Manbidsch in Syrien Stadt vor dem nächsten Sturm

In Manbidsch zeigt sich der ganze Wahnsinn des Syrienkriegs: Um die Stadt streiten Türken und Kurden, beide kooperieren mit den USA. Leiden müssen die Bewohner - sie fürchten die nächste Schlacht.

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"Wir haben Angst vor dem, was kommen mag", sagt ein Einwohner der Stadt Manbidsch, Angehöriger der arabisch-sunnitischen Mehrheit: "Wir haben doch schon genug durchgemacht."

Was der Stadt in Nordsyrien nun bevorsteht, ist ein ebenso absurdes wie folgerichtiges Ergebnis der Politik fast aller Mächte im Syrienkrieg, nur ihre beschränkten Einzelinteressen zu verfolgen - ohne einen Plan für das ganze Land zu haben oder sich um die Interessen der jeweiligen Lokalbevölkerung zu scheren.

Der Konflikt in Manbidsch ist dem großen Krieg in Syrien entwachsen und läuft nach seinem eigenen Muster ab. Die Verhandlungen in Genf zwischen Russland und den USA, die Einigung über eine Waffenruhe in Syrien - all das hat auf die Situation hier längst keinen Einfluss mehr.

In Manbidsch befestigen kurdische Milizionäre und einige Ausländer, deren Herkunft unklar ist, Gefechtsstellungen. Wenige Kilometer vor der Stadt stehen seit Tagen türkische Panzer und syrische Rebellen aus der Umgebung. Auf Druck der USA, die mit beiden Parteien verbündet sind, rollen sie vorläufig noch nicht.

Aber es ist eine Ruhe vor dem Sturm.

Einem Sturm des Krieges zweier zutiefst verfeindeter Truppen, die beide unter dem Vorsatz, den IS bekämpfen zu wollen, ganz andere Ziele verfolgen - und die beide mit der Stadt, in der sie ihre Gefechte austragen wollen, eigentlich wenig zu tun haben.

Seit zwei Jahren kämpfen die Milizionäre der kurdischen Kaderpartei PKK, die mit einer verwirrenden Zahl von Ablegern wie der YPG, YPJ und SDF (mit einer kleinen Zahl arabischer Kämpfer) in Syrien Vielfalt suggeriert, mit Verve gegen den IS. Die Sympathien der Welt waren ihnen sicher, als sie gegen die 2014 noch übermächtigen Dschihadisten die Kurdenstadt Kobane verteidigten. Unter den Augen der türkischen Armee auf der anderen Seite der Grenze, die keinen Finger rührte. Ankara ließ stattdessen jahrelang den IS fast unbehelligt in der Türkei und an ihrer Grenze gewähren.

Die USA entdeckten in den Kurden Verbündete nach ihrem Geschmack: keine Islamisten, sondern brennende Nationalisten, in deren Reihen auch Frauen Waffen tragen und die gar nicht gegen die Assad-Diktatur, sondern nur gegen den IS zu Felde ziehen wollten. Das ging gut, solange sie ihre eigenen, kurdischen Ortschaften freikämpften. Doch in Nordsyrien siedeln die Kurden seit Ewigkeiten vor allem in den drei weit auseinanderliegenden Bezirken Afrin, Kobane, Qamischli, zwischen denen arabische Städte und Dörfer liegen.

Aus drei räumlich isolierten "Kantonen" aber ließe sich nur schwerlich der Staat "Rojava", West-Kurdistan, formen, den die PKK/YPG aus Nordsyrien herauslösen will. Also müssen die Gebiete dazwischen eingenommen werden.

In Tall Rifaat vertrieben die Kurden nicht den IS, sondern die Bewohner

Und damit begannen die Probleme: Schon im Februar 2016 eroberten die kurdischen Truppen die Kleinstadt Tall Rifaat nördlich von Aleppo. Allerdings vertrieben sie hier nicht den IS, der gar nicht da war, sondern die Bewohner, die seit Anfang 2014 alle Attacken des IS zurückgeschlagen hatten. Unterstützt wurde die kurdische Offensive von russischen Luftangriffen, was das bis dato halbwegs entspannte Verhältnis zu den Rebellen ruinierte, ebenso wie die anschließende Plünderung Tall Rifaats durch die neuen Besatzer.

Als Anfang August die SDF - vor allem dank massiver amerikanischer Luftunterstützung - Manbidsch vom IS befreien konnte, war, so die amerikanische Version, eigentlich verabredet, dass die Kurden sich anschließend wieder aus der arabischen Stadt zurückziehen. Sie sollten nach Süden weiterziehen, die IS-Metropole Rakka befreien.

Im Video: Syrer in Manbidsch feiern Befreiung vom IS

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Aber so, wie die USA die Kurdenpartei benutzen wollten, benutzte diese die USA. Und tat exakt das Gegenteil, marschierte gen Norden auf Jarablus zu, die nächste arabische Stadt, die vom IS besetzt war. Was folgte, waren der Einmarsch der türkischen Armee in Syrien, die Flucht des IS aus Jarablus und Verwirrung in Washington: Vizepräsident Joe Biden versicherte der Türkei amerikanische Unterstützung. Brett McGurk, US-Sonderbeauftragter für die internationale Anti-IS-Allianz, pries die Kurden.

Erst kurz vor dem direkten Zusammenstoß der beiden US-Verbündeten kamen nach Warnungen erst des Pentagon, dann des Weißen Hauses türkische und kurdische Truppen zum Stehen. Aus Washington kam vor über einer Woche die Entwarnung, die kurdischen YPG-Einheiten hätten sich bereits wieder an den Euphrat östlich von Manbidsch zurückgezogen.

