Syrienkrieg Russlands verheimlichte Tote

Russland feiert seinen Einsatz gegen den IS - und zeichnet das Bild eines sauberen Krieges in Syrien. Offiziell wurden dort einige Dutzend Soldaten getötet. Doch womöglich waren es viel mehr.

AFP

Von , Moskau


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Aleksandr Naruschew sucht nach Worten. Der Priester, ein kleiner Mann mit langem braunen Bart, überlegt lange, bis er antwortet. Heikel ist das Thema. Es geht um Konstantin Sadoroschnyj, Kampfname "Moskal".

Der junge Mann sei oft zu ihm in die vor zwei Jahren erbaute Kirche des Heiligen Hiob gekommen, die an einer mehrspurigen Straße im Westen Moskaus liegt - bei jedem seiner Heimaturlaube, zuletzt im Januar. Damals nahm Naruschew dem 22-Jährigen die Beichte ab. "Er war mehr als ein Bekannter für mich, ich war sein geistlicher Vater", sagt er. Sadoroschnyj wuchs bei seiner Mutter auf, einer gläubigen Frau, wie der Priester sagt. Sie war es, die ihn anrief: "Konstantin ist tot."

Hiob-Kirche in Moskau
SPIEGEL ONLINE

Hiob-Kirche in Moskau

Am 14. Februar 2017 hielt Naruschew für Sadoroschnyj die Totenmesse ab, nur wenige versammelten sich um den Zinksarg. Priester Naruschew postete später im russischen Facebook VKontakte in Erinnerung an Sadoroschnyj ein Lied:

"Wir zerdrücken die IS-Kämpfer mit Dschihad-Autos in ihren Schützengräbern. Wir fielen unter dem Feuer der Granatwerfer - trotzdem haben wir Palymra einnehmen können … ... Es ist nicht einfach, und nicht jeder wird zurückkommen, aber wir schreiten vorwärts."

Das Lied ist beliebt in "Wagners privater Sicherheitsfirma", einer Privatarmee, benannt nach ihrem Chef Dmitrij Utkin, einem Ex-Oberstleutnant des russischen Militärs, Kampfname "Wagner".

Sadoroschnyj, das zeigen Einträge in sozialen Netzwerken, war einer der Kämpfer der "Wagner"-Truppe - einer Armee, die es offiziell nicht gibt. Er war in Syrien im Einsatz - und schaffte es nicht mehr heil zurück in die Heimat. Wie mindestens 100 bis 200 seiner Kampfgefährten, schätzt Ruslan Lewijew von der Aktivisten-Gruppe Conflict Intelligence Team. Er beruft sich auf öffentlich zugängliche Quellen im Internet und auf Aussagen von Kameraden der "Wagner"-Kämpfer, die namentlich bekannt sind, und Familienangehörigen. Viele lehnen es ab, öffentlich zu sprechen, wenn sie Geheimhaltungsklauseln unterschreiben, erhalten sie im Gegenzug Tausende von Euro Entschädigung. Sadoroschnyj und seine Kameraden tauchen in keiner Statistik auf.

Eine offizielle und eine inoffizielle Armee

Seit Russland Ende September 2015 in den Syrienkonflikt eingriff, versuchen die russische Staatsmacht und Staatsmedien das Bild eines "sauberen Krieges" mit wenigen gefallenen Soldaten zu zeichnen. Zu tief sitzt das Trauma des Afghanistan-Krieges in den Achtzigerjahren, als die Russen zusehen mussten, wie Tausende Särge mit russischen Soldaten in die Heimat zurückkamen.

Das Verteidigungsministerium hat bisher lediglich den Tod von 41 Soldaten bestätigt. Verlässliche Zahlen gibt es nicht, da die Armee diese als Staatsgeheimnis betrachtet.

Russische Stützpunkte in Syrien
SPIEGEL ONLINE

Russische Stützpunkte in Syrien

Bis heute gibt es auch keine Angaben darüber, wie viele Soldaten Russland überhaupt nach Syrien schickte. 4400 bis 7000 Mann wurden genannt, die auf dem Marinestützpunkt Tartus und der Basis Hmeimim gedient haben sollen.

Präsident Wladimir Putin hatte am Montag bei seinem Besuch auf der Luftwaffenbasis Hmeimim in der syrischen Provinz Latakia den Abzug eines "großen Teils" des russischen Militärs verkündet. "Die Heimat erwartet Sie, Freunde", rief er den Militärs zu. "Sie kehren als Sieger zurück." Wie viele Soldaten jedoch tatsächlich nach Hause kommen, ist ebenfalls unklar. Mal heißt es in den Medien 30 bis 50 Prozent des Militärs ("Wedomosti"), mal zwei Drittel des Armee-Kontingents und der Militärtechnik ("RBK"). Russland wird auch weiterhin in Syrien bleiben müssen, ohne diese Unterstützung wird sich Machthaber Baschar al-Assad nicht halten können.

