Syrien Türkei will aktiver im Krieg mitmischen

Die Türkei reagiert auf das Erstarken kurdischer Milizen in Syrien. Ankara lobt indirekt die jüngsten Angriffe der Assad-Armee auf deren Stellungen und kündigt eine aktivere Rolle im Bürgerkrieg an.

Türkische Panzer an syrischer Grenze
REUTERS

Türkische Panzer an syrischer Grenze


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Der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim hat für die kommenden sechs Monate ein "aktiveres" Vorgehen seines Landes in Syrien angekündigt, um das "Blutbad" in dem Bürgerkriegsland zu beenden. Es sei für die Türkei entscheidend, zu verhindern, dass Syrien entlang ethnischer Linien zerfalle, sagte Yildirim. Die Türkei wolle stärker als regionale Macht agieren.

Um zu einem politischen Übergang zu kommen, müsse auch mit dem syrischen Machthaber Baschar al-Assad gesprochen werden, der, "ob wir es wollen oder nicht", ein "Akteur" des Konflikts ist, sagte Yildirim vor Journalisten in Istanbul. Zugleich schloss er für die Türkei Gespräche mit Assad aus. Außerdem habe Assad keinen Platz in der Zukunft Syriens.

Die islamisch-konservative Regierung in Ankara dringt seit Beginn des Konflikts in Syrien auf den Sturz des Staatschefs und unterstützt eine Reihe von Rebellengruppen mit Geld und Waffen, darunter auch radikale Islamisten. Da aber auch nach mehr als fünf Jahren Bürgerkrieg ein Sieg der Rebellen nicht absehbar ist, deutete sich zuletzt an, dass die Türkei eine vorübergehende Rolle Assads in der Politik akzeptieren könnte.

Washington spricht von "sehr unüblichem Einsatz"

Wer welche Kriegspartei in Syrien unterstützt, ist höchst kompliziert. Für die Regierung in Ankara sind neben der syrischen Regierung die Kurden der zweite Hauptfeind in dem Nachbarland. In Ankara fürchtet man, dass ein Erstarken der kurdischen Kräfte in Syrien auch den kurdischen Aufstand und Autonomiebestrebungen in der Türkei selbst befeuert. Die syrische Regierung habe nun auch verstanden, dass die Kurden eine Bedrohung seien, sagte Yildirim. Er bezog sich mit dieser Äußerung auf die Luftangriffe syrischer Kampfflugzeuge auf Stellungen der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG), die die syrische Schwesterorganisation der türkischen PKK ist, in der nordsyrischen Stadt Hasaka.

Es handele sich "um eine neue Situation", sagte der türkische Ministerpräsident. Die Kurden haben im Norden Syriens drei autonome Gebiete ausgerufen und versuchen nun, eine Verbindung zwischen ihnen herzustellen.

Hasaka ist geteilt in Zonen unter Kontrolle der Kurden und in Machtzonen der syrischen Regierung. Die Kämpfe in der vergangenen Woche waren die gewaltsamsten zwischen den beiden Konfliktparteien seit Beginn des Kriegs in Syrien.

Die Angriffe der Assad-Truppen auf die kurdischen Kämpfer wiederum sorgen für heftige Reaktionen in Washington. Denn die kurdischen YPG-Milizen sind wichtiger Teil der von den USA unterstützten Demokratischen Kräfte Syriens (SDF). Kampfflugzeuge der US-geführten Koalition in Syrien seien am vergangenen Donnerstag zu einem "sehr unüblichen" Einsatz aufgestiegen, um die Angriffe syrischer Bomber über dem Gebiet der Stadt Hasaka zu beenden, teilte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, Jeff Davis, mit. In der von kurdischen Milizen gehaltenen Region seien US-Spezialeinheiten im Einsatz. "Das ist ein sehr unüblicher Vorfall, wir haben bislang keine Luftangriffe auf die YPG registriert", sagte Davis. Es seien regelmäßige Patrouillenflüge angeordnet worden, um die Bodentruppen vor weiteren Luftangriffen zu schützen.

USA: "Das syrische Regime ist deutlich gewarnt worden"

Die syrischen Kampfflugzeuge hätten auf Funksprüche der Bodentruppen nicht reagiert, sagte Davis. Als dann die Jets der US-geführten Koalition eintrafen, seien die beiden Bomber vom Typ Su-24 schon im Abflug gewesen. Bei einem weiteren Zwischenfall am Freitag hätten zwei syrische Kampfflugzeuge versucht, in den Luftraum über Hasaka einzudringen. Sie seien aber von Koalitionsjagdflugzeugen vom Typ F-22 abgedrängt worden, die sich den syrischen Maschinen bis auf 1,6 Kilometer Entfernung angenähert hätten.

Die mit Assad verbündeten Russen hätten klargestellt, dass die Luftangriffe nicht von ihnen ausgegangen seien, sagte Davis. Sie seien gebeten worden, dem syrischen Militär auszurichten, dass die US-Luftwaffe US-Soldaten vor Luftangriffen schützen werde. "Das syrische Regime ist deutlich davor gewarnt worden, Kräfte der Koalition oder ihrer Partner anzuvisieren", sagte Davis.

Trotz der Warnung der US-Streitkräfte sind syrische Kampfflugzeuge aber offenbar erneut Einsätze gegen kurdische Stellungen in Hasaka geflogen. Die Flugzeuge der syrischen Luftwaffe seien bis in die frühen Morgenstunden über der Stadt zu hören gewesen, wie die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte.


Zusammengefasst: Die Türkei will eine aktivere Rolle im Syrienkonflikt spielen. Schon bislang unterstützt Ankara eine Reihe von Assad-Gegnern mit Geld und Waffen. Den Machtzuwachs kurdischer Milizen in Syrien allerdings - ebenfalls Gegner von Assad - betrachtet die türkische Regierung mit großer Sorge. Ministerpräsident Yildirim warnt vor einem Zerfall Syriens entlang ethnischer Trennlinien.

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anr/Reuters/AFP

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