Internetcafés geschlossen, neue Lehrer eingestellt

Doch dem ist nicht so. Mehrere Zeugen in der Stadt geben an, dass ortsfremde kurdische Einheiten ihre Stellungen ausbauen, ebenso hat der berüchtigte Partei-Geheimdienst "Assaish" sich dort eingerichtet. Auf einer Pressekonferenz versicherte YPG-Sprecher Redur Khalil am Dienstag, seine Partei habe nach der Befreiung von Manbidsch die Macht an den "Militärrat" der Stadt übergeben. Allerdings verschwieg er, dass die YPG diesen Rat aus handverlesenen Mitgliedern selbst mitgebracht hatte, während sie den gewählten Vertretern der Stadt die Rückkehr verweigert. "Sie besetzen einfach die Häuser von Rebellen oder Ratsleuten", so ein Bewohner, der aus Angst seinen Namen nicht nennen mag, "oder sie schmeißen die Bewohner raus, um dort ihre Kämpfer unterzubringen."

Drei Internetcafés, die nach der Vertreibung des IS aufgemacht hatten, seien bereits wieder geschlossen worden. An den Schulen sollen in den kommenden Wochen vor allem neue kurdische Lehrer anfangen. Junge Männer und Frauen aus der kleinen kurdischen Minderheit von Manbidsch, die sich nicht der Kurden-Miliz anschlössen, würden bedroht, ihre Familien müssten sonst 1000 Dollar zahlen.

Man sei ja froh, so ein anderer Einwohner, dass die kurdischen Kämpfer den IS vertrieben hätten, sich nun - gegen Bezahlung der Bewohner - um die Reparatur der Strom- und Wasserversorgung kümmerten: "Aber es ist deswegen doch nicht ihre Stadt."


Zusammengefasst: Manbidsch in Syrien ist vom IS befreit - doch die kurdischen Eroberer ziehen sich nicht wie geplant zurück. Nun stehen die Türken vor der Stadt, sie beobachten die Entwicklung nervös. Es droht eine neue Eskalation. Für die Menschen in der Stadt beginnt eine neue Zeit des Leidens.

insgesamt 26 Beiträge
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Sumerer 10.09.2016
1.
Ich gewinne mehr und mehr den Eindruck, dass Die Taktiererei der Mächte um das Abschlachten herum einem Ziel dient. Der IS ist nur ein Spielball in der Manege mit dem die Bevölkerung dort dezimiert werden kann. Damit sinkt die Gefährdung der Türkei in Südostanatolien, wenn ein zusammenhängendes Kurdengebiet vermieden werden kann. Zu diesem Zweck werden Waffen und Munition an den IS und auch alle anderen Kriegsparteien geliefert. Die wichtigste Investition der Türkei - das GAP - bleibt gesichert und die Kurden gleichzeitig niedergehalten.
brosswag 10.09.2016
2.
Eine erfreuliche Mitteilung . dass die USA mit Russland in Bezug auf die Situation in Syrien sich einigen konnten. Dies würde auch beinhalten, dass die USA nicht weiter die Rebellen zum Sturze Assads unterstützt. Sich damit einverstanden erklärt die Entscheidung über Assads Zukunft der syrischen Bevölkerung in Form einer Wahl zugesteht. Das wäre eine Zäsur in der amerikanischen eigennützigen Politik und eine wirkliche Hoffnung zu Frieden in Nahost.
fottesfott 10.09.2016
3. Fragiles Gleichgewicht, das den IS stabilisiert
So würde meine Analyse auf die ausgezeichnete Beschreibung dieses lokalen Teilaspektes des Syrienkrieges lauten. Man kann weder den Kurden, noch den Türken taktisches Geschick und geostrategisches Denken absprechen, im Falle der Kurden wohl auch auf Augenhöhe mit den Amerikanern. Haben sich die Amerikaner nett überlegt; die Kurden machen die Drecksarbeit und befreien Rakka, danach wird ihnen von Erdogan alles wieder abgenommen. Und wenn Erdogan den IS bekämpfen wollte, könnte er seine Panzer ja um Manbidsch herum nach Rakka rollen lassen. Wird er nicht tun. Die Amerikaner haben ohne eigene Bodentruppen keine ernsthafte Handlungsoption. D.h. die endgültige Vertreibung des IS aus Rakka bleibt das Faustpfand beider rivalisierender Parteien, Kurden und Türken. Den IS wird es freuen, Assad und die Russen dito.
spon-facebook-10000012354 10.09.2016
4. Wenig wahrscheinlich
Ein Konflikt zwischen Kurden und Türken ist hier in massiver Form wenig wahrscheinlich, da beide Seiten auf die Unterstützung durch die amerikanische und/oder russische Luftwaffe angewiesen sind. Es ist aber sehr unwahrscheinlich, dass sich die USA oder Russland auf türkischer oder kurdischer Seite mit Luftangriffen in diesen Konflikt einschalten, so dass es keinen Kampf um die Stadt geben wird. Allerdings wird es dort auch keine wirkliche Freiheit oder Frieden geben, so lange sich keine umfassende Lösung des Konflikts abzeichnet.
gldek 10.09.2016
5. USA sollten endlich eine klare Haltung beziehen
Die Türkei hat in Syrien rein gar nichts zu suchen. Das ist fremdes Staatsgebiet von dem aus für die Türkei keine echte Bedrohung ausgeht. Das Anti-Kurden-Süppchen Erdogan's dürfen die USA nicht mitkochen.
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