Drohender Militärschlag gegen Syrien Irans Mullahs rüsten rhetorisch ab

Iran gilt als wichtigster Verbündeter von Baschar al-Assad. Vor einem möglichen US-Angriff auf das syrische Regime hört man nun plötzlich neue Töne aus Teheran: Die Mullahs wollen sich offenbar nicht in den Konflikt hineinziehen lassen.

Ajatollah Chamenei: Beten, dass Gott die Region vor den "Zionisten beschützt"
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Ajatollah Chamenei: Beten, dass Gott die Region vor den "Zionisten beschützt"

Von Mohammad Reza Kazemi


"Iran wird Syrien verteidigen, weil das Land Teil der Achse des Widerstands gegen das zionistische Regime ist", tönte Ajatollah Ali Chamenei, Irans religiöser Führer, im März 2012. Syrien genieße "Irans volle Unterstützung, damit es Verschwörungen der Hegemonialmächte Widerstand leisten kann", versprach Said Dschalili, Sekretär des iranischen Sicherheitsrats im Februar bei einem Besuch in Damaskus. Und im März ließ Generalstabschef Hassan Firusabadi verlauten, dass die Islamische Republik ihren Partner Syrien "mit aller Kraft" beschützen werde.

Das ist Vergangenheit.

Nach dem mutmaßlichen Einsatz von Chemiewaffen durch das Assad-Regime rüsten sich die USA zu einem Militärschlag gegen Syrien - und plötzlich ändert sich der Ton in Teheran. Die iranischen Machthaber scheinen ihren langjährigen Verbündeten nun im Falle eines Angriffs nicht mehr massiv unterstützen zu wollen.

Chamenei, zugleich oberster Befehlshaber der iranischen Streitkräfte, sagte vergangene Woche zwar bei einem Treffen mit den neuen Kabinettsmitgliedern, ein Militärschlag gegen Syrien sei "eine Katastrophe für die Region". Und prophezeite: "Die Amerikaner werden dadurch bestimmt Verluste erleiden, und der Hass der Nationen auf sie wird noch mehr zunehmen." Aber von Drohungen gegen die USA oder bedingungsloser Unterstützung für das syrische Regime war nicht mehr die Rede. Stattdessen "bete" er, dass Gott die Region vor "dem Übel der USA, der Zionisten und anderer Böswilligen schützt".

Zwar warnen iranische Militärs, etwa Mohammed Ali Dschafari, Chef der iranischen Revolutionsgarden, dass ein Schlag gegen Syrien den Krieg über die syrischen Grenzen hinaus ausweiten und auch Israel einbeziehen könnte. Von einer direkten iranischen Einmischung ist aber nicht mehr die Rede. "Im Falle eines Angriffs auf Syrien werden die Basidsch-Milizen nicht gebraucht, weil der Widerstand der Syrer reichen wird", sagt Mohammad Reza Naghdi, der Kommandant der Basidsch-Milizen. Da relativieren sich selbst abweichende Stimmen wie jene von Ghasem Sulaimani, Kommandeur der Kuds-Brigaden, einer Spezialeinheit der iranischen Revolutionswächter. Dieser soll laut "Wall Street Journal" schiitischen Milizionären im Irak befohlen haben, im Falle einer amerikanischen Militärintervention in Syrien Anschläge auf US-Einrichtungen im Irak zu verüben.

Teheran bereitet sich auf den Abschied von Assad vor

Ein weiteres Indiz dafür, dass Iran bei einem Syrien-Krieg keine aktive oder zumindet erkennbare Rolle spielen will, liefert das Verhalten von Aladdin Borudscherdi, dem Vorsitzenden des Sicherheitsausschusses im iranischen Parlament. Am Dienstag gab dieser eine Pressekonferenz in Damaskus. Die syrischen Journalisten wollten von ihm genau wissen, wie Iran im Falle eines Angriffs auf Syrien reagieren und ob Teheran amerikanische Militärstützpunkte und Schiffe in der Region attackieren werde. Borudscherdi ging jedoch auf keine dieser Fragen ein, wich ihnen geschickt aus.