Putin inszeniert sich jedoch als Friedensstifter, im März stehen Präsidentschaftswahlen an. Dabei bombardierte das russische Militär im Kampf gegen Assads Gegner auch Wohngegenden etwa in Aleppo. Hunderte Zivilisten starben - das rücksichtslose Vorgehen wurde immer wieder international kritisiert, auch von der Bundesregierung.

Wladimir Putin in Syrien
AP/ Sputnik/ Kremlin

Wladimir Putin in Syrien

Das russische Staatsfernsehen zeigte Bilder von Soldaten, die in Iwanowo im Nordosten Moskaus und Machatschkala in Dagestan landeten. Sie wurden mit Orden und Musik empfangen. Der Syrien-Einsatz wird in Russland als großer Sieg gefeiert: Wir haben die Terrororganisation "Islamischer Staat", kurz IS, besiegt, lautet die Botschaft. Mit "Aufgabe brillant erfüllt" überschreibt die Kreml-nahe Zeitung "Iswestija" ihren Artikel zum Syrien-Einsatz, das Regierungsblatt "Rossija Gaseta" titelt "Nach Hause - mit Sieg".

An vorderster Front

Die "Wagner"-Söldner werden nicht erwähnt. Dabei kämpften diese Männer meist an vorderster Front in Syrien, etwa in Palmyra, erst dann seien Assads Truppen gekommen, erzählt Aktivist Lewijew. "Sie mussten als Erstes reingehen, Positionen erobern und halten." Hochriskant sei das gewesen.

Erstmals hatten regierungskritische russische Medien über die Söldner vor mehr als zwei Jahren berichtet. Diese kämpften damals im Donbass. Auch Sadoroschnyj sei vorher in der Ostukraine im Einsatz gewesen, berichtet Priester Naruschew. Etwa 1200 Euro bis 2000 Euro im Monat bekommen die Kämpfer, sagt Lewijew, je nach Erfahrung, plus hohe Prämien bei Kampferfolgen. Bevor sie in den Einsatz geschickt wurden, seien sie im südrussischen Krasnodar auf einer Basis trainiert worden.

In Syrien seien 500 bis 1000 "Wagner"-Soldaten gleichzeitig im Einsatz gewesen, so Lewijew. Sie seien im Rotationssystem eingesetzt worden, nach zwei, drei Monaten kurz in den Heimaturlaub geschickt worden. Die Petersburger Onlineseite Fontanka, die mehrmals über die "Wagner"-Armee berichtete, spricht von rund 3000 Söldnern, die in Syrien kämpften. Finanziert wird die Truppe offenbar vom Oligarchen Jewgenij Prigoschin, der "Putins Koch" genannt wird, weil er Putin und seine Staatsgäste in seinen Restaurants bediente. Prigoschins Firma Ewro Polis soll laut Fontanka Öl- und Gasförderrechte von einer staatlichen syrischen Ölfirma erhalten haben. Erobern und vor IS-Kämpfern schützen sollten die Öl- und Gasvorkommen die "Wagner"-Truppe. Offiziell kommentieren will das niemand, dabei veröffentlichte die Nachrichtenagentur AP nun auch Vertragsdokumente.

Bis heute wird die Existenz der russischen Privatarmee bestritten. Nach dem russischen Gesetz ist der Einsatz von Söldnern im Ausland verboten. Angesprochen auf die Kämpfer wies der Kreml-Sprecher bereits mehrmals jegliche Verbindung mit dem Verteidigungsministerium zurück.

Orden im Kreml

Dmitrij Utkin (r.), Kampfname "Wagner", mit Putin und anderen Kämpfern

Dmitrij Utkin (r.), Kampfname "Wagner", mit Putin und anderen Kämpfern

Im Internet kursiert allerdings ein Foto, das den Kommandeur der "Wagner"-Gruppe, Utkin, im Kreml zeigen soll. Aufgenommen wurde das Bild demnach am 9. Dezember 2016, am "Tag der Helden des Vaterlandes", als Putin Soldaten Orden verlieh.

Was Sadoroschnyj in Syrien genau gemacht hat, will Priester Naruschew nicht sagen, "Beichtgeheimnis", sagt er. "Er hat dort etwas bewacht, was und wo genau, weiß ich nicht." Es sei schwer für ihn dort gewesen. Seine Mutter will nicht über ihren Sohn sprechen. Der Junge habe nichts Illegales gemacht, betont der Geistliche gleich mehrmals. Privatarmeen gebe es auch woanders, etwa in den USA. "Konstantin hat für sein Land, für Russland, gekämpft. Daran ist doch nichts Falsches."


Zusammengefasst: Der Syrien-Einsatz wird in Russland als großer Sieg gefeiert. Offiziell wurden dort nur 41 russische Soldaten bei der Operation seit Ende September 2015 getötet. Doch es sind wohl weitaus mehr Gefallene: In Syrien ist auch "Wagners private Sicherheitsfirma", eine Privatarmee, im Einsatz. Die Söldner kämpften an vorderster Front. Bis zu 1000 Mann sollen gleichzeitig im Einsatz gewesen sein. Die Truppe soll von einem Putin nahen Oligarchen unterhalten werden.

Mitarbeit: Tatiana Sutkovaya

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