mit zehntausenden islamistischen Kämpfern, von denen jede einzelne in Deutschland verboten wäre. Aber für Syrien sind die offensichtlich in Ordnung.
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