Iran hat bisher Assad nicht nur politisch und finanziell unterstützt, sondern auch militärisch. Aber bis dato ging es nur um die Bekämpfung der Rebellen. Wenn sich nun die Supermacht USA in den Konflikt einmischen will, scheint Iran es vorzuziehen sich zurückzuhalten. Aus gutem Grund: Iran befindet sich in Folge internationaler Sanktionen in einer tiefen wirtschaftlichen Krise. Der neu gewählte, moderate Präsident Hassan Rohani hat versprochen, diese Krise so schnell wie möglich in den Griff zu bekommen. Das ist aber nur durch eine Entspannungspolitik gegenüber dem Westen und vor allem den USA möglich.

Zudem drohen die Amerikaner und die Israelis seit längerer Zeit, einen Militärschlag gegen die nuklearen Einrichtungen Irans durchzuführen, falls Teheran sein Atomprogramm nicht stoppt. Die iranischen Machthaber fürchten: Falls sie sich an Militäraktionen gegen die USA oder Israel beteiligen, könnte das Washington und Jerusalem erst recht den Vorwand liefern, ihre Drohungen wahrzumachen.

So bereitet sich Teheran auf einen Abschied von Assad vor, und in diesem Sinne sind nun immer mehr kritische Stimmen gegen Assad zu hören. In einer Rede am Donnerstag vergangener Woche beschuldigte Ex-Präsident Haschemi Rafsandschani das syrische Regime, Chemiewaffen eingesetzt zu haben. Einer Regierung, die ihre Bevölkerung mit chemischen Waffen bombardiere, würden "harsche Konsequenzen" drohen, prophezeite er - genau wie dem irakischen Diktator Saddam Hussein, "der ein schreckliches Schicksal erlebte".

Dieses harsche Statement läuft wiederum den Bemühungen der neu gewählten iranischen Regierung zuwider, die durch diplomatische Bemühungen versucht, in letzter Minute einen Krieg gegen Syrien zu verhindern. Daher dementierte das iranische Außenministerium Rafsandschanis Aussagen. Doch der Ex-Präsident äußerte sich zwei Tage später noch mal ganz ähnlich - und forderte wiederum die Funktionäre des Landes auf, sich mit "radikalen" Äußerungen zurückzuhalten.

Misstrauen gegenüber den wahren Absichten Washingtons

Was Rafsandschani damit meinte, bringt Mohammad Ali Sobhani, ehemaliger Botschafter Irans in Beirut, in einem Kommentar für die reformorientierte Tageszeitung "Bahar" auf den Punkt: Iran solle seine Interessen nicht mit denen von Assad verknüpfen, sondern verhindern, dass das Land in einen Krieg hineingezogen wird.

Die Kommentare iranischer Internetnutzer in sozialen Netzwerken zeigen, dass Sobhani vielen Iranern aus dem Herzen spricht. Viele Internetnutzer kritisieren ihre Regierung für die Unterstützung Assads und werfen ihr Mitschuld an Assads Taten vor. "Wegen der Unfähigkeit unserer Staatsmänner und in Folge der Sanktionen haben wir genug Kosten getragen", schreibt ein iranischer User auf seiner Facebook-Seite an Außenminister Dschawad Sarif gerichtet. "Lasten Sie uns nun bitte nicht auch noch einen Krieg auf."

Gleichzeitig wittern viele Iraner hinter der US-Politik gegen Syrien eine versteckte Agenda. "Die USA würden sogar auf dem Mars für den Schutz der Menschenrechte intervenieren, wenn es dort Öl gäbe", schreibt ein Internetnutzer. Ein entscheidender Grund für dieses Misstrauen ist die Tatsache, dass die USA nichts gegen Saddam Hussein unternahmen, als dieser im Jahr 1988 Giftgas gegen Iran einsetzte. Im Gegenteil: Washington unterstützte den irakischen Diktator sogar, wie ein vor kurzem veröffentlichter Bericht von "Foreign Policy" zeigt, der auf jüngst freigegebenen CIA-Dokumenten beruht.


Mohammad Reza Kazemi schreibt regelmäßig für SPIEGEL ONLINE über Iran und betreibt den Blog www.Kazeminotes.com

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insgesamt 85 Beiträge
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uterallindenbaum 07.09.2013
1. Weiser Schachzug
Denn der Syrienkrieg wird hauptsächlich geführt um die Iraner anzupissen. Das beste szenario wäre das die Iraner mitmachen. So können die Anis in der ganzen Region rrinen Tisch machen. Viel weiser wäre es die Amerikaner im Rücken zu erstechen. Sie in dem glauben lassen "wir machen nicht mit" und dann einen angriff mit Luft und Bodentruppen direktvauf amerikanischen Boden uu führen. Ein Bündniss zwischen zwölf Nationen wäre vorstellbahr.
Atheist_Crusader 07.09.2013
2.
Zitat von sysopAFPIran gilt als wichtigster Verbündeter von Baschar al-Assad. Vor einem möglichen US-Angriff auf das syrische Regime hört man nun plötzlich neue Töne aus Teheran: Die Mullahs wollen sich offenbar nicht in den Konflikt hineinziehen lassen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-krieg-irans-machthaber-schalten-um-auf-pragmatismus-a-920898.html
Mag sein. Ich frage mich nur, wann es wirklich mal genug ist, um einen Unterschied zu machen. Ich meine, was genau hat sich in den letzten Jahren geändert? Wer sie vorher gehasst hat, hasst sie eben mehr, aber wer sie vorher als Verbündete oder "Freunde" gesehen hat, der hat daran auch nichts geändert.
Izmi 07.09.2013
3. Klugheit
Man kann die Politik des Iran im Syrien-Krieg als ein Kneifen vor der eigenen Rhetorik oder vor den Bündnisverpflichtungen Assad gegenüber sehen - aber ist das Verhalten denn nicht einfach klug? Der Artikel vermeidet es leider, etwas stärker auf die Richtigkeit der Teheraner Positionen einzugehen und transportiert statt dessen unterschwellige Häme gegen den Iran. Aber es zeigt sich doch, dass Klugheit und auch Flexibilität in diesem ganzen Konfliktbereich Nahost mehr leisten kann, als alle Gewalt - Andohung wie auch Ausführung.
kampftier 07.09.2013
4. Jawoll .....Daumen hoch ...
Zitat von sysopAFPIran gilt als wichtigster Verbündeter von Baschar al-Assad. Vor einem möglichen US-Angriff auf das syrische Regime hört man nun plötzlich neue Töne aus Teheran: Die Mullahs wollen sich offenbar nicht in den Konflikt hineinziehen lassen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-krieg-irans-machthaber-schalten-um-auf-pragmatismus-a-920898.html
Eine super Endscheidung von den Mullahs ... -Daumen hoch -
Neapolitaner 07.09.2013
5. Clever
Zitat von sysopAFPIran gilt als wichtigster Verbündeter von Baschar al-Assad. Vor einem möglichen US-Angriff auf das syrische Regime hört man nun plötzlich neue Töne aus Teheran: Die Mullahs wollen sich offenbar nicht in den Konflikt hineinziehen lassen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-krieg-irans-machthaber-schalten-um-auf-pragmatismus-a-920898.html
Indem der Iran bereits jetzt von Assad abrückt, nimmt er eine strategische Rochade vor. Assad ist nämlich nur der (bisherige) kleinste gemeinsame Nenner Russlands mit dem Westen - und zugleich bisher integrierende Figur im Vielreligionsstaat Syrien. Damit könnte es nun bald vorbei sein. Die Aussage, dass die "Syrische Armee alleine in der Lage ist, den Angriff zu parieren" ist zugleich der Lackmustest, dessen Nichtbestehen die Begründung für eine spätere schiitische Intervention in Syrien liefern wird.